Es heißt, dass Erfolg einen Menschen verwandelt. Alexander Zverev, so wie er sich seit dem verwandelten Matchball im French-Open-Finale am Sonntag um 19.44 Uhr präsentiert, ist dafür derzeit ein gutes Beispiel. „Das gibt mir einige Freiheit“, sagte der Weltranglistendritte, nachdem er in seinem vierten großen Endspiel endlich einmal gewinnen konnte und ihm ein besonderer Eintrag in den Tennisgeschichtsbüchern sicher ist. „Mein Geist wird künftig ruhiger sein, wenn ich ein Finale spiele. Selbst wenn ich es verlieren sollte, werde ich Grand-Slam-Champion bleiben.“
Dass er im Augenblick seines größten Triumphs eine mögliche künftige Niederlage erwähnt – es zeigt, wie sehr ihm die wiederkehrenden Rückschläge zugesetzt haben. Und wie sie ihn verfolgen. Das US-Open-Endspiel 2020, als er gegen den Österreicher Dominic Thiem mit 2:0-Sätzen und einem Break führte, zum Matchgewinn aufschlug und trotzdem verlor. Das French-Open-Endspiel 2024 gegen Carlos Alcaraz, als er mit 2:1-Sätzen führte und verlor. Das Australian-Open-Finale 2025, als er gegen Jannik Sinner chancenlos blieb und so erschüttert war, dass er unmittelbar danach davon sprach, einfach zu schlecht zu sein für diese Tenniswelt.
Nicht mehr der Loser
Nicht auszudenken, wenn es am vergangenen Sonntag gegen seinen italienischen Kumpel Flavio Cobolli schon wieder schiefgegangen wäre. Kaum jemand hätte ihn dann noch als Jäger des ersehnten Schatzes eingeschätzt, sondern ihn eher auf die fortlaufende Liste der ewigen Verlierer gesetzt. „Er hatte eine Menge Druck, hat sich bis jetzt als Loser gefühlt, wie er gesagt hat“, sagte der Altmeister Boris Becker beim Sender Eurosport.
Den Druck spürte Zverev in seinem vierten Finale bis in die letzte Faser seines Körpers. Nachdem er zuvor zwei Pariser Turnierwochen lang seine Gefühle im Griff hatte, cool, konzentriert und topfit zu Werke ging und sich von kniffligen Situationen nicht aus der Ruhe bringen ließ, wurde er am letzten Tag angespannt. Er spielte verhaltener, haderte gelegentlich, wandte sich Hilfe suchend an den Vater. Dass er im vierten Satz leichte Krämpfe bekam, lag laut Zverev weniger an mangelnder Fitness, seiner Diabetes-Erkrankung oder den äußeren Umständen. Die Verkrampfung habe mentale Ursachen gehabt, erklärte der Hamburger nach seinem 6:1, 4:6, 6:4, 6:7 (5:7), 6:1-Erfolg und gab zu: „Wenn ich auch diesmal verloren hätte, hätte dies mein Selbstvertrauen weit runtergezogen. Aber nun, da ich es gewonnen habe, habe ich das Gefühl, es wieder schaffen zu können.“
Die Ruhe nach dem Titel, die kennen vor allem die Allergrößten. Roger Federer zum Beispiel. Nachdem er 2003 in Wimbledon sein erstes Grand-Slam-Turnier gewonnen und damit die letzten Zweifel an seinem Ausnahmetalent ausgeräumt hatte, spielte er befreiter auf. Ähnlich erging es dem Schweizer im Frühjahr 2009, als er die French Open gewann und damit seinen Karriere-Grand-Slam vollendete.
Novak Djokovic ist ruhiger geworden, seit er im Sommer 2023 bei den US Open seinen 24. Major-Titel gewann, und damit so viele hat wie kein anderer Mann. Der Serbe muss nicht länger verbissen auf die Jagd gehen, sondern kann seither versuchen, im Herbst seiner Karriere das Bestmögliche aus sich herauszuholen. Auch in der jüngsten deutschen Tennisvergangenheit gibt es ein gutes Beispiel: Angelique Kerber, die dem ersten Triumph 2016 in Australien wenige Monate später den zweiten in New York folgen ließ – und so locker wurde, zwei Jahre später leichten Herzens Wimbledon zu erobern.
Die Gunst der Stunde in Paris
Am Sonntag wurde Zverev nicht nur zum dritten deutschen Mann nach Boris Becker (sechs Titel) und Michael Stich (Wimbledonsieg 1991), der in der Profiära bei einem der vier wichtigsten Tennisturniere triumphierte. Er wurde auch zum ersten Grand-Slam-Sieger seit den US Open vor bald drei Jahren, der nicht Alcaraz oder Sinner heißt. Diesmal hatten der Spanier (verletzt) und der Italiener (Niederlage in Runde zwei), die sich vor einem Jahr ein mitreißendes Finale lieferten und die letzten neun Grand-Slam-Titel unter sich ausmachten, mit dem Ausgang in Paris nichts zu tun.

So wurde der Weg durchs Feld freier für Alexander Zverev. Die überraschenden Ausfälle der beiden überragenden Spieler der vergangenen Jahre sowie von Djokovic (Aus in Runde drei) als Wink des Schicksals zugunsten des Deutschen zu beschreiben, wäre eine Untertreibung. Das Schicksal hat vor Zverevs Augen heftig herumgefuchtelt. Das war eine einmalige Chance, die Freiheit zu erlangen – und zugleich eine außergewöhnlich schwere Bürde.
In der zweiten Turnierwoche musste der Hamburger damit umgehen, dass er für alle Tenniswelt zum neuen und einsamen Favoriten geworden war. Der Grand-Slam-Titel wirkte zum Greifen nahe, Zverev konnte nur noch verlieren. Er blieb bei sich und seiner Familie und erfüllte die Erwartungen. Die nicht ganz ernst gemeinte Journalistenfrage, ob er sich nun wie der schlechteste Spieler fühle, der je ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat, antwortete Zverev genauso leichthin: „Nichts könnte mich im Moment weniger kümmern.“
Schätzt irgendjemand auf dieser Tenniswelt Federers French-Open-Sieg 2009 geringer, weil der ewige Turnierfavorit Rafael Nadal überraschend im Achtelfinale an dem Schweden Robin Söderling scheiterte? Straucheln und Stürzen gehören zum Sport. Wer wüsste das besser als Zverev, der 2022 in Paris sein allerbestes Tennis zeigte, ehe er im Halbfinale gegen Nadal umknickte und sich schwer verletzte. Nach all der „harten Arbeit und Beharrlichkeit“, würdigte der Spanier am Sonntag Zverevs Triumph, „hast du es absolut verdient“.
Den Glauben nie verloren
Auch wegen des Fehltritts vor vier Jahren hatte es eine ganze Weile so ausgesehen, als ob der Deutsche zum Gesicht einer verlorenen Generation würde. Er schien zu den Talenten von der traurigen Gestalt zu gehören, die wenig ausrichten konnten gegen die alten und neuen Dominatoren. Zverev, Stefanos Tsitsipas, Andrej Rublew und Daniil Medwedew kamen auf die Profitour, als Federer, Nadal und Djokovic so gut wie alle Titel gewannen. Nahezu übergangslos übernahmen danach Alcaraz und Sinner die Weltherrschaft im Herrentennis. Bis zum Sonntag war einzig Medwedew ein großer Erfolg (US Open 2021) gelungen. Er habe sich von der Durststrecke nicht kirre machen lassen, behauptete Zverev in Paris: „Ich habe immer geglaubt, dass ich einen gewinnen werde.“
Seine Titelansammlung ist nun komplettiert: nach den frühen Erfolgen bei Masters-Turnieren, der Kategorie unter den Grand Slams, den beiden Siegen bei den ATP Finals, der olympischen Goldmedaille 2021. Dass er seine 25 Profititel trotz Diabetes Typ 1 gewonnen hat, macht Zverevs Leistung noch außergewöhnlicher. Seine Autoimmunerkrankung wollte er am Sonntag nicht zum großen Thema machen. „Es ist aber wichtig für viele Kinder und viele Eltern da draußen, die sehen, dass man auch mit dieser Krankheit alles erreichen und seine Träume erfüllen kann.“
Dass er allen Widrigkeiten erfolgreich getrotzt hat, empfindet der Neunundzwanzigjährige als „Erfüllung“. Er hoffe, „dass auch mental etwas bei mir geplatzt ist“. Ob damit die Erinnerung verblasst an den alten Zverev? An den jungen Mann, der zwar über großes Talent und eine enorme Fitness verfügt, jedoch oft verkniffen und manchmal verzweifelt seinem Tennistraum nachjagte. An den Heißsporn, der seinen Trainer-Vater in der Box um Rückmeldung anflehte, oft irgendetwas zu meckern hatte, wütend mit dem Tennisschläger hantierte und sich Vorwürfen häuslicher Gewalt ausgesetzt sah. An den, der als „Der Unvollendete“ galt, wie eine gerade erschienene und schon jetzt veraltete Biographie betitelt ist.
Vermutlich in einigen Tagen oder Wochen wird Alexander Zverev bemerken, welche Freiheit er sich wirklich erobert und welche Folgen die Verwandlung vom scheinbar ewigen Jäger zum Gejagten hat. Schon in einer Woche im ostwestfälischen Halle und kurz darauf in Wimbledon wird er als Grand-Slam-Champion auflaufen. Und, wenn alles gut geht, im kommenden Jahr als Titelverteidiger nach Roland Garros reisen. „Natürlich möchte ich noch ein paar davon gewinnen“, sagte Alexander Zverev am Sonntag mit Blick auf die Trophäe. Die alte Jagd ist vorbei. Nun beginnt die neue.
