
Der Schutz von Unterseekabeln war lange ein Thema für Spezialisten. Doch seitdem es in der Ostsee sowie an der Taiwanstraße wiederholt zu Zwischenfällen gekommen ist, in denen Kabel offenbar mutwillig durchtrennt wurden, steht es bei vielen Ländern weit oben auf der Agenda. Da mehr als 95 Prozent des gesamten Internet- und Datenverkehrs unter dem Meer transportiert werden, können Störungen großen Schaden anrichten.
Zusammen mit den zahllosen Öl- und Gaspipelines sowie Stromverbindungen unter Wasser gehören die Datenkabel zu den „Arterien der modernen Zivilisation“, wie es der australische Verteidigungsminister Richard Marles am Wochenende beim Shangri-La-Dialog in Singapur formulierte. „Der Meeresboden ist ein Schlachtfeld“, so der Minister.
Der Schutz von kritischer Infrastruktur unter Wasser gehört dabei zu den Fragen moderner Verteidigung, die auch den Einsatz von Drohnen, Künstlicher Intelligenz, Quantencomputern und die Kriegsführung im All umfassen. „Was wir heute beobachten, ist, dass wir uns im militärischen Bereich von ganz unten, unter dem Meer, bis hinauf in den Weltraum bewegen“, hatte Frankreichs Verteidigungsministerin Catherine Vautrin in Singapur gesagt.
Das Thema Unterwasserkabel war diesmal dabei nicht nur Teil von Diskussionen, sondern auch konkreter Ankündigungen. Am Rand der Konferenz haben sich erstmals 17 Länder aus Europa, dem Nahen Osten und dem Indopazifik zu einem Rahmenabkommen zum Schutz von Unterseekabeln zusammengeschlossen.
In Berlin sind offenbar die Zuständigkeiten unklar
Das Abkommen ist nicht bindend und weitgehend symbolisch. Aber die Unterzeichner der Guiding Principles for Underwater Infrastructure Defence Exchanges (GUIDE) nehmen sich vor, die Souveränität und Rechte der Küstenstaaten zu respektieren und etwa bei Technik und im Informationsaustausch miteinander zu kooperieren.
Zu den Zielen gehört es, auf Probleme und Angriffe in Zukunft schneller reagieren zu können. Die Unterzeichner erkennen dabei an, dass die Verantwortung in erster Linie bei den privaten Betreibern der Netze liege. Es seien noch nicht alle Antworten gefunden, räumte Singapurs Verteidigungsminister Chan Chun Sing nach der Unterzeichnung ein.
Dem Minister zufolge könnten sich weitere Länder anschließen, wenn sie die heimischen Verfahren dazu abgeschlossen hätten. So ist zum Beispiel auch Deutschland vorerst nicht dabei, weil in Berlin offenbar die Zuständigkeiten unklar sind. In Europa gibt es aber auch bereits Initiativen von NATO und EU, die das Problem angehen wollen. Eine Zusammenarbeit mit den Ländern in Asien trägt dabei der Tatsache Rechnung, dass es sich um eine Herausforderung handelt, die über die Grenzen von Regionen hinausgeht. „Jede Störung in einem Teil des Netzes ist eine Störung im gesamten Netz“, hatte Verteidigungsminister Sing erklärt.
99 Prozent des Internetverkehrs über 15 Unterseekabel
Thanos Dokos, der Nationale Sicherheitsberater des griechischen Ministerpräsidenten, wies in einem Redebeitrag zudem darauf hin, dass der Schutz und die Reparatur von Unterwasserkabeln nur in Kooperation stattfinden könnten. „Denn wenn wir nur den Teil des Kabels schützen, der durch unsere eigenen Hoheitsgewässer verläuft, und es dann im Nachbarland beschädigt wird, leiden wir alle darunter“, so der Grieche.
Australiens Verteidigungsminister erinnerte wiederum daran, dass seine Heimat als Inselstaat zu den Ländern gehört, die der Bedrohung am stärksten ausgesetzt seien. Rund 99 Prozent des australischen Internetverkehrs würden über nur 15 Unterseekabel fließen, sagte Marles. Australiens Zugang zu Finanz- und Gesundheitssystemen, Kommunikation, Geheimdienstpartnerschaften und den „Fähigkeiten, als moderne Wirtschaft und funktionierender Staat zu agieren“, könnten mitten in der Nacht allein mithilfe eines Ankers durchtrennt werden.
In den vergangenen 18 Monaten habe die Welt Angriffe in diesem Bereich „in einem Ausmaß und einer Häufigkeit“ erlebt, „die in der Geschichte beispiellos sind“, so der Minister. Marles nannte mehrere Vorfälle in der Ostsee und der Taiwanstraße, für die überwiegend China und Russland verantwortlich gemacht werden. „Nun, vielleicht waren dies Unfälle“, sagte der Australier. „Aber selbst wenn dem so wäre, unterstreicht dies die Verwundbarkeit dieses entscheidenden Teils der globalen Infrastruktur.“
Diese Einsicht hat wohl auch dazu geführt, dass Australien in Singapur eine Vereinbarung für ein neues Projekt zur Entwicklung von Unterwasserdrohnentechnologie im Rahmen des AUKUS-Sicherheitspakts mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten unterschrieb.
Das neue Vorzeigeprojekt als Teil der bisher vernachlässigten sogenannten zweiten Säule des Pakts soll ausdrücklich auch dem Schutz von Unterwasserkabeln dienen. Es ist ein wichtiger Fortschritt für AUKUS, dessen erste Säule die Lieferung von US-Technologie zum Bau atombetriebener U-Boote an Australien umfasst. Denn mit den U-Booten geht es nicht so voran wie erhofft. So musste Marles in Singapur auch verkünden, dass Australien nur drei gebrauchte und anders als geplant keine neuen U-Boote der amerikanischen Virginia-Klasse kaufen wird, bis die U-Boote aus eigener Herstellung zur Verfügung stehen.
Gerade Australien wird sich auch immer stärker seiner regionalen Verantwortung bewusst. So würden einige der pazifischen Inselstaaten in Australiens Nachbarschaft nur von einem einzigen Kabel versorgt, berichtete Marles in Singapur. Und das, was die Nachbarn bedrohe, sei letztlich auch für jeden selbst eine Gefahr.
