
Die Klimaverfehlungen im Gebäude- und Verkehrssektor sind ein Dauerthema. Aber nicht nur in diesen beiden Bereichen gibt es viel zu tun, damit die Treibhausgasemissionen schneller sinken. Es wird Zeit, dass die Politik auch den Klimaschutz im Sektor LULUCF stärker voranbringt.
LULUCF – hinter dieser Abkürzung verbirgt sich die sperrige Kategorie „Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft“ im Bundesklimaschutzgesetz. Gemessen wird, wie sich die Bewirtschaftung und Umwandlung von Flächen auf die Treibhausgasemissionen auswirken. Erfasst werden Wälder, Ackerland, Grünland, Feuchtgebiete, Siedlungen und sonstiges Land. Es gibt eine Besonderheit, die diesen Bereich eigentlich zum Primus aller Klimasektoren macht: die Senkenleistung. Über Bäume, Gräser, Feldfrüchte und weitere Pflanzen wird Kohlenstoffdioxid aus der Luft gebunden und Kohlenstoff in der Vegetation, in Böden und Holzprodukten gespeichert. Die Politik hat dem Sektor deshalb die Aufgabe des Klimahelfers zugewiesen: Bis 2030 müssen jährlich mindestens 25 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente, bis 2040 mindestens 35 Millionen Tonnen und bis 2045 mindestens 40 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente gespeichert werden.
Wald und Moore stellen die Klimapolitik vor eine Herkulesaufgabe
Diese Ziele werden jedoch „deutlich verfehlt“, stellte der unabhängige Expertenrat für Klimafragen vor Kurzem fest. Hinzu kommt: Die Bundesregierung packt die Probleme im LULUCF-Sektor auch mit ihrem neuen Klimaschutzprogramm nicht ausreichend an. Die geplanten Maßnahmen unter Regie von Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) reichten „bei Weitem“ nicht, monierte der Expertenrat.
Zweifellos stellt der Sektor die Politik vor eine Herkulesaufgabe. Den hitzegeschädigten Wald zu einer stabilen Treibhausgassenke zu entwickeln, ist ein Generationenprojekt. Erschwerend wirkt, dass die Risiken weiterer Wetterextreme eher noch zunehmen. Die Politik sollte sich angesichts dieser Unsicherheiten mit kleinteiligen Vorgaben für klimaangepasstes Waldmanagement zurückhalten. Die zweite Großbaustelle sind Moore, die einst mühsam für die Gewinnung von Acker- und Grünlandflächen trockengelegt wurden. Ihr Anteil an der landwirtschaftlich genutzten Fläche liegt zwar nur bei 8 Prozent. Aber aktuell stammen rund 7,5 Prozent aller deutschen Treibhausgasemissionen und sogar mehr als 40 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen aus entwässerten Moorböden.
Eine Trendwende ist nicht in Sicht
Minister Schneider will Moore von Emissionsquellen zu Kohlenstoffsenken umwandeln. Dafür müssen Äcker und Wiesen wiedervernässt werden. Erträge aus traditioneller landwirtschaftlicher Nutzung lassen sich dann nicht mehr erzielen. Schneiders Prestigeprojekt ist ein neues Förderprogramm für die Bewirtschaftung nasser Moorflächen. Es soll helfen, nachhaltige und wirtschaftlich profitable Produkte aus Moorpflanzen, etwa Dämmstoffe oder Verpackungen, zu entwickeln, und damit Moorbauern verlässliche Einkommensquellen sichern. Schneider frohlockte, mit dem Förderangebot werde eine „Trendwende“ eingeleitet. Das ist allerdings wenig realistisch.
Die Zahlen mögen auf den ersten Blick beeindrucken: Mithilfe des neuen Förderprogramms soll sich die Gesamtfläche nasser Moore in den nächsten Jahren nahezu verdoppeln, von derzeit rund 100.000 Hektar um weitere 90.000 Hektar. Das wäre ein Zuwachs etwa von der Größe Berlins. Bis Ende 2029 stehen Fördermittel von rund 1,75 Milliarden Euro aus dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz bereit. Für das Ziel der Klimaneutralität reicht das aber bei Weitem nicht. Dafür müssten bis 2045 insgesamt rund 1 Million Hektar wiedervernässt werden, schätzen Fachleute.
Werden die Landwirte mitmachen?
Welchen Beitrag das Moorprogramm leisten kann, hängt davon ab, ob die Landwirte mitmachen. Man darf nicht vergessen: Die Wiedervernässung ist eine auf Dauer angelegte ökonomische Richtungsentscheidung. Das Förderangebot ist jedoch naturgemäß auf ein paar Jahre begrenzt. Außerdem hat es riskante Schwachstellen, angefangen von fehlender Moorkompetenz des Projektträgers Landwirtschaftliche Rentenbank bis zur Fokussierung auf nasse Bewirtschaftung. Die fehlenden Wertschöpfungsketten für Biomasse aus Moorpflanzen kann der Staat jedoch nicht herbeifördern; hier ist der Markt gefragt.
Vor allem aber ist die Förderpolitik in sich widersprüchlich: Einerseits sollen „Leuchtturmregionen“ für klimagerechte Moorbewirtschaftung entstehen. Andererseits wird Landwirtschaft auf trockengelegten Moorböden weiterhin hoch subventioniert. Eine stimmige Politik sieht anders aus. Die Moorförderung und mit ihr die Klimapolitik für den LULUCF-Sektor stehen auf schwankendem Grund.
