
Das Imperium hat schnell zurückgeschlagen. Nachdem zu Beginn des Filmfestivals von Cannes mehr als sechshundert Filmschaffende in einem offenen Brief vor dem „wachsenden Einfluss der extremen Rechten“ und insbesondere des rechtsextremen Medienmoguls Vincent Bolloré auf das französische Kino gewarnt hatten, ging der Chef des im Zentrum der Debatte stehenden Fernsehsenders Canal+ zum Gegenangriff über.
Am Rande eines Produzentenbrunchs in Cannes teilte Maxime Saada mit, sein Konzern werde mit den Unterzeichnern der Petition gegen seinen Hauptaktionär Bolloré nicht mehr zusammenarbeiten.
„Faschistische Kontrolle über das kollektive Bewusstsein“
Sollte Saada diese unverhohlene Drohung wahr machen, stünden fortan die Namen etlicher Stars der Branche auf der schwarzen Liste eines Senders, der zu den größten Finanziers des französischen Kinos zählt. Juliette Binoche, Adèle Haenel, Anna Mouglalis, Yolande Moreau sowie die Regisseure Raymond Depardon und Arthur Harari, der gerade in Cannes mit dem Film „L’Inconnue“ im Wettbewerb steht, hatten den Aufruf unterzeichnet. Sorge bereitet ihnen insbesondere die angekündigte Übernahme der Kinokette UGC durch Vincent Bolloré.
UGC betreibt 48 Kinos mit insgesamt 510 Sälen überall in Frankreich und zählt damit zu den größten Kinobetreibern des Landes. Mit einer Übernahme könnte Bolloré in der Lage sein, die gesamte Produktionskette des Kinos, von der Finanzierung und Produktion bis zur Ausstrahlung, zu kontrollieren, hieß es in dem Aufruf. „Wenn wir das französische Kino in den Händen eines rechtsextremen Unternehmers lassen, riskieren wir nicht nur eine Vereinheitlichung der Filme, sondern auch eine faschistische Kontrolle über das kollektive Bewusstsein.“
Mit der Drohung, die der Chef von Canal+ nun ausgesprochen hat, sehen die Unterzeichner ihre Befürchtungen bestätigt. „Können wir noch an die Unabhängigkeit von Canal+ gegenüber dem rechtsextremen Milliardär glauben, gegen den es nun offiziell unmöglich ist, sich zu äußern?“, fragten sie in einer rasch veröffentlichten Replik auf die Drohung von Saada. Unterstützung erhalten sie, so wird berichtet, vor allem in Cannes von einer Branche, die jetzt zu kollektiven Pfeifkonzerten anhebt, wann immer das Logo von Canal+ auf den Leinwänden des Festivals erscheint.
Der Fall weist indes weit über die Welt des Kinos hinaus. Er zielt mitten hinein in einen Kulturkampf, der in Frankreich mit dem Verlag Grasset erst vor Kurzem ein renommiertes Opfer gefordert hat – Hunderte (auch internationale) Autoren hatten das Traditionshaus aus Solidarität mit dem von Bolloré geschassten Verleger Olivier Nora verlassen.
Ein Verlag ohne seine besten Autoren? Ein Kino ohne namhafte Schauspieler, Regisseure und Produzenten? Ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen, die erstmals ein Kandidat der extremen Rechten gewinnen könnte, weitet sich die politische Kampfzone in Frankreich ins kulturelle Leben aus.
