Franz von Assisi – dieser kleine große Mann aus Umbrien – kann auf seine „Fans“ zählen; er ist populär wie kaum ein anderer, verehrt von Theologen und Laien, Gläubigen und Ungläubigen, Künstlern, Erwachsenen und Kindern – ein Heiliger, der Grenzen zwischen Völkern, Konfessionen, Zeit- und Lebensaltern zu sprengen vermochte. Wer jedoch annimmt, seine weltweite Akzeptanz beruhte vornehmlich auf seiner Person, seiner Lebensform oder Aura, irrt. Da zählen weniger religiöse, hagiographische oder kirchengeschichtliche Quellen, die Erstaunenswertes offenlegen, als vielmehr eines: der „Sonnengesang“. Mit ihm wird er „identifiziert“, er ist sein Erkennungszeichen, sein klingender Fußabdruck. Dahinter verblassen Vita, Zeitumstände, Strahl- und Wirkkraft dieses so liebevoll titulierten poverello (kleinen Armen), die – je mehr man versucht, ihnen auf die Spur zu kommen – eine weitaus größere Bewunderung auslösen.
Allein schon sein soziales Engagement beschämt, ist der Gegenentwurf zu jeder Form menschlicher Zurückhaltung oder Abwehr. Er umarmt den Aussätzigen, nennt ihn Bruder, küsst ihn. Verbitterung, Frustration, Verachtung scheinen ihm fremd gewesen zu sein, obwohl sein Leben reich an Enttäuschungen war, er Krankheiten, Entbehrungen aller Art erleiden musste und sich selbst zu asketischer Lebenshaltung verpflichtete. Glaubten ihm seine Brüder wirklich, dass man ohne Geld, Haus, Kleidung, Speise (über-)leben kann?
Er brach mit den Erwartungen seiner Generation
Wieso konnte ein junger Mann, der im „finsteren“ Mittelalter das Glück einer angesehenen Herkunft genoss, der feierte, lachte, sich im Wohlstand sonnte, plötzlich alles hinter sich lassen? Dieser verwöhnte Sohn des stadtbekannten Tuchhändlers, dem Status und Geldpolster ein genussvolles Leben ermöglichten, riskierte nach wenigen Bekehrungserlebnissen, die eher bruchstückhaft überliefert sind, den radikalen Bruch mit allem, was zuvor seinen Alltag bereichert hatte, und das waren nicht nur die usuellen Gepflogenheiten und die öffentliche Anerkennung – „Seht, da kommt der Sohn des reichen Pietro di Bernardone!“ –, sondern auch jene Annehmlichkeiten und Freuden, die Bildung, Luxus, Stil und soziales Umfeld bereithielten. Franz jedoch brach mit den Erwartungen seiner Generation und Familie und wurde ihnen ein Fremder.

Die Szene auf dem Marktplatz von Assisi – Franziskus, der sich vor den Augen der Stadt entkleidet und dem Vater die Kleidung vor die Füße wirft – ist einer der großen Theatermomente der Religionsgeschichte. Der Bischof, der den nackten Jüngling mit einem Tuch bedeckt, wirkt wie ein Regisseur, der ahnt, dass hier ein neues Drama beginnt. Ja, das ist der entscheidende Kick, die Katharsis seines Lebens; es ist der Moment, wo er aus der Welt hinausgeht, um bereits auf Erden das Himmelreich zu finden. Darum betritt er seine neue Gegenwelt nicht mit Wehmut oder Verzichtängsten, sondern gelöst und geläutert. Er ist frei, fühlt sich befreit, da er allen Ballast des Weltlichen und alles zuvor Gewesene abgestreift hat. Paul Sabatier sieht ihn auf seinem Weg „die Frühlingsdüfte einatmen und mit voller Kehle eines der französischen Minnelieder singen, die er früher gelernt hatte“ – ein Bild, das ihn weniger als Asketen denn als Troubadour zeigt.
Lerchen sangen zu seinem Tod
Von nun an wird die Suche nach der „wahren vollkommenen Freude“ zu seinem Leitfaden. „Beweise“ dafür, dass sie Franz in der Stunde seines Todes gewährt wurde, bieten verklärende Erinnerungsbilder seiner Zeitgenossen, schwebend zwischen Mystik und Poesie. Ihre liebevollen Schilderungen wollen nicht seine Todesstunde „dokumentieren“, sie wollen den Verklärungsmoment des Heiligen nacherlebbar machen: So sah einer der Jünger, Jakob von Assisi, „die Seele des heiligsten Vaters geradewegs über viele Wasser hinweg in den Himmel aufsteigen. Sie war wie ein Gestirn, an Größe dem Mond gleich, hatte aber irgendwie den Glanz der Sonne und ward von einem lichten Wölkchen emporgetragen.“ Und ein anderer, Thomas von Celano, sah sogar „singende Lerchen“ herbeifliegen, die ihre Kreise über dem Toten zogen. Zu erklären vermochte er seine Vision nicht, wusste auch nicht, „ob sie so in ihrer Weise mit Gesang Freude oder Trauer zeigen wollten“, und: „Weinender Jubel und jubelndes Weinen war ihr Lied, sei es, dass sie die verwaisten Söhne beklagten, sei es, dass sie anzeigen wollten, dass sich Franziskus der ewigen Glorie nähere.“
Ähnliche wundersame Erzählungen „illustrieren“ in großer Zahl die Vita des Heiligen, wobei die Jugendzeit meistens ausgeblendet bleibt, wohl auch darum, weil sie das tradierte Heiligenbild stören könnte. Die Biographien – ebenfalls widersprüchlich, legendär, lückenhaft – gestatten uns nur wenige Inseln der Gewissheit: Belegt sind Geburt 1182, Gefangenschaft nach den Auseinandersetzungen zwischen Perugia und Assisi 1202/03, Krankheit 1204, die abgebrochene Teilnahme am Kriegszug nach Süditalien 1205. Inwiefern bereits hier erste Impulse gelegt wurden, die seine Werteumwandlung auslösten, ist unklar. Als Initiationserlebnis gilt die Anrede des Gekreuzigten vom Bildkreuz in San Damiano, seine Kirche wieder aufzubauen. Sie wirkt wie ein göttlicher Imperativ. Und Franziskus baut – nicht nur Mauern, sondern seine neue geistliche Lebensform, basierend auf der Nachfolge Christi. 1206 geschieht der Bruch mit der Familie, 1210 erfolgt die Anerkennung der Ordensregel durch Papst Innozenz III., 1223 ihre endgültige Bestätigung durch Papst Honorius III.
Die Vita wurde erst lange nach seinem Tod geschrieben
1224 empfängt Franz die Wundmale. Schwere Erkrankungen begleiten ihn während seiner letzten beiden Lebensjahre. Am meisten belastet ihn die schleichende Erblindung, wohl eine Trachom-Infektion (auch ägyptische Augenentzündung genannt), die er sich vermutlich 1220 während seiner Reise nach Ägypten zugezogen hatte. Im Frühjahr 1225 riskiert er erfolglos einen grausamen pseudomedizinischen Eingriff, bei dem mit einem glühenden Eisen, ohne Narkose, eine Ätzung vorgenommen wurde. In diesem Jahr dichtet er den „Sonnengesang“, obgleich er das Sonnenlicht nicht mehr sehen kann. Er stirbt 1226, nackt auf der Erde liegend und die Arme ausgebreitet zum „Tau“, dem Zeichen des Segens und des Friedens. Das ist genau achthundert Jahre her – Grund und Anlass, an diesem 3. Oktober 2026 seines Todes zu gedenken.

Konkrete Schilderungen zum Todestag, zu entscheidenden Bekehrungsmomenten oder biographischen Ereignissen fehlen. Heute wären die Fernsehkameras gleich vor Ort, Reporter und Zeitzeugen dokumentierten, was Fakt ist, hier jedoch haben wir genau das Gegenteil: Erst Jahre später erscheinen die Erzählungen und Legenden, die Leben und Aura des Heiligen entweder verkürzt, liebevoll ausgeschmückt oder verfremdet haben. Bilddokumente wie zum Beispiel Giottos herrliche Fresken haben sie hagiographisch kanonisiert.
Erinnert sei an die Missionsreise ins Heilige Land (1219/20), auf der Franziskus versucht hatte, den blutigen Krieg zwischen Muslimen und Christen zu beenden und den Sultan von Ägypten zu bekehren. Angeblich hatte er vor ihm gepredigt und die Feuerprobe erwünscht, um die Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Islam zu beweisen. Fakt hingegen ist: Der Sultan blieb höflich, irgendwie schien ihn dieser kleine „Glaubenseiferer“ beeindruckt zu haben, beschenkte ihn und entließ ihn mit hoheitlicher Konzilianz.
Erträumte er den Sonnengesang?
Bereits dieses Beispiel dokumentiert die unterschiedliche Wahrnehmung realer und verklärter (unwahrer wäre das falsche Wort) Ereignisse. Letztere dominieren, da sich ihre prägnanten Szenarien, einprägsamen Bilder und vermeintlich authentischen Zitate dem kulturellen Gedächtnis eingeschrieben haben: Sie lassen vor unserem geistigen Auge jenen liebenswerten und tierliebenden Heiligen entstehen, der mit Vögeln spricht, wilde Tiere zähmt und von Engeln inspiriert oder gestärkt wird. Schon zu Lebzeiten sahen ihn Zeitzeugen „in Gedanken in die unermessliche Herrlichkeit und Seligkeit des ewigen Lebens“ eintauchen, glaubten, dass ihm im Traum ein musizierender Engel erschienen sei und ihn mit einer „so wunderbaren Melodie erfreut habe, dass ihm die Seele ganz hinschmolz und sich von allem sinnhaften Fühlen löste“. Könnte eine derart „wunderbare Melodie“ seinen berühmten Cantico del sole inspiriert haben?
Ihn dichtete Franz, als er das Sonnenlicht nicht mehr sehen konnte, und jubelnd besang er die Schönheit der Welt, als er sterbenskrank darniederlag. Der „Sonnengesang“ ist sein Vermächtnis – ein Hymnus, der nicht nur die Schönheit der Welt feiert, sondern zugleich die metaphysische Spannung zwischen Himmel und Hölle offenlegt. Obgleich eben als „Sonnengesang“ oder „Lob der Geschöpfe“ überliefert, preist sein ehrfürchtiges Gebet zuallererst den „höchsten, allmächtigen guten Herrn“. Dessen Weisheit ist alles unterstellt; allein ER segnet oder verwirft die Erwartungen und essenziellen Hoffnungen der Betenden. Ihm allein ist die Schönheit des Himmelsraums, der Sonne und der Gestirne zu verdanken, des Weiteren die Erde mit ihrer herrlichen Flora und Fauna, womit bereits aktuelle Themata berührt werden wie „Biodiversität“, Umweltbewusstsein und Bewahrung der uns geschenkten „Mutter Erde“. Es sind vorrangig diese Aspekte, die Franziskus aus heutiger Sicht so „modern“ gemacht haben. Nur lassen sie Wesentliches draußen vor, schlägt er doch einen weiten Bogen, gespannt zwischen Himmel und Hölle.
Vom kompletten Text des Franziskus sind wir Heutigen überfordert
Er beginnt bei dem „Allerhöchsten“, dem Schöpfer und Urheber unseres (Da)Seins, und endet bei dem gefährlich teuflischen „zweiten Tod“. Diese Zeilen, die Franziskus später ergänzt hat, werden sowohl bei theologischen Betrachtungen wie auch künstlerischen Übertragungen gern „vergessen“, weil sie nicht in das Bild des so sanftmütigen Heiligen passen. Diese Strophe ist die brutalste, bevor der Schlussrefrain einsetzt. Nachdem sie eingangs „unseren leiblichen Tod, dem kein lebender Mensch entrinnen kann“, besungen hat – mit der liebevollen Anrede als „Schwester“ (im Italienischen ist der Tod weiblich) eignet ihm etwas Fürsorglich-Vertrautes –, folgt die Warnung vor dem „zweiten, endgültigen Tod“, dem Sturz in die Hölle, dem nur jene Menschen „entrinnen können“, die ein sündenfreies Leben geführt haben. Demzufolge ermahnte Franz seine Brüder, „alles Irdische zu verachten und sich selbst niemals mit selbstischer Liebe zu lieben“. Des Weiteren lehrte er sie, „nicht nur die Laster zu ertöten und die Begierden des Fleisches zu unterdrücken, sondern auch die äußeren Sinne, durch die der Tod in die Seele eingeht“. Das ist mehr als stark und überfordert heutige Leser.

Dass aktuelle Lauden-Vertonungen oder -illustrierungen, die auf öffentliche Akzeptanz, Mitsing- und Mitswingbegeisterung zielen, nicht an geistvoller oder werkadäquater Wiedergabe interessiert sind, dürfte klar sein – Hauptsache, sie sind marktrelevant. Diesem Geschäftsmodell entspricht unter anderem das beliebte „Laudato si, o mi Signore“, das auf Youtube als angeblich „schönstes Kirchenlied“ eingestellt ist. Mit swingendem Rhythmus und primitiver Sequenzierung der immergleichen Phrase, die popähnlich hochgeschraubt und mit sentimentalem Sound ins Netz gestellt wird, animiert es zu fröhlichem Hüftschwung – für mich unerträglich, selbst wenn verspätete Jugendbewegte leuchtende Augen bekommen.
Diese Lauda ist kein Wohlfühlprodukt, sie ist ein geistliches Kunstwerk. Sie ist das erste überhaupt in italienischer Sprache, in umbrischem Dialekt, und zugleich Spiegel des Lebensideals von Franziskus. Sie hat bis heute unzählige Komponisten, Maler, Skulpteure, Romanschreiber, Wissenschaftler und Theologen zu hochinteressanten Forschungen und künstlerischen Deutungen angeregt.
Ein christlicher Orpheus
Sie ist undenkbar ohne die Respektierung des Heiligen als „Spielmann Gottes“. Gaukler sollten auch Franz’ Mitbrüder sein: „Denn was sind die Knechte Gottes, was sind sie anderes als Spielleute des Herrn, die an die Herzen der Menschen rühren sollen, um ihnen heilige Freude zu bringen?“ Und er präsentierte sich ihnen als Vorbild: als Troubadour und Minnesänger. Im letzten Jahrhundert wurde er sogar als „christlicher Orpheus“ gewürdigt und künstlerisch repräsentiert. Gilbert K. Chesterton bestätigte ihn als „Minnesänger Gottes, einen in Gott Verliebten“, der zugleich „ein die Menschen Liebender“ war. Vielleicht ist es genau diese doppelte Liebe, derer man sich erinnern sollte.
Minnesänger sind undenkbar ohne ein Ideal, das sie singend verherrlichen. Wer also war die Angebetete des Franziskus? Es war nicht die „Armut“, wie gern behauptet wird und Giotto auf seinem Gemälde „Die Vermählung des hl. Franz mit der Armut“ (um 1320) festgeschrieben hat. Chesterton hat dieses kolportierte Rezeptionsmuster korrigiert und auf die früheste Aussage des Zeitzeugen Thomas von Celano (1228) zurückgeführt: „Eine Liebe, über alles menschliche Begreifen hinaus, ergriff ihn, wenn er deinen Namen, heiliger Herr, nannte. Dann war er ganz des Jubels und der keuschesten Freude voll, und er schien wirklich ein neuer Mensch zu sein und aus einer anderen Welt zu stammen.“ Und die „Dreigefährtenlegende“ ergänzt, dass „die süße Melodie, die er in seinem Herzen trug, sich in französischen Lauden ergoss; und der göttliche Quell, dessen Raunen sein Ohr im Verborgenen lauschte, dann in einem Jubellied in provenzalischer Mundart hervorbrach“. Diesen tanzenden singenden Franziskus hat der Radierer Jürgen Czaschka ein wenig frech und doch treffend zugleich zu deuten vermocht.
Die Vision dieser Laude und die ihres Schöpfers hat der große spätmittelalterliche Dichter Dante in eine der schönsten Würdigungen des Heiligen gegossen: „Mit Franziskus aus Assisi wurde der Welt eine Sonne geboren.“ Das ist ein unglaublicher Satz. Er hebt Franziskus aus der mittelalterlichen Welt heraus und stellt ihn in eine Zukunft, die wir später Aufklärung nennen, stellt ihn vielleicht sogar in eine Zukunft, die noch vor uns liegt. Damit ist der „Sonnengesang“ weit mehr als nur Gottes- und Schöpfungslob, er ist Spiegel dessen, wie sich der Heilige verstand: nicht als leidend Stigmatisierter, als überheblicher Christus-Doppelgänger, sondern als „Spielmann Gottes“.
Ute Jung-Kaiser lehrte bis zur Emeritierung Musikpädagogik in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien „Der ‚Freudenschrei‘ des Franziskus – Zur geistlichen, menschlichen und ästhetischen Faszination des Poverello aus Assisi“ (Olms Verlag).
