Am Montag kam ein Techniker zu sehr guten Bekannten. Es ging um den Fernseher. Seit Monaten musste der immer wieder neu mit dem Internet verbunden werden. Es war für die beiden Berufstätigen nicht einfach, sich die sechs Stunden, die der Techniker als Zeitfenster angegeben hatte, freizuschaufeln, aber was muss, muss. Schließlich kann man sich heute glücklich schätzen, überhaupt einen Handwerker zu bekommen – und am Dienstagabend kam Champions League.
Der Techniker machte irgendwelche Messungen, konnte aber keinen Fehler feststellen. Er blickte auf die Stecker hinterm Fernseher. Dann sagte er, es sei zwar nicht seine Aufgabe, aber: Stecken Sie doch mal das Kabel da hinein und nicht da. Sieh da: Der Fernseher funktionierte wieder tadellos.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die kleine Geschichte könnte uns eine Mahnung zum Tag der Arbeit sein. Es gibt inzwischen ja ganz viele Leute, die nicht einmal mehr die kleinsten praktischen Probleme ohne Hilfe lösen können. Woran das liegt? Geräte werden heute bewusst so gebaut, dass man sie auch als geschickter Laie kaum mehr reparieren kann. Außerdem haben viele Berufe mit der Bewältigung des Alltagslebens nicht mehr das Geringste zu tun.
Die Auslagerung praktischer Arbeit hat ihren Preis. Es wird ja viel beklagt, dass das Wohnen so teuer geworden sei und dass sich kaum mehr jemand ein Eigenheim leisten könne. Dafür gibt es sicher politische Gründe. Aber es liegt eben auch daran, dass heute kaum mehr einer selbst beim Hausbau mitmachen kann oder wenigstens einen kennt, der im Bad die Fliesen legen könnte, und einen anderen, der Ahnung von der Elektrik hat. Es wird auch moniert, dass zu viel weggeworfen werde, Kleidung etwa. Ein Grund dafür ist, dass kaum mehr jemand Socken stopfen kann.
Das Praktische steht möglicherweise vor einem Comeback
Über Jahrzehnte wurde dieser Entwicklung auch kulturell Vorschub geleistet. „Von ihrer Hände Arbeit“ zu leben, galt zunehmend als verpönt und vertrug sich nicht mit dem aufkommenden Naildesign. Dieser Text soll gewiss kein Plädoyer sein gegen die freie Berufswahl, gegen Geistesarbeit oder gegen das Abhängen in Parks als Ausdruck der „Nicht-Identifikation mit euren Werten“ (Die Ärzte).
Aber gerade für einen eingefleischten Anhänger der Marktwirtschaft muss es erlaubt sein zu fragen, ob etwa der eine oder andere Lobbyist, der dieser Tage beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee war, dem Auftrag Erhards („Wohlstand für alle“) im Gerüstbau oder an der Werkbank nicht eher gerecht würde.
Es gibt Anzeichen, dass das Praktische vor einem Comeback steht. Die Gegenwart von Kriegen und Krisen haben das Thema Selbstversorgung wieder sexy gemacht. Auch den Markt scheint es noch zu geben. Gute Handwerker haben nicht nur kein Problem, Arbeit zu bekommen, sie verdienen auch gutes Geld. Selbst in die Politik sickert allmählich durch, dass Klempner noch sehr lange nicht durch die KI ersetzt werden können und dass ein Gemeinwesen ohne funktionierende Kinderbetreuung und Kanalisation schwer denkbar ist.
Wer einmal erlebt hat, wie kleinlaut Highperformer werden können, wenn es darum geht, am „Tag der offenen Kita-Tür“ für die eigenen Kinder einen Platz zu ergattern oder im Fahrradgeschäft einen Reparaturtermin für den platten Reifen, der ahnt, dass etwas in Bewegung ist. Vielleicht erkennen die Deutschen bald, dass sie nicht zu wenig arbeiten, sondern das Falsche.
