Die ersten Wochen ihres Studiums waren für Sophia nicht leicht. Es ging ihr mental nicht gut. Sie fühlte sich einsam in der neuen Stadt, zweifelte an ihrem Studienfach, war frisch getrennt und konnte mit niemandem über ihre Probleme sprechen. „Es war mir einfach unangenehm, darüber zu reden, weil es so persönliche Themen sind“, sagt Sophia, die eigentlich anders heißt und inzwischen im fünften Semester Deutsch und Musik auf Lehramt studiert. „Ich wollte nicht, dass Menschen mich dann anders angucken, wenn ich sage, dass es mir psychisch gerade nicht gut geht.“
Damit ist Sophia nicht allein. In der Studie „Wie geht’s Deutschlands Studierenden?“ der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2023 gaben 37 Prozent der Befragten an, sich stark emotional erschöpft zu fühlen. Im Jahre 2017 waren es bei einer ähnlichen Umfrage 25 Prozent. Die Gründe für die Belastung sind vielfältig und reichen von Prüfungsangst, Einsamkeit und Schlafproblemen über finanzielle Sorgen bis hin zu persönlichen Problemen, wie bei Sophia.
Seit Corona auf Allzeithoch
Mit vielen Problemen können sich Studierende jedoch an die psychologischen Beratungsstellen ihrer Universität wenden. Diese können dann eine überbrückende Unterstützung bieten und „Erste Hilfe“ leisten.
So etwas anzubieten, ist freiwillig, die meisten Hochschulen haben aber eine entsprechende Einrichtung. Manchmal übernehmen auch das Studierendenwerk oder der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) diese Aufgabe. An einigen Hochschulen gibt es sogar beides: eine Beratung der Uni selbst und eine der Studentinnen und Studenten.
Die Nachfrage ist groß: Allein die 45 Beratungsstellen der Studierendenwerke in Deutschland haben im Jahr 2024 rund 134.000 Beratungsgespräche geführt. „Seit Corona haben wir leider ein Allzeithoch“, erklärt Bernadett Greiwe, Leiterin der Zentralen Studienberatung der Universität Münster. Studien bestätigen, dass depressive Verstimmungen, Ängste, Stress und Konzentrationsschwierigkeiten seit der Pandemie deutlich zugenommen haben. Das zeige, dass der Bedarf an psychologischer Unterstützung immer auch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Krisen stehe, so Greiwe.
Die Beratung ist keine Therapie
In den psychologischen Beratungsstellen können Studierende Einzelgespräche führen oder an Gruppenworkshops teilnehmen. Sie bekommen Tipps, wie sie ihre Zeit besser einteilen, Prüfungsangst reduzieren, das Selbstwertgefühl stärken, Konflikte lösen oder generell ihre Probleme angehen können.
Die Idee hinter den Beratungsstellen war ursprünglich, Studierende bei Lernschwierigkeiten oder Motivationsproblemen zu unterstützen und erfolgreich durch ihr Studium zu bringen, erklärt Sandra Schramm, Leiterin der Zentralen Studienberatung der Universität Bonn. Heute wenden sich jedoch viele Studierende mit deutlich komplexeren psychischen Belastungen an die Beratungsstellen. Dafür sind die Angebote nicht ausgerichtet.
„Jemand, der sich in einer akuten Krisensituation befindet, muss sich an eine Klinik oder einen Arzt wenden“, betont Schramm. Auch die Studienberatungsleiterin Greiwe von der Universität Münster unterstreicht, dass man zwischen psychologischer Beratung und Psychotherapie unterscheiden muss: „Wir machen keine Diagnostik, wir bieten keine Therapie an.“

In der Regel erhalten Studierende an den Beratungsstellen drei bis fünf Termine, um erste Lösungsansätze für ihre individuellen Probleme zu finden. Die Beratung ist für Studierende kostenlos. Je nach Stelle ist die Finanzierung unterschiedlich. Hochschuleigene Beratungsstellen und die Studierendenwerke werden größtenteils durch das jeweilige Bundesland finanziert. Die Beratungsstellen des AStA hingegen meist durch die Semesterbeiträge.
Bei Bedarf schicken die Berater Studierende anschließend zu Therapeuten, um dort eine Therapie zu beginnen. Sie sind aber nur Vermittler und können niemandem schneller einen Therapieplatz verschaffen.
Tipps für den Umgang mit Ängsten
Auch Sophia nutzte das Beratungsangebot des AStA in Münster als Überbrückung, bevor sie eine Therapie anfing. Eine Freundin hatte ihr das Angebot des AStA empfohlen, und nach einer Anfrage per Mail bekam sie unkompliziert und innerhalb von zwei Wochen ihren ersten Termin.
Vor Beginn erklärte die Sozialarbeiterin den Unterschied zwischen der Beratung und einer Therapie und bot gleichzeitig Unterstützung bei der Suche nach einem Therapieplatz an. In insgesamt vier Sitzungen erhielt Sophia viele praktische Tipps, etwa, wie sie ihre Prüfungsangst in den Griff bekommt, besser mit Einsamkeit umgeht oder Entscheidungen trifft. Außerdem erklärte die Sozialarbeiterin ihr Angstmechanismen im Gehirn und ähnliche Themen. „Das hat mir geholfen, meine Probleme besser zu verstehen und sie aktiv anzugehen“, erinnert sich Sophia.
An einigen Beratungsstellen von Universitäten arbeiten approbierte Psychotherapeuten, also Fachleute, die eigentlich therapieren dürften, auch wenn sie das an der Uni eben nicht tun. Ansonsten beschäftigen Hochschulen meist „psychologische Berater“, Menschen also, die eine entsprechende Weiterbildung gemacht haben. Im Falle von Angeboten des AStA oder der Studierendenwerke sind zudem oft Sozialarbeiter tätig.
Wartezeiten von vier Wochen und mehr
An vielen Hochschulen reicht auch das allerdings hinten und vorne nicht, sogar an Standorten wie der Universität Münster mit einem verhältnismäßig großen Team von sechs psychologischen Beratern in der Zentralen Studienberatung. „Selbst wenn ich das Geld hätte, weiß ich nicht, wie viele Personen es bräuchte“, sagt Leiterin Bernadett Greiwe. An der Universität Bonn ist die Situation ähnlich: „Wenn Sie mich fragen, könnten wir hier acht oder zehn Psychologen beschäftigen, und es wäre nicht so, dass die Däumchen drehen würden“, sagt die Studienberaterin Sandra Schramm. Nicht immer bekommt man also so schnell einen Termin wie Sophia beim AStA. Teilweise warten Studierende auch an den Hochschulen vier Wochen oder länger.
Wenn es dann aber klappt, reichen manchmal schon ein erstes Gespräch und das Gefühl, dass jemand zuhört. Auch Sophia sagt rückblickend: „Es hat sehr gutgetan, mit einer Person zu reden, die komplett unabhängig von meinem Leben ist.“ Zu hören, dass viele ähnliche Probleme haben, und kleine, konkrete Tipps zu bekommen: „Das hat mich sehr entlastet.“
