Am 30. März 1981 schaffte es Toni Morrison auf das Cover der Zeitschrift „Newsweek“. Die Überschrift des Artikels klang wie der Titel einer Soul-Platte: „Black Magic“. Für die Kultur- und Literaturgeschichte liegt darin eine Wegmarke: Im politischen Rechtsruck der beginnenden Reagan-Ära bedeutete das Titelblatt Morrisons endgültigen Durchbruch in den Mainstream. Hochgeschätzt als Schriftstellerin war sie schon vorher. Nun wurde sie zur amerikanischen Ikone.
Die Veröffentlichung ihres heute berühmtesten Romans lag da noch einige Jahre in der Zukunft: „Beloved“ kam 1987 heraus, brachte ihr den Pulitzer-Preis ein und ebnete unzweifelhaft den Weg zum Literaturnobelpreis, der ihr 1993 verliehen wurde. Angesichts dieses Breitenerfolgs ist es umso erstaunlicher, dass der Roman auf jede Leichtgängigkeit verzichtet: Die Geschichte sei „not to pass on“, wie es am Ende in dreifacher Wiederholung heißt, also im doppelten Sinne weder zum schlichten Weitererzählen noch zum stillschweigenden Übergehen geeignet. „Beloved“, „Menschenkind“ in der deutschen Übersetzung, ist ein schwieriges, radikales Buch.
Eine Reinkarnation der von der Mutter getöteten Tochter?
Ohio, 1873: In der Bluestone Road 124 bei Cincinnati lebt die ehemalige Sklavin Sethe mit ihrer Tochter Denver. Um ihre Kinder vor der Gefangennahme durch Sklavenjäger zu bewahren, hatte sich die Mutter einst für das Unvorstellbare entschieden. Sie tötete ihre ältere Tochter Beloved. Die jüngere Denver überlebte. Seither zieht ein Geist durch das Haus. Als Paul D. auftaucht, ein alter Leidensgenosse, vermag dieser dem Spuk zwar ein Ende zu setzen. Kurz darauf sitzt allerdings eine rätselhafte Fremde auf der Treppe. Ihr Name: Beloved. Von den Frauen als Reinkarnation der einst getöteten Tochter wahrgenommen, beginnt sie, die Bewohner des Hauses zu terrorisieren.

In der Form ihres Erzählens verweigert sich Toni Morrison jeder Konvention: Vergangenheit und Gegenwart gleiten ineinander, Bruchstücke und Flashbacks fügen sich zu einer Ästhetik zwischen Traum und Trauma. Der Roman erzählt vom Leben derer, die die weiße Welt als „Wegwerfmenschen“ behandelt, als ein polyphones Gewirr. Darin gleicht er dem, was Passanten aus dem Haus 124 hören: „laute, dringliche Stimmen, die alle gleichzeitig reden“, ohne dass man versteht, worüber oder mit wem. Realistische Schilderungen und Passagen von großer körperlicher Intensität – geschundene Füße in Wacholder und Salzwasser, Schmalz auf einer wunden Brustwarze – gehen nahtlos ins Mythische, in Aberglauben und Phantasie über. Die Geschichte entfaltet einen ganz eigenen, fremdartigen Sinnhorizont.
Die 2019 fast neunzigjährig verstorbene Toni Morrison war nicht nur eine große Erzählerin, sondern zugleich eine Art Ein-Frau-Literaturbetrieb: Als erste schwarze Lektorin für Belletristik bei Random House entdeckte und förderte sie Stimmen wie die von Toni Cade Bambara oder Gayl Jones und prägte so die Gegenwartsliteratur ihrer Zeit mit. Zugleich formulierte sie als einflussreiche Essayistin ein kritisches Vokabular für die Rezeption afroamerikanischer Literatur. Durch all das trug sie zu den Voraussetzungen bei, unter denen ihr eigenes Werk zu dem nationalen Denkmal werden konnte, als das man es heute in aller Welt liest, bezaubert und verstört.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
