Diesmal sind sie freiwillig hier. Daniel Schäfer und Filka Kuszmierz haben vor zwei Jahren schon einmal an einer Einschulungsfeier am Neuen Gymnasium in Frankfurt teilgenommen. Damals wurden die Schule, die inzwischen nach der Holocaustüberlebenden Margot Friedländer benannt ist, und das benachbarte Stadtgymnasium neu gegründet. Lennie, der Sohn von Schäfer und Kuszmierz, war als einer der ersten Schüler dem Neuen Gymnasium zugelost worden.
Eigentlich wollte er eine andere Schule besuchen. Doch weil auf seiner Wunschschule kein Platz mehr frei war, hatte das Staatliche Schulamt den Jungen aufs Neue Gymnasium geschickt. Für Lennie, der inzwischen in die siebte Klasse geht, hat sich diese Entscheidung gelohnt. Die Familie ist so zufrieden mit der Schule, dass nun auch die jüngere Schwester Lotta dort eingeschult wird. „Wir finden es hier richtig gut“, sagen die Eltern. Die Lehrkräfte seien engagiert. Und weil das Gymnasium noch im Aufbau sei, besuchten die Kinder vorerst eine „kleine, heimelige Schule“. Auch das gefällt der Familie.
Die beiden neuen Gymnasien haben sich schon nach kurzer Zeit etabliert. Inzwischen werden sie sogar von so vielen Kindern direkt angewählt, dass diejenigen, die das Losglück dorthin führt, in der Minderheit sind. Zwei Drittel der Schüler, die in diesem Jahr das Margot-Friedländer-Gymnasium besuchen, haben es zu ihrer Wunschschule erkoren. „Das liegt an unserem Profil. Die Idee überzeugt“, meint Schulleiter Nils Franke.
Die neuen Schulen sind etabliert
Das benachbarte Stadtgymnasium kann sich ebenfalls nicht über mangelnde Anmeldungen beklagen. Hätte die Schule nicht auf Wunsch der Behörden eine zusätzliche Klasse aufmachen müssen – beide Schulen sind in diesem Jahr siebenzügig –, hätte Schulleiter Torsten Schulz die Schulplätze sogar verlosen müssen. „Wir sind sehr froh, dass sich die Schüler für uns entscheiden. Die Anmeldezahlen zeigen, dass sich die Schulen in sehr kurzer Zeit etabliert haben.“
Aber immer noch gibt es Kinder, die gegen ihren Willen in das kleine Industriegebiet am Rand des Frankfurter Stadtteils Bockenheim kommen. Dort steht das ehemalige Bürogebäude Neue Börse, das die Stadt Frankfurt für die beiden Schulen gemietet hat. Von Donnerstag an wird es vorübergehend auch noch die Julius-Leber-Berufsschule beherbergen, die saniert werden muss. Die drei Schulleiter berichten von einem „guten Miteinander“.
Die zehnjährige Teodora aus Preungesheim muss jeden Morgen 45 Minuten bis zur Schule pendeln und nachmittags wieder zurück. Die Eltern hoffen, dass irgendwann ein Schulbus fahren wird. Aber mit der Zuweisung des Schulplatzes haben sie ihren Frieden gemacht. „Je mehr wir über das Konzept erfahren, umso überzeugter sind wir von der Schule“, sagt Drogana Madic.
Zur Einschulung hat ihre Tochter ein Klassenfoto mit dem Ministerpräsidenten bekommen. Das ist wahrscheinlich keine Entschädigung für den langen Schulweg, aber doch etwas Besonderes. Boris Rhein (CDU) hat für seinen jährlichen Besuch zum Schuljahresbeginn das Margot-Friedländer-Gymnasium ausgewählt – auch wegen des Namens, den es trägt.

„Macht euch keinen Stress“, sagt der Ministerpräsident
Vor einem großformatigen Plakat mit dem Konterfei Friedländers werden die sieben neuen fünften Klassen des Gymnasiums fotografiert. Die Holocaustüberlebende blickt nachdenklich-mild auf die Szene herab, Rhein steht lächelnd daneben. Die Namensgebung sei „ein Zeichen gegen das Vergessen und für Menschlichkeit“, sagt er und erinnert an Friedländers Leitspruch „Seid Menschen“. Das bedeute für die Schüler: „Wir helfen einander, wenn jemand Hilfe braucht, und sagen Stopp, wenn andere schlecht behandelt werden.“ Rhein wünscht den Kindern, dass sie sich an der neuen Schule wohlfühlen. „Macht euch keinen Stress. Niemand kann alles von Anfang an“, sagt er und ist auch für jedes Selfie zu haben.

Die Schule in Frankfurt ist die erste in Hessen und die dritte in Deutschland, die nach Friedländer benannt ist. Eine Stiftung, die das Vermächtnis der Holocaustüberlebenden bewahrt, vergibt den Titel. Rund 60 Anträge liegen bisher vor, zwölf Schulen wurden ausgewählt. Die Stiftung achtet darauf, dass der Name auch zur Schule passt. Er solle kein „Etikett an der Wand“ sein, sondern mit Leben gefüllt werden, sagt der Vorstandsvorsitzende Karsten Dreinhöfer. Das Frankfurter Gymnasium hat beispielsweise schon eine Projektwoche zu Friedländer veranstaltet. Ein neues Logo will Schulleiter Franke gemeinsam mit den Schülern entwickeln. „Ich wünsche mir, dass ihr wisst, wer sie war und wofür sie stand“, sagt Dreinhöfer zu den Schülern. „Füllt diesen Namen mit Ehre, und tragt ihre Botschaft weiter.“
Auch bei den Eltern kommt die Umbenennung der Schule gut an: „Wir finden den Namen großartig“, sagen Daniel Schäfer und Filka Kuszmierz, die Eltern von Lennie und Lotta. Es sei wichtig, dass sich die Kinder mit dem Holocaust auseinandersetzten. Und Friedländer sei einfach eine „beeindruckende Frau“ gewesen.
