Entspannt nippt er an der kleinen Mokkatasse, der Duft von Kardamom breitet sich aus. Die Fenster der acht hohen Kuppeln, die die Karawanserei überspannen, brechen das Tageslicht, ein Springbrunnen kühlt die Hitze. Im Khan des As’ad Pascha, der 1752 erbauten, noch immer den Geist von Karawanen atmenden Kathedrale des Fernhandels, legt der Arzt aus Bielefeld bei seinen Rundgängen in der Altstadt von Damaskus oft eine Pause ein.
Er genieße die neue Freiheit in dem Land, in dem er lange verfolgt worden sei, erzählt er in makellosem Deutsch. Seit dem Sturz des Assad-Regimes kehrt er alle paar Monate einige Tage nach Damaskus zurück. Mit einem Arbeitsvisum, wie er hervorhebt, sei er vor mehr als einem Jahrzehnt nach Deutschland gekommen. Noch immer könne er nicht fassen, wie frei man in Syrien wieder sei.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Auch für Touristen ist es wieder einfacher geworden, Syrien zu bereisen. Lange hatte sie der Bürgerkrieg ferngehalten, dann herrschte nach dem Sturz des Regimes Unsicherheit, zuletzt war der Flughafen von Damaskus während des Irankriegs geschlossen. Nun gibt es wieder Direktflüge, das Visum besteht aus einem Einreisestempel und einer Gebühr von 75 Dollar, und in Damaskus hat der Alltag seinen alten Gang wiedergefunden.
Im Bürgerkrieg sind zwar eine Reihe von Vororten von Damaskus völlig zerstört worden, das Zentrum aber hat den Krieg unversehrt überstanden. Verschwunden sind im Straßenbild die allgegenwärtigen Porträts von Vater und Sohn Assad, ebenso die angeblichen Treueschwüre des syrischen Volkes an ihre Despoten. Der neue Präsident verzichtet wohltuenderweise auf seine Porträtfotos in der Öffentlichkeit. Anstelle der früheren Geheimdienstler in Zivil hängen jetzt patrouillierende junge Männer mit Bart und Uniform herum.

Vorbei am bunten Gewürzbazar ist es vom Khan nur ein paar Schritte zum Azm-Palast. Der osmanische Gouverneur As’ad Pascha al-Azm ließ ihn 1749 mit großem Gespür für Ästhetik erbauen. Die Anlage gilt als der Höhepunkt der Damaszener Wohnarchitektur. Das Leben spielte sich in den drei Innenhöfen ab – einem weitläufigen für die Familie, einem für Besucher und einem kleinen für die Dienerschaft. Die Brunnen und die Ziergärten, die kunstvoll mit Intarsien verzierten Möbel in den Räumen, die meisterhaften Steinmosaiken an den Wänden und in den Böden – sie lassen erahnen, was für eine Lebensqualität die Damaszener einst hatten.
Heute beherbergt der Palast ein Museum für Brauchtum. Der Raum mit den Hochzeitsbräuchen zeigt, wie eine junge, völlig verschleierte Frau ihrem künftigen Ehemann zugeführt wird. Ausgewählt hat ihn ihre Familie. Zwei junge Frauen in hellblauer Uniform und mit islamischem Kopftuch sprechen den Besucher an. Sie stellen sich als Angehörige der Tourismuspolizei vor, fragen freundlich, ob alles in Ordnung sei. Die beiden haben ein Ingenieurstudium abgeschlossen, steigen demnächst in ihren Beruf ein. Das da komme für sie nicht infrage, sagen die beiden frommen Musliminnen selbstbewusst und zeigen auf die Szene. Sie würden ihre Männer selbst aussuchen und wollten sicher sein, dass sie zueinander passten.

Der Khan und der Palast sind zwei der Höhepunkte in der historischen Altstadt von Damaskus, die die UNESCO 1979 in ihrer Gesamtheit in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen hat. Sie liegt innerhalb einer sieben Kilometer langen Stadtmauer, durchzogen wird sie von Ost nach West von der Hauptachse des römischen Damaskus: der 1570 Meter langen Geraden Straße. Hier hatte, so erzählt es die Apostelgeschichte, Ananias, einer der ersten Jünger des Auferstandenen, dem von hellem Licht geblendeten Saulus die Hand aufgelegt, sodass dieser wieder sehend wurde. Als Paulus begann er von hier seine großen Missionsreisen, die das Christentum in alle Welt trugen.
Die Christen wandern ab
Damals war die Gerade Straße 26 Meter breit und von Säulen gesäumt. Auf beiden Seiten verliefen jeweils sechs Meter breite, überdachte Seitenwege. Von dieser Pracht ist nicht viel übrig. Entlang der heute viel engeren Straße, durch die sich Autos geduldig im Tempo der Fußgänger und Radfahrer in Richtung des Osttors Bab Sharqi schieben, ragen als Zeugen der Vergangenheit korinthische Kapitelle aus dem Boden.
Die Reste des römischen Triumphbogens, der die Gerade Straße teilt, bilden den unscheinbaren Mittelpunkt der Altstadt. Im Osten liegt das christliche Viertel, südlich das Viertel der Juden, im Westen das der Muslime. Im christlichen Viertel, das nach dem Stadttor Bab Tuma benannt wird, bilden fast zwanzig Kirchen mit unterschiedlichen Riten, Sprachen und Gesängen die Vielfalt des Christentums ab. Orthodoxe, östliche und lateinische Kirchen liegen Mauer an Mauer. Drei Konfessionen haben mit ihren Patriarchen hier ihren Mittelpunkt, hinzu kommen mehrere Bischöfe.
Doch die Christen wandern ab, der Exodus ist nicht gestoppt. 2011 waren vor Beginn des Kriegs noch zehn Prozent der Bevölkerung Syriens Christen, ihr Anteil hat sich auf vier Prozent mehr als halbiert. Sie sprechen ihr Unbehagen offen aus. Neulich habe sie dort vorn am Bab Sharqi ein Mann schroff aufgefordert, ihr Haupthaar zu bedecken, empört sich eine Christin. Das werde sie natürlich nicht, sagt sie trotzig, und sie werde ihre Heimat auch nicht verlassen.

Andere aber wollen gehen. Der griechisch-orthodoxe Bischof appelliert daher nach dem Gottesdienst im Gemeindesaal eindringlich an seine Gemeinde, zu bleiben. Es sei die Pflicht eines Christen, Zuversicht auszustrahlen. Die Muslime hätten die gleichen Probleme wie die Christen. Alle litten unter der Wirtschaftskrise, und alle versuchten, sich mit den neuen Herrschern, die aus einer radikalen islamistischen Bewegung hervorgegangen sind, zu arrangieren. Die einen gestehen ihnen zu, dass sie durchaus pragmatisch regierten, andere fürchten jedoch um ihren freien Lebensstil. Auch wenn sie über keine Einschränkungen berichten können, bleiben sie skeptisch.
Elias ist einer, der die langen Jahre durchgestanden hat, in denen die Touristen ausgeblieben sind. Er hält durch und hofft, dass er das, was er mit seinen Händen herstellt, bald wieder verkaufen kann. Wenn er nicht in seiner Werkstatt Hölzer und Perlmutt zu kleinen Kunstwerken aus bunten geometrischen Mustern zusammenfügt, steht er sechs Tage in der Woche in seinem wenige Quadratmeter großen Geschäft und legt den letzten Schliff an. In den engen Gassen zwischen den zweihundert Jahre alten Häusern hatte es früher mehr Kunsthandwerker wie Elias gegeben. Sie sollen die besten der arabischen Welt sein – ob mit ihren Holzintarsien, den Messingarbeiten oder dem Damaszener Brokat. Viele Rollläden sind heruntergelassen, Elias aber glaubt an die Zukunft.

Denn es soll nicht werden wie im jüdischen Viertel. 1990 hatten noch fünftausend Juden südlich des Triumphbogens gelebt, mit der letzten großen Emigrationswelle leerte es sich aber ganz. In die Häuser zogen syrische Schiiten, von denen viele das Viertel aus Furcht vor den neuen sunnitischen Machthabern wieder verlassen haben. Die letzte Synagoge ist schon lange geschlossen.
Beliebt ist das Viertel bei Künstlern. Der 1956 geborene Mustafa Ali, einer der bekanntesten arabischen Bildhauer, betreibt hier ein Kunstzentrum. Im Innenhof stellt er zwischen Jasmin-, Zitronen- und Bitterorangenbäumen seine teils provozierenden Skulpturen aus. Die Schildkröten, die sich gemächlich zwischen den Bäumen und der Kunst bewegen, stört das nicht.
Mit seinen zur Straße offenen Läden, den Moscheen und Karawansereien ist der muslimische Teil der Altstadt unverändert belebt. Schrill läutet eine Klingel, es ist Schulschluss, Kinder stürmen ins Freie. Im überdachten Teil der Geraden Straße wird alles angeboten, was man im Alltag braucht. Darüber regeln in Kleinstbüros, die man gar nicht zur Kenntnis nimmt, Unternehmer den Verkehr ihrer Schiffe im Mittelmeer oder den Güterhandel irgendwo in der Region. Sie setzen Millionen um. Einst per Fax, heute übers Internet.
Die Pracht vergangener Zeiten
In den Seitengassen kann man leicht in eine Sackgasse geraten oder sich verirren. Man sieht nicht, hinter welcher Mauer sich Pracht entfaltet oder Armut herrscht. Als schmucke Boutiquehotels oder angesagte Restaurants sind heute prächtige Stadthäuser zugänglich, die mit ihren Innenhöfen die einstige Pracht und den erlesenen Stil des Damaszener Bürgertums zeigen. So das 1721 erbaute Beit Jabri, wo man auf Leinwänden Championsleague-Spiele schauen, aber keinen Arak mehr trinken kann.
Die vielleicht größte Geschichte von Damaskus erzählt der gewaltige Sakralbau in seiner Mitte. An dieser Stelle hatten vor 2400 Jahren die Aramäer einen riesigen Haddad-Tempel errichtet, die Römer erweiterten ihn mit gewaltigen Steinquadern auf einer Fläche von 200 Metern auf 200 Meter erst zum Jupiter-Tempel, dann zur Johannes-Basilika, die arabische Dynastie der Omayyaden baute sie zu einer Moschee um, die zu den prächtigsten überhaupt gehört.

Die Omayyaden holten die besten Künstler des byzantinischen Reichs. Diese legten im Innenhof entlang der Außenmauern Mosaiken, die von ihrer Farbigkeit nichts eingebüßt haben. So haben sich die Menschen das Paradies vorgestellt: mit Obsthainen und Wäldern, mit Flüssen und Schlössern, in die sie nach dem Tod einziehen würden. Als arabische Muslime 635 die Stadt eroberten, beteten Christen und Muslime noch Jahrzehnte nebeneinander. Allein den Muslimen ist die dreischiffige Basilika erst seit 705 vorbehalten.
Im Schatten der gewaltigen Omayyaden-Moschee wirkt alles andere klein, auch das Grabmal von Saladin. 1187 hatte er Jerusalem von den Kreuzrittern zurückerobert, 1193 starb er in Damaskus. Ein Torbogen und massive Säulen des antiken Jupiter-Tempels überragen sein Grabmal. 1898 verweilte an ihm still Kaiser Wilhelm II. Als Zeichen des Respekts ließ er einen bronzenen Kranz mit der Würdigung an einen großen Herrscher anbringen.
Große Geschichten im Café
Zu spät ist man heute im legendären Café Naufara. Vor dem mächtigen Osttor der Moschee hatte zuletzt 2010 ein Geschichtenerzähler, ein Hakawati, die Zuhörer in den Bann gezogen. Fünfhundert Jahre soll das Café alt sein, älter als jedes andere Kaffeehaus. Hierher kamen die Damaszener, um Geschichten über Liebe, Leidenschaft und Mut zu hören, um über die Taten von Helden wie Antar, dem frühen arabischen Ritter, zu staunen. Vor wenigen Jahren starb der letzte große Erzähler, Abu Schadi. Es sei wie in einem Film gewesen, wenn er, erhöht sitzend, gestikulierend erzählt habe, erinnern sich Einheimische. Auch wenn seine Stimme verstummt ist, ein Besuch hier lohnt sich.

Wir verlassen die Omayyaden-Moschee durch das Westtor. Auf dem freien Platz davor ragt eine Säulenhalle des alten Jupiter-Tempels in den Himmel. Sie führt in die bekannteste Marktstraße von Damaskus, in den überdachten Suq al-Hamidiye. Danach geht es geradeaus zum Hedschas-Bahnhof aus dem Jahr 1901. Die lange Liste seiner Stationsvorsteher führt ein Meißner Pascha an. Der Leipziger Heinrich August Meißner war einer der Köpfe des osmanischen Eisenbahnbaus. Vor dem Bahnhof kann man eine 1908 in Deutschland gebaute Dampflokomotive bewundern. Züge verlassen den Bahnhof jedoch seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Gleise sind abgebaut, das Gebäude steht leer.
Nach Jahren des Kriegs kann man aber wieder mit Bussen und Autos Syriens Welterbestätten erreichen – Aleppo und Palmyra etwa, beide stark zerstört, oder aber den intakten Krak des Chevaliers. Der britische Schriftsteller und Archäologe Thomas Edward Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien, schwärmt in seiner Abschlussarbeit über Kreuzritterburgen von der Anlage, sie sei die am besten erhaltene und rundum bewundernswerteste Burg der Welt.
Und diese Burg aller Burgen liegt nur zwei Stunden von Damaskus entfernt.
Der Weg nach Syrien
Anreise Die syrische Fluggesellschaft Fly Cham fliegt vom Istanbuler Flughafen Sabiha Gökçen fünf Mal wöchentlich Damaskus an, aus Dubai drei Mal und aus Abu Dhabi zwei Mal.
Veranstalter Als einziger deutscher Reiseveranstalter bietet derzeit Orientaltours aus Frankfurt am Main maßgeschneiderte Reisen nach Syrien an, die Begegnungen mit Menschen einschließen.
Sicherheit Das Auswärtige Amt warnt noch immer vor Reisen nach Syrien, aktuelle Informationen auch zum Visum auf der Website.
