Er konnte besser trommeln als Ringo Starr, schlüpfte in mehr Bühnen- und Schallplattenrollen als David Bowie und klaute wie Bob Dylan: Udo Lindenberg brachte alles mit oder eignete sich an, was man zum Beruf eines Rockmusikers brauchte, den es in Deutschland damals aber noch gar nicht gab, jedenfalls nicht mit Gesang in der Landessprache. Die beherrschte er und destillierte daraus einen Alltags-Slang, von dem Rio Reiser, sein einziger deutschsprachiger Konkurrent, behauptete, so rede in Wirklichkeit kein Mensch.
Und singen konnte er genau genommen auch gar nicht; seine Stimme war zumal in der Frühzeit dünn und kippte, sobald es richtig rockig werden sollte. Aber daraus und aus all den anderen Mängeln, die ihm, wie jedem Menschen, anhafteten, machte er das Markenzeichen eines so noch nicht gesehenen und auch nicht gehörten Rockdarstellers, den er nonchalant und zäh seit bald sechzig Jahren gibt.
Viele Auf- und Ausbrüche in seinen Liedern
Es muss um 1970 gewesen sein, dass Udo Lindenberg nach München fuhr, wo Klaus Doldinger residierte, sein großer Bruder im Geiste des Jazz. Dem sollte er etwas vortrommeln und machte seine Sache so gut, dass er damit seither jeden Sonntagabend um 20:15 Uhr zu hören ist, wenn „Tatort“ kommt, für den Doldinger mit seiner Gruppe Passport, zu deren Gründungsgarnitur Lindenberg dann gehörte, die längst unsterbliche Titelmusik geschrieben und eingespielt hatte.
Nach Hamburg brachte er einen ausgetüftelten Masterplan mit, mit dem er das eine Problem lösen wollte, das ihm nach seiner kargen Jugend an der holländischen Grenze unter einem kriegsheimgekehrten, also schweigsamen und trinkfesten Vater, nach ruhelosen, ihn bis nach Nordafrika führenden Flucht- und Wanderjahren und nachdem er sich bei den Hamburger City Preachers seiner soul sister und übrigens Jahrgangsgenossin Inga Rumpf nützlich gemacht hatte, noch geblieben war: „Wie werde ich ein Star?“
Das wusste Udo, wie die Restauranttischdeckennotizen beweisen, die er sich für den Rückweg gemacht hatte und die englischsprachige Vorbilder sich nicht besser hätten zurechtlegen können: „Ein Star darf nicht deutsch bescheiden sein, ein Schleicher wie Harald Juhnke. Und: Erzähle nie alles aus Deiner Biografie, lass immer etwas im Unklaren. Ein Star muss immer ein Mysterium bleiben.“
Aus der Trivialliteratur, in die er sich zur weiteren weltanschaulichen Festigung vertiefte (Hermann Hesse und Jerry Cotton), bezog er das Sentiment und die Realitätsferne vieler seiner Lieder, letztlich auch seines Selbst, dem er schon bald eine zeitlose Form gegeben hat, die mehr ist als die in diesem Metier verbreitete Weigerung, erwachsen zu werden, oder der Wunsch, in Würde zu altern. Beides wusste er zu vermeiden.
Udo Lindenberg wird kaum das einzige Nachkriegskind gewesen sein, das von einem anderen, vielleicht sogar besseren Leben träumte. Dass es mehr bereithalten müsse, als Installateur zu werden, wie sein Vater, oder Kellner, der er beinahe geworden wäre, spürte er beizeiten. Daher die vielen Auf- oder Ausbrüche in seinen Liedern. Das sehnsuchtsvoll Ruhe- und Heimatlose brachte unter den deutschsprachigen Interpreten niemand so überzeugend zum Ausdruck wie er.
Das Deutsche als Rock-Idiom
In seiner Geburtsstadt Gronau wird man sich bald darüber gewundert, es vielleicht sogar missbilligt haben, dass von der Mentalität dieser westfälischen Heimat bald nur noch Spurenelemente bei ihm zu finden waren, was dort allerdings niemanden daran hinderte, ihm ein Museum zu bauen. Lindenberg war immer anzumerken, wie dringend er von dort wegwollte, war andererseits aber auch nie so opportunistisch, dass er sich mit Redensarten über die Bodenständig- und Ehrlichkeit seiner Heimat bei irgend jemandem lieb Kind gemacht hätte.
Udo Lindenberg war nämlich immer, womöglich schon vor seiner Geburt, Hamburger. Jedem, der ihn „Hoch im Norden“ von seiner ersten deutschsprachigen Platte „Daumen im Wind“ (1972), die in vielerlei Hinsicht etwas Neues war, intonieren hört, eher Rod Stewart als Hannes Wader, kommt es vor, als täte er dies direkt von dem Segelboot aus, das er später für Hark Bohms schönen Film „Nordsee ist Mordsee“ (1976) mit zarter Dringlichkeit beschwört. Die Stimmung jener Zeit – ein wenig Zivilisationsmüdigkeit, ein wenig Gesellschaftskritik und ganz viel Freiheitsdrang – nahm in ihm Gestalt an.

Bis Westernhagens „Mit 18“, der anderen, ganz großen Ausbruchshymne des Jahrzehnts, waren es noch ein paar Jahre; da hatte Udo Lindenberg die Kostüme seiner Gerhard Gösebrechts, Bodo Ballermanns, Emanuel Flippmanns und all seiner anderen Phantasiefiguren schon wieder abgelegt und hielt nun Kurs auf seine „Dröhnland Symphonie“ (1979), eine gewollt chaotische, dreistündige Rock’n’Roll-Revue, bei deren Inszenierung Peter Zadek das eine oder andere Auge zudrücken musste. Dies und manches andere, das Udo Lindenberg damals auf die Beine stellte, war im Grunde Stadionrock, bevor es den Begriff überhaupt gab.
Seine eigentliche Pionierleistung lag aber natürlich darin, dass er das Deutsche als Rock-Idiom zwar nicht erfunden, aber sich doch so zurechtgebogen hat, dass seine originelle Handhabung der im Vergleich zum Englischen sperrigen Morphologie, der Platz, den er diesbezüglich unverputzten Stellen gewährte, das, was man für Authentizität hält, nicht nur noch steigerten, sondern überhaupt erst hervorbrachten – unverblümt, schlagfertig und auf eine äußerst kunstvolle, wahrscheinlich nur mit angeborenen Instinkten erklärbare Weise ungekünstelt.
„Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband seit zwanzig Jahren Dixieland“ – die Direktheit dieser und vieler anderer Verse aus dem Frühwerk kann man hinsichtlich des sprachlich damit Erschlossenen ohne weiteres mit Klopstock oder eher noch mit dem Sturm-und-Drang-Goethe vergleichen: Fast ist es, als wären Zeilen wie „Füllest wieder Busch und Tal / Still mit Nebelglanz / Lösest endlich auch einmal / Meine Seele ganz“ ins Rock-Zeitalter übersetzt worden, frisch und unerhört.
Mit schwarz-rot-goldenem Nationalemblem
Die Naturbelassenheit und die unangestrengte Lässigkeit dieser Sprache kamen in dem kolloquialen Duktus der Mittsiebzigerlieder („Bitte keine Love Story“, „Das kann man ja auch mal so sehen“) wohl am besten zum Ausdruck. Auf seinem umstandslos zur Sache kommenden, oft mit Verballhornungen arbeitenden Mutterwitz ruht alles weitere auf: das griffige Vokabular, bestehend aus „keine Panik“, „alles unter Kontrolle“, „alles klar auf der Andrea Doria“, all dieses „easy“, „cool“ und „down“; dazu die Sujets seiner Lieder: Abenteurer- und Außenseiterstorys, Sozialdramen, Liebeslieder, Science-Fiction, der Fundus an Unterhaltungskultur aus der Weimarer Republik, der er sich nach seiner eigentlichen Glanzzeit zuwandte, und schließlich die Durchhalteparolen und Selbstvergewisserungen seit „Horizont“ (1986), dem großen Hit der mittleren Phase.
Die Lebenskultur, mit der er aufgewachsen ist und die er auch lange selbst praktiziert hat (Bier und Doppelkorn, Frauen hatten nicht viel zu sagen), würde man aus heutiger Sicht als politisch wenig korrekt, teilweise als sexistisch bewerten (allein schon und vor allem „Alles klar auf der Andrea Doria“). Gleichwohl ist von Udo Lindenberg keine einzige kontroverse Ansicht überliefert. Die meiste Zeit befand er sich in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist; mal prägte er ihn, mal ging er mit ihm, zum Beispiel mit seinem Plädoyer für eine „Bunte Republik Deutschland“, mal war er ihm aber auch voraus, zum Beispiel, indem er früher als andere den Rechtsextremismus ins Visier nahm.
So hat auch sein im „Sonderzug nach Pankow“ (1983) kulminierendes deutsch-deutsches Engagement nichts mit Deutschtümelei zu tun. Es reicht zurück bis zu seiner Ode an ein Mädchen aus Ost-Berlin, „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“, komischweise aus dem selben Jahr wie „Die Legende von Paul und Paula“ (1973). Während seiner „Panischen Zeiten“ (1980) war er sogar eine Art schwarz-rot-goldenes Nationalemblem, mit spielerisch-kokett angemeldeten Ansprüchen auf höchste Staatsämter.

Udo Lindenbergs Patriotismus ist vor allem sprachlicher Natur. Er war einer der Ersten, die das Deutsche wagten, und er gewann damit. Dass wohl nicht alle seiner Spontisprüche von ihm stammen, sickerte beizeiten durch, ist aber eigentlich egal. Er hat es mit seiner höchst individuellen, aber leicht nachahmbaren Diktion unter die Leute gebracht und auf diese Weise genauso bewusstseinsbildend gewirkt wie seine alten Hamburger WG-Kumpel Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen – welche Kreativität, wie viel doppeltes und dreifaches Talent (Musik, Schauspielerei und Malerei) gingen aus der „Villa Kunterbunt“ hervor! Unvergleichlich mehr als aus der im wesentlichen wohl mit Kiffen und Geschlechtsverkehr beschäftigten Kommune 1.
Über diese Villa, Zentrum der damals so genannten Hamburger Szene, ist nicht allzu viel bekannt; niemand, der dort je wohnte, ist mit dieser interessanten Vergangenheit hausieren gegangen. Einen ganz guten Eindruck bekommt man nun aber in der von Justus Spörel angenehm unprätentiös verfassten, dabei prächtigen „Chronik“ zu Otto Waalkes (Rüssl Musikverlag, 2026, Seiten 90 bis 95). Udo Lindenberg schlief, so ist zu erfahren, im Wasserbett, natürlich bis mittags.
Endlich mal wieder Schwung reinbringen in die Bonner Schlafanstalt
Bei diesem Lebenswandel ist ein gewaltiges Werk herausgekommen, vielstimmig bis hin zu Dixieland, Country, Chanson und Gospel, im Kern aber profunder Rock. Für sein Panik-Orchester und die anderen Formationen hat dieser absolut sichere Rhythmiker und Taktgeber immer die besten deutschen Musiker rekrutiert, die er bekommen konnte, ein längst kaum noch überschaubarer Clan aus Leuten, die um ihn kreisen wie die Motten ums Licht.
Auch die nach seinem Verständnis unpanischen Zeiten, in denen er mit seinem eiernden Gang, seinem Genuschel und seiner immer etwas verwaschen daherkommenden Gesamterscheinung eher als Witzfigur durchging, hat er gut hinter sich gebracht. Mehr Aufhebens, als bei ihm schon im voraus, wurde um den runden Geburtstag eines deutschen Unterhaltungskünstlers jedenfalls schon lange nicht gemacht, wahrscheinlich auch deswegen, weil man ihm diesen lange gar nicht zugetraut hätte.
„Wir müssen endlich mal wieder richtig Schwung reinbringen in diese müde Bonner Schlafanstalt.“ Das sagte er, wie meistens ohne jede Ironie, 1980 zu „Panischen Zeiten“. Jemanden, der das tut, könnte man heute auch gebrauchen – wie gut, dass Udo Gerhard Lindenberg an diesem 17. Mai 2026 erst so alt wird, wie Rudi Ratlos, dieser schmierige Stehgeiger aus ungut glorreicher Zeit, 1974 schon war: 80 Jahre.
