Wally ist tot. Ich bin zu spät. Bald, hatte ich ihr am Telefon versprochen. Bald fliege ich nach Cleveland. Dann sitzen wir wie damals auf den Klappstühlen vor deiner Garage, trinken Bier, erschlagen Moskitos, lachen, und du sagst mir, ob du Trump immer noch toll findest. Der Frühling kam, der Sommer ging. Ich flog nicht, und Wally starb. Jetzt bin ich da. Vor dem Veteranenzentrum in Mentor, einem Vorort von Cleveland, steht ein silberner Toyota-Pick-up. Wallys Tochter Laura trägt Kuchenbleche nach drinnen. Sie wirft mir einen Kuss zu. Es ist Mai. Auf dem Asphalt flimmert die Hitze. Sattblau dehnt sich der Himmel über dem flachen Gebäude. Wie gemacht für die amerikanische Flagge.
Achtzig, neunzig Gäste sind zur Trauerfeier eingeladen, Verwandte, Freunde, Nachbarn. Jeder bringt seine Erinnerungen mit. Tische werden gerückt, Stühle verschoben, Plastikgeschirr gestapelt. Eiskalt ist die Luft im Saal. Laura testet den Projektor. Mitarbeiterinnen des Veteranenzentrums schaffen Berge von Fleisch und Pasta heran. Wer soll das alles essen? Es riecht wie bei Kentucky Fried Chicken. Rosafarbener Zuckerguss auf den Donuts, fingerdick.
Als ich Wally das letzte Mal sah, waren ihre Handgelenke selbst für Kinderkettchen zu dünn. Sie trug Leggins und Hausschuhe mit einem lustigen Comicgesicht. Sie ging am Rollator. Rauchte Pall Mall. Kette. Sie liebte Deviled Eggs. Sie lachte rau und sagte: „Darling, I am a free thinker!“ Ich war hingerissen. Den amerikanischen Zweig meiner Familie kannte ich bis dahin nur aus den wilden Erzählungen meines Vaters, der mich gewarnt hatte: „Pass auf, Töchterchen, die Familie ist politisch zerrissen.“ Ich bin froh, dass mein Vater dieses Mal dabei ist.
„Waffen sind die Juwelen des Mannes“
Die ersten Gäste kommen, rufen „Hallo“. Ein Mann am Stock und seine untergehakte Frau stehen neben mir. „Und wer sind Sie?“, fragt ein älterer Herr mit Haaren wie Watte. Er wohnte neben Wally. „Einmal“, sagt er, „zog ein Paar in unsere Straße und errichtete einen Zaun ums Grundstück. Wally ist ausgeflippt, so sehr hasste sie diesen Zaun.“ Ja, das passt zu ihr, ausflippen wegen eines Zaunes. Solche Anekdoten möchte ich hören.
Dann schlenkert Wallys Enkel Tyler seinen schmalen Körper in den Saal. Ich erschrecke, so dünn ist er. „Hi!“ Er ist jetzt Vater. Vor einem knappen Jahr kam seine Tochter zur Welt. Unter dem rechten Auge hat er noch ein Stückchen Haut für ein weiteres Tattoo gefunden. Cora steht dort in roter, geschwungener Schrift. Coraline sitzt wie ein Buddha im Kinderwagen. Ich kneife ihr in die Waden, aber sie zuckt nicht einmal mit ihren schwarzen Wimpern. „War Wally in letzter Zeit glücklich?“ „Ja“, sagt Tyler und sieht an mir vorbei.

Er wohnt mit seinem Bruder Ryan noch immer in Wallys Haus, einem jener typischen amerikanischen Vorstadtholzhäuser. Im Gun Room hängen Schusswaffen an der Wand wie Trophäen, sie liegen auf dem Tisch und verstreut auf dem Sofa. „Waffen sind die Juwelen des Mannes“, hat Tyler damals gesagt. Ich sah mir die Waffen lange an. Ich zielte mit einer auf ein imaginäres Ziel, seltsam fasziniert. „Stimmt es, dass Wally glücklich war“, frage ich meinen Vater. „Nein“, sagt er, „sie war zunehmend frustriert.“ Zwei Menschen, zwei Antworten.
Im Nebenraum blinken die Lichter der Spielautomaten, auf den Tischen stehen Amerika-Fähnchen. Ein Mann trinkt am Tresen Bier. Er schaut sich ein Footballspiel auf dem Bildschirm hinter der Theke an. Unter seinen Augen liegen dunkle Halbmonde. Wir kommen ins Gespräch über die hohen Benzinpreise, Trump, die Medien, denen er misstraut, und Tucker Carlson. Bei dessen Namen lacht er nur. Tucker Carlson? Ein Nichts. Und der Irankrieg? „Trump musste es tun, die Mullahs wollen uns auslöschen.“ Er nickt Richtung Bildschirm. „Ist wie beim Football. Die Leute halten zu ihrem Team. Egal, was passiert.“ Dann steht er plötzlich auf und geht.
Was hätte Wally zum Irankrieg gesagt? Sie schwärmte von Trump, doch sie lehnte jeden neuen Krieg vehement ab. Im Flur hängt neben dem Desinfektionsspender ein Plakat: „Help Stop Veteran Suicide Until There’s None“. Von einer stillen Epidemie ist die Rede. Von zwanzig Veteranen, die sich jeden Tag das Leben nehmen.
Trump gab ihrer Sehnsucht eine Heimat
Der Projektor wirft ein Bild von Wally auf die Wand. Jung, kurzes Haar, abenteuerlustig. Ihre Eltern hatten ein von Wiese umgebenes Anwesen, in dessen Nähe ein See lag. Sie nannten das Haus „die Farm“. In der Nachbarschaft lebten Amish. Wurde ein Kind geboren, kamen sie mit der Kutsche vorbei und zeigten das Neugeborene.
Wenn Wally vom alten Amerika erzählte, leuchteten ihre Augen. Vom reichen Amerika. Von General Motors und den Stahlwerken mit ihren rauchenden Schloten. Von Männern, die mit zwanzig ein Haus kauften und mit einem Beruf ihre Familie ernährten. Als die Autos vom Band liefen, als müsse die ganze Welt motorisiert werden. Sie sagte: „Darling, Cleveland used to be something.“
Dann schüttelte sie den Kopf und nahm einen tiefen Zug. Sie erinnerte sich, wie die Werke dichtmachten, die Jungen fortgingen und auf den Verandas die Alten zurückblieben. Vor den verbarrikadierten Geschäften schliefen Obdachlose. Als Donald Trump „Make America Great Again“ zu seinem Schlachtruf machte, schöpfte Wally neue Hoffnung auf eine Wiederkehr des alten Amerikas, das unwiederbringlich verloren schien. Sie glaubte Trump, dass die Jobs zurückkämen, dass die Fabriken wieder rauchen würden und nicht jeder einfach über die Grenze spazieren könne. Er gab ihrer Sehnsucht eine Heimat.
Ich habe nie wirklich versucht, mit Wally zu diskutieren. Ich habe ihr nur zugehört. Ein Fehler? Mein Vater sagt: „Als Wally damals mit ihrer Familie aus Jugoslawien rüberkam, waren alle voller Hoffnung. Lyndon B. Johnson war Präsident, und über Politik hat eigentlich keiner geredet.“

Ryan kommt und stößt mit meinem Vater an. Sie lachen. Gestikulieren mit ihren Bierflaschen und stecken die Köpfe zusammen. Ich verstehe nicht genau, worüber sie reden, doch ich weiß, es ist nicht Politik. Mein Vater mag Ryan, aber er ist ihm einfach zu abgedreht. Manchmal erzähle ich ihm spaßeshalber, was Ryan so alles glaubt, dann boxt er mich in die Seite und sagt: „Jetzt komm, hör auf.“
Ryan arbeitet in einem Tattoostudio. Er ist schön. Klare Züge, dunkle Augen, ein voller Bart um einen fein gezeichneten Mund. Bis auf sein Gesicht ist er am ganzen Körper tätowiert. Sitting Bull, Buddha, Jesus friedlich nebeneinander. Sein Blick ist wach, als wäre er auf der Hut. Als wir damals in Wallys Garten mit seinem Sohn Basketball spielten, sagte er: „Es kommen sehr bald schreckliche Dinge auf Amerika zu.“ Er prophezeite ein tödliches Attentat auf Trump und dass ein Bürgerkrieg ausbrechen werde. Mein Vater sagt, Ryan habe Wally mit seinen Verschwörungstheorien angesteckt. Doch man muss sich auch anstecken lassen wollen.
Zerrissene Familie
Ryan war jedenfalls vorbereitet. Er hatte eine Gruppe gegründet, den Erie Tribe. Als Zufluchtsort diente eine Farm, eine letzte Bastion voller Lebensmittel, Benzinvorräte, Solarpanels, Gras und „tonnenweise Waffen“. Inzwischen glaubt er an die Weltherrschaft der Illuminati. Er trinkt einen Schluck Bier und sagt: „Es wird einen dritten Weltkrieg geben.“ „Wann?“ „Bald.“
An der Wand zieht Wallys Leben vorbei. Wally mit knallgelber Brille, rauchend. Mit Talar und Absolventenhut, daneben steht stolz der Vater. Auf einem Bild wiegt sie ihre Tochter Karen im Arm. Und immer ist da dieses Lachen. Die Nachbarn sagen: „Sie war ein Engel.“ „Sie konnte ganz schön stur sein. Und witzig war sie. Sie war wirklich witzig.“ „Alle Kinder aus der Nachbarschaft durften in ihrem Pool schwimmen, und im Radio lief Neil Diamond.“
Nur Anna fehlt. Anna ist Wallys Schwägerin, eine herzliche Frau mit einem sorgenvollen Blick, als läge ein Schatten über ihren Augen. Zur Trauerfeier wurde sie nicht eingeladen. Als ich vor Trumps zweiter Wahl zum Präsidenten Wally besuchte, hatte ich eine Mission. Sie war kühn. Ich wollte Wally und Anna versöhnen. Seit Corona trennte die beiden ein eisiges Schweigen. Zwei sture Frauen, die sich keinen Deut bewegten. Wally ließ sich nicht impfen, also besuchte Anna sie nicht. Außerdem hatte sich Anna bei Facebook über die „gun slinging cousins“ echauffiert. Auf der Couch flüsterte sie mir ins Ohr: „Trump is evil.“
Mir zuliebe traf sich die Familie zum Barbecue. Wir grillten bei Karen und Jon im Garten, es gab riesige Fleischstücke, Cracker und Bier. Zwischen Anna und Wally beobachtete ich eine zarte Annäherung. Sie lachten. Als Wally sich eine Zigarette anzündete, berührte Anna ihren Arm: „Ich rauche schon so lange nicht mehr, aber den Geruch liebe ich noch immer.“ Ich dachte ein wenig stolz: Mission erfüllt. Doch nach dieser Gartenparty sahen sie sich nie wieder.
Jon, der Vater von Tyler und Ryan, stand an diesem Tag am Grill. Er ist breitschultrig, trägt eine Baseballkappe und einen zerzaustem Kinnbart. Ständig zupft er an ihm und schafft Ordnung. Jon arbeitet auf dem Bau. Im ersten Golfkrieg war er GI, doch über den Krieg redet er nicht gern. Ich kenne ihn eigentlich nur mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. Oder zockend vor dem Computer. Er ist einer dieser Typen, die bei Festen am liebsten in irgendeiner Ecke abhängen, Bier trinken und einsilbige Kommentare abgeben.
Mein Vater stellt sich zu uns. Auch er lächelt meistens, aber als er hört, wie ich Jon nach den gestiegenen Spritpreisen frage, geht er weiter, als wäre er in falsche Gesellschaft geraten. Aber Jon lächelt nur und sagt, es sei gut, dass Geld in die Staatskassen fließe. Die gierigen Mineralölkonzerne seien schuld, nicht Trump. „Trump hält, was er verspricht.“ Ich sage: „Aber er hat America First versprochen. Und dass er keine Kriege mehr führt.“ „Er macht den Job, den Biden und Obama hätten machen müssen. Wenn die Mullahs eine Atombombe auf unser Land werfen, haben wir ganz andere Probleme als Benzinpreise und Inflation.“
Je länger ich Jon zuhöre, desto mehr verblüfft mich die Beweglichkeit seines Denkens. Die gebrochenen Versprechen, die vielen Widersprüche. Erstaunlich mühelos fügt er all das in eine neue Erzählung ein.
Wie viele Trump-Anhänger denken so wie Jon? Auf der Wand wechseln die Jahrzehnte einander ab. Die Sechzigerjahre. Das Amerika, das Wally liebte. Die Autos trugen Namen wie Chevrolet Bel Air und Pontiac Catalina. Glänzende Straßenkreuzer mit Chromleisten und Heckflossen in Türkis und Senfgelb. Männer mit kurzen Ärmeln und Krawatten. Wally beim Einkaufsbummel.
Der Nachmittag verstreicht. Das Kuchenbüfett ist verwüstet wie nach einem Kindergeburtstag. Mein Vater steht einsam im Saal und beißt in einen Donut. Die meisten Gäste sind fort und haben ihre Fröhlichkeit mitgenommen. Die Musik ist verstummt. Laura und Karen räumen auf, tragen die leeren Bleche zurück zum Auto. Coraline schläft. Sobald sie größer ist, wird ihre Familie ihr von Wally erzählen, von dieser lässigen Urgroßmutter, die mit ihren Enkeln Hasch rauchte und immer einen Stuhl mehr aufstellte. Ein letztes Foto erscheint. Wally ist jung, sie lacht. Im Hintergrund schimmert ihr Amerika.
