Es wirkte wie ein bewusster Angriff, den Taco geplant hatte. So schilderte es zumindest vor einiger Zeit ein Zoobesucher. Das Nashorn habe sich in seinem Freigehege positioniert, sein Hinterteil Richtung Zuschauermenge gerichtet und dann „abgefeuert“. Die Schussladung nach dem Prinzip Schrotkugel war erfreulicherweise nur flüssig. Der Strahl erreichte in Ausläufern die Menschenmenge. Und das Erstaunen war groß. Hat Taco sich etwa bewusst inszeniert und seinen Protest gegen die gaffende Menge zum Ausdruck gebracht? „Das ist ganz normales Verhalten des Tieres“, sagt Caroline Liefke vom Frankfurter Zoo. „Nashörner markieren auf diese Weise ihr Revier.“ Den Schreck der Besuchermenge kann sie natürlich nachvollziehen. Dem vor rund zwei Jahren aus Köln nach Frankfurt umgezogenen Taco eilt auch im Kreis der Zoomitarbeiter ein besonderer Ruf voraus. Das Nashorn ist beliebt, aber eben auch berüchtigt.

Im Nashornhaus hängt am Gitter sogar ein Hinweisschild: „Vorsicht – Nashorn spritzt ins Publikum“. Das stark vergilbte Papier ist aber ein eindeutiger Hinweis darauf, dass auch schon Tacos Vorgänger wie der 2023 verstorbene Kalusho ähnliche Spektakel veranstaltet haben – ein weiterer Beleg, dass es sich um einen ganz natürlichen Vorgang handelt. Das Ganze geschieht ohne jedes Vorzeichen. Das Schauspiel ist andererseits auch nicht durch ein Zuckerli oder sonstige Verlockungen für das Tier zu provozieren. Es entspringt einem spontanen und nicht planbaren Bedürfnis seitens des Nashorns. Oder doch nicht? „Wir bilden uns ein, dass Taco besonders gerne das Revier markiert, wenn viele Besucher zuschauen. Aber vielleicht stimmt das nicht, und wir sollten es mal empirisch untersuchen“, sagt Michael Walther, Pfleger in der Afrikasavanne.
Die vermeintliche Verhaltensauffälligkeit bleibt so oder so ein natürliches Verhalten. So ist es auch bei den Weißwangen-Schopfgibbons, die morgens nicht etwa aus Protest gegen ihre Gefangenschaft im Zoo „den Affen machen“. Auch sie markieren nur ihr Revier. Wie im Urwald signalisieren sie mit ihren unüberhörbaren Schreien, dass es sie und ihren Gebietsanspruch gibt. Eindringlinge, die sich in ihr Revier verirrt haben könnten, wissen dann Bescheid.

Anwohner des Zoos rund um die Bernhard-Grzimek-Allee im Ostend fühlen sich hingegen nicht ganz zu Unrecht in ihrer Ruhe gestört, wenn die Gibbons ihr Theater vollziehen. Im Zoo werden sie deshalb nachts im Innern gehalten, morgens können sie in ihrer Innenanlage schallgedämpft nach Lust und Laune ihr Revier verteidigen, ohne dass die Anwohner allzu früh aus ihren Betten geworfen werden. Die Gibbons sind in ihrer Verteidigungsstrategie zufriedengestellt, die Nachbarn nicht übermüdet.

Für Zoodirektorin Christina Geiger gehören die vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten zur besonderen Faszination der Tierwelt. „Das macht den Reiz der Beschäftigung mit Tieren und mit der Natur aus. Diese sagenhafte Vielfalt, die gerade die Tierwelt entwickelt hat, ruft uns auch immer wieder in Erinnerung, wie wichtig unsere Arbeit für den Erhalt der Diversität ist.“ Konkret auf den Zoo bezogen, sei das Beibehalten von Verhaltensweisen aus der Natur auch ein Beleg, dass die Tierparks vieles richtig angingen in der Tierhaltung. „Die Tiere sehen ihren Lebensraum hier als ihr Revier an und fordern auf ihre gewohnte Weise Respekt gegenüber diesem Anspruch ein.“
Vikunjas markieren ihr Revier ebenfalls über den Stuhlgang, sie nutzen gemeinsame Kotstellen, an denen alle Tiere einer Gruppe ihre Hinterlassenschaften absetzen. Diese Dunghaufen der Kamelart dienen vor allem der Abgrenzung und Markierung ihres Territoriums und spielen eine wichtige Rolle im Sozialverhalten der Tiere. Das ist durchaus nicht üblich bei Vierbeinern: Ziegen und Giraffen etwa verrichten ihr Geschäft, wo sie gehen und stehen. Die Klugheit der Natur zeigt sich bei Vikunjas auch bei der Geburt: Die findet fast immer vormittags statt, damit das Fell der Neugeborenen in der Sonne trocknen kann.

Die kuriosen Seiten des Zoolebens erstrecken sich auch auf andere Verhaltensweisen: Das Faultier zum Beispiel hat die Angewohnheit, genau einmal am Tag seinen Faulenzerplatz in sicherer Höhe zu verlassen. Dann krabbelt es in seiner Anlage von seinem Stammplatz auf dem Ast hinab zu Boden, sucht einen bestimmten Ort auf und verrichtet dort seinen Stuhlgang. Dies aus der Höhe zu erledigen, verbieten ihm nicht etwa die Etikette oder ein Reinlichkeitsbedürfnis. Das Tier verhindert allein, dass ihm mögliche Fressfeinde allzu leicht auf die Spur kommen können. Das Faultier legt also eine falsche Fährte.

Legen ist auch die Besonderheit eines anderen Tieres: Kiwis legen erstaunlich riesige Eier im Verhältnis zur Körpergröße der Mütter ab. Und nicht nur das: Das Brüten übernimmt der Vater, der auch nach dem Schlüpfen des Jungtiers einige Tage die Versorgung des Nachwuchses sicherstellt.
Auffällig ist auch der Senegal-Galago. Das kleine Wesen besitzt nahezu unglaubliche Sprungfertigkeiten, die er den Zoobesuchern immer wieder gerne zeigt. Man muss sich für das Spektakel nicht einmal besonders gedulden, da die Tiere recht unternehmungslustig durch ihr Revier hüpfen.
Die Auffälligkeit des Komodowarans ist nicht zu sehen: Allein lebende Weibchen der größten Echsenart sind in der Lage, ausschließlich männlichen Nachwuchs zu zeugen – ohne Befruchtung durch ein Männchen. Im Zoo hat Rintja die Jungfernzeugung bereits bewiesen. Lebend zur Welt gekommen ist in Frankfurt nach Angaben des Zoos allerdings noch keiner der sagenumwobenen Warane, die in freier Wildbahn vornehmlich auf der indonesischen Insel Komodo vorkommen.
„Für uns ist das im Zooalltag Normalität“, sagt Caroline Liefke beim Rundgang auf der Suche nach weiteren Besonderheiten. Für den Laien ist aber schon das „offenbar Normale“ die Sensation. Wie schafft es der Tiger, an dessen Anlage man beim Zoobesuch unweigerlich vorbeikommt, bei seinem doch bemerkenswerten Gewicht auf einem dünnen Ast über dem Wasser zu balancieren? Auch das ist natürlich keine Verhaltensauffälligkeit. Es ist ein kleines Wunder der Natur.
