
Die eine Macht ist im Abstieg, die andere im Aufstieg. Und wenn die eine Macht die andere als Hegemon verdrängt, dann ist ein Krieg sehr wahrscheinlich. Das ist die Kernaussage der sogenannten Thukydides-Falle, benannt nach einem antiken Historiker.
Xi Jinping erwähnte diese vermeintliche Falle nun gegenüber Donald Trump während dessen Besuch in Peking. Trump brauchte offenbar etwas, bis ihm aufging, dass Xi damit ja gesagt hatte, dass die USA im Abstieg begriffen seien. Er ging noch von seiner Suite in Peking aus auf Truth Social und schrieb: Xi könne nur die Vereinigten Staaten gemeint haben, die unter Joe Biden gelitten hätten, und unmöglich die, die unter ihm seit 16 Monaten einen „unglaublichen Aufstieg“ erlebt hätten. Es hätte souveränere Reaktionen auf diese kleine Provokation gegeben.
Doch die Frage, welche der zwei Weltmächte eigentlich die mächtigere ist, schwebte über diesem Gipfel. Sind die USA noch der Hegemon, oder hat Peking Washington schon als politisches Zentrum der Welt abgelöst? Es ist gut möglich, dass Historiker diesen Gipfel in Peking im Mai 2026 als einen Wendepunkt interpretieren werden.
Denn Trump reiste zurück, ohne viel erreicht zu haben, und musste den Gipfel dennoch in höchsten Tönen loben. Die Wirtschaftsvereinbarungen waren ein Bruchteil dessen, was vor achteinhalb Jahren bei seinem letzten Besuch in Peking beschlossen wurde. Soweit bekannt, gab es keinen Durchbruch in einem für die USA wichtigen politischen Feld, nicht bei den Halbleitern, nicht in der Straße von Hormus. Stattdessen diktierte Xi mit seinen Äußerungen zu Taiwan die Agenda.
Trump konnte nicht anders, als den Gipfel dennoch zu feiern. Er ist von Chinas Seltenen Erden abhängig und braucht dringend etwas, das er für die Zwischenwahlen vorzeigen kann. Xi, der in Trumps erster Amtszeit noch seine liebe Müh und Not mit dem unvorhersehbaren Trump hatte, hat ihn inzwischen fest im Griff. Er bietet ihm Pomp, Bilder und sonst wenig. Die Frage, welche Supermacht mächtiger ist, wird die Welt noch einige Zeit beschäftigen. Zumindest zwischen den beiden Präsidenten dürfte die Machtfrage nach diesem Gipfel entschieden sein.
