Als Expansionsmanagerin startete Marianne Vikkula vor acht Jahren bei Wolt. Seit einem Dreivierteljahr ist sie Geschäftsführerin des finnischen Lieferdienstes und hat große Pläne: Sie will das Liefergeschäft in Deutschland, einem der härtesten Märkte, ausbauen. Dabei setzt sie auf Technologie, Drohnen und Roboter. Der europäische Föderalismus jedoch erschwere ihre Expansionspläne.
Wolt ist vor zwölf Jahren als Lieferdienst für Restaurantbestellungen in Helsinki gestartet und mittlerweile in mehr als 30 Ländern aktiv. Längst hat sich das Unternehmen wie nahezu alle Anbieter vom reinen Essenslieferanten zu einer Onlinehandelsplattform entwickelt. Neben Pizza, Sushi und Nudeln können Kunden auch Einkäufe, Kosmetik und Medikamente nach Hause bestellen. Als „Quick Commerce“ bezeichnet die Branche diese schnelle Zustellung von Konsumgütern.

Wolt-Chefin will mehr als Restaurantbestellungen anbieten
Mehr als die Hälfte der Nutzer habe aber „noch nichts anderes als Restaurantessen ausprobiert“, sagt Vikkula der F.A.Z. Sie fügt hinzu: „Das wollen wir ändern.“ Dazu baut Wolt eigene virtuelle Supermärkte auf, die sogenannten Wolt Markets. Dort lassen sich Lebensmittel oder auch WM-Fanartikel wie im Supermarkt bestellen und abholen.
Auch Lieferando und Uber Eats liefern längst nicht mehr nur Döner, sondern auch Taschentücher, Handyladekabel und so weiter. Die Ursprungsidee von Lieferando, Delivery Hero, Wolt und Co. war es, Restaurants mit Kunden via Plattform zu verbinden. Die Restaurants fuhren ihr Essen mit eigenen Fahrern aus. Ergänzend stellten die Plattformen eigene Fahrer ein. „Als wir mit Restaurant-Lieferungen gestartet sind, haben unsere Kunden schnell auch Haushaltswaren nachgefragt“, sagt Vikkula. „Nachdem wir Haushaltswaren angeboten haben, wurden Medikamente und Kosmetik nachgefragt. Wir sind dem Feedback unserer Kunden gefolgt.“
„In unserer Branche wird es nie langweilig“
Lieferdienste stehen in harter Konkurrenz zueinander und unterbieten sich regelmäßig im Preis. Immer wieder tauchen neue Unternehmen auf und verschwinden wieder. Derzeit buhlen der US-Konzern Uber und Prosus, der Eigentümer der Lieferando-Muttergesellschaft Just Eat Takeaway, um den M-Dax-Konzern Delivery Hero. Beide wollen ihr Liefergeschäft mit der bestehenden Infrastruktur aus rund 65 Ländern stärken. Den Übernahmekampf beobachtet Vikkula genau: „In unserer Branche wird es nie langweilig“, sagt sie und erinnert sich an ihren Start als Expansionsmanagerin: „Seit meinem ersten Tag habe ich eine kompetitive Branche erlebt. Unternehmen verlassen den Markt, werden verkauft, fusioniert oder kaufen andere Wettbewerber. Es überrascht mich nicht, dass das so weitergeht.“
Während der Corona-Pandemie erlebte die junge Branche einen Hochlauf, der für einige Unternehmen jäh endete. Das türkische Getir schluckte den Berliner Lieferdienst Gorillas, zog sich danach aber wegen Geldproblemen aus allen europäischen Märkten zurück. Auch Delivery Hero ist nicht mehr in Deutschland aktiv, obwohl der Firmensitz weiterhin Berlin ist. Und Wolt selbst wurde vor vier Jahren von dem US-Dienst Doordash übernommen. In Europa ist Wolt weiterhin unter dem etablierten Namen unterwegs. Vikkula war damals für neue Märkte verantwortlich.
„Roboter sind derzeit langsamer als Kuriere per Auto oder Fahrrad“
In der finnischen Hauptstadt Helsinki bietet Wolt schon an, was die Preise niedrig halten und dem Unternehmen damit helfen soll, wettbewerbsfähig zu bleiben – und vor größeren Anbietern zu bestehen: autonome Zustellung durch Roboter. Die Vierräder sind einen halben Meter hoch, knallblau angemalt, und auf ihnen weht eine rote Fahne wie an Kinderfahrrädern. Sie fahren auf Straßen, über Bordsteine und halten an Zebrastreifen. „Sie bewältigen sogar große Schneestürme in Finnland“, sagt Vikkula.
Wobei im Internet Videos kursieren, wie die Roboter manchmal an Bordsteinen hängen bleiben. Hinter ihnen fährt ein Wolt-Fahrer auf dem Rad vorbei, der seine Lieferung schneller an den Zielort transportieren dürfte. In einem Video heben Passanten zwei Roboter auf den Bordstein, dann setzen die Roboter ihre Fahrt fort. Auch die Wolt-Chefin räumt ein: „Die Roboter sind derzeit langsamer als Kuriere per Auto oder Fahrrad.“
Einkäufe sind für Drohnen zu schwer
Die britische Bank Barclays sieht Doordash dennoch als einen der ersten Profiteure der autonomen Helfer, da der Konzern im Gegensatz zu Mitbewerbern überhaupt schon Roboter einsetzt. Das Geldhaus hat zudem ausgerechnet, dass Lieferungen per Roboter oder Drohne kurzfristig in Märkten mit hohen Lohnkosten um drei bis vier US-Dollar niedriger sind. Lieferungen mit Fahrer kosten derzeit bis zu sieben Dollar. Langfristig könnten autonome Lieferungen die Kosten gar auf einen Dollar je Bestellung drücken. Barclays schätzt den Anteil dieser Lieferungen derzeit allerdings auf gerade mal ein Prozent aller Lebensmittelbestellungen weltweit. Bis zum Jahr 2035 sollen es zehn Prozent sein.
Wolt hat auch Drohnen getestet, Vikkula allerdings sagt, dass „Roboter sehr wahrscheinlich der nächste Schritt in unserer Branche sein werden“ und Drohnen erst später kämen. Die Entwicklung sei noch nicht ausgereift, weil Drohnen „noch keine schweren Lasten transportieren“ könnten. „Bei unseren Tests lag das Maximum bei ein paar Kilogramm, was bedeutet, dass wir mit Drohnen nicht wirklich Lebensmittel ausliefern können.“ Teil von Vikkulas Expansionsplänen ist es, die Roboter nach Deutschland zu bringen. „Dafür werden wir in den kommenden Monaten und Jahren in den Austausch auf Bundes- und kommunaler Ebene treten“, kündigt sie an.
„Unser größter Wettbewerber ist der Kühlschrank“
Damit würde Wolt die Technologie in einen der am härtesten umkämpften Märkte für Lieferdienste bringen. Deutsche achten stark auf Lebensmittelpreise, die Ertragsquote für Unternehmen ist dadurch gering – sie haben es noch schwerer als ohnehin, profitabel zu arbeiten. „Der Markt für Onlineessensbestellungen in Deutschland ist immer noch weniger entwickelt als in vielen anderen europäischen Ländern. Deshalb sehen wir hier große Wachstumschancen“, sagt Vikkula. Konkurrenten seien für sie weniger Mitbewerber wie Lieferando, sondern die Gewohnheiten der Deutschen, die viel selbst einkaufen: „Unser größter Wettbewerber ist der Kühlschrank. Also das Ändern von Verhaltensmustern.“
Doch auch die Geographie Deutschlands macht es Lieferdiensten schwer: Es gibt viele mittelgroße Städte. „Um allein die Hälfte der Bevölkerung abzudecken, müssten wir in mehr als 400 Städten aktiv sein“, sagt Vikkula. Derzeit seien es 60 bis 70. Außerhalb Deutschlands agiere Wolt auch in Städten mit weniger als 10.000 Einwohnern. Um die Städte zu erschließen, setzt Wolt neben eigenen Fahrern auch auf die Flotten von Drittanbietern, um flexibler auf Nachfragespitzen reagieren zu können.
Gewerkschaften kritisieren diese Art der Auslagerung, weil das Subunternehmermodell keine fairen Arbeitsstandards gewährleiste. Manche Arbeiter seien ohne Vertrag tätig oder würden selbst mit formalem Arbeitsvertrag wie selbständige oder freiberufliche Unternehmer behandelt.
Das Europäische Parlament hat schon 2024 das „Gesetz zur Plattformarbeit“ beschlossen, das sogenannte Plattformarbeiter mit normalen Angestellten gleichstellen soll. Dafür wird die Beweislast umgekehrt. Die Plattformen müssen belegen, dass sie ihre Arbeiter nicht so wie Festangestellte kontrollieren. Nur dann dürfen sie diese als selbständig einstufen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bereitet aktuell die Umsetzung in deutsches Recht vor, die bis zum 2. Dezember erfolgen muss.
„Es ist absolut verständlich, dass darüber diskutiert wird“, sagt Vikkula und spricht von einer „neuen Art von Arbeit“, die auf sehr flexible Weise ein Einkommen ermögliche. „Wir begrüßen es, Regeln dafür zu schaffen, damit für alle die gleichen Wettbewerbsbedingungen herrschen.“ In der nationalen Umsetzung drohe nun aber ein Flickenteppich mit unterschiedlichen Auslegungen der Richtlinie zu entstehen. „Das hilft europäischen Unternehmen sicherlich nicht dabei, Plattformen aufzubauen, die langfristig eigenständig skalieren können.“
