Im kollektiven Gedächtnis, aber auch in der medialen Erinnerung hat sich Friedrich August I. von Sachsen, genannt August der Starke, als Inbegriff barocker Verschwendung und Egomanie verewigt. Er hat, das weiß man, ohne es genau zu wissen, die Einnahmen seines Kurfürstentums verprasst und auf dem Schlachtfeld stets den Kürzeren gezogen; er hat aber auch Dresden zur schönsten Stadtkulisse Deutschlands und den dortigen Zwinger zum architektonischen Symbol seiner Epoche gemacht.
In einem Fernsehspiel des ZDF von 1984 wird er von Gert Fröbe als Polterer und Poseur dargestellt, im fast gleichzeitig entstandenen DDR-Sechsteiler „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ legt er durch seine Genusssucht den Grundstein für die preußische Dominanz in Mitteleuropa. Wo immer er, inzwischen selten genug, ins Bild kommt, ist er von Mätressen und Höflingen umgeben, er biegt Hufeisen und Frauenbeine, doch die Geschichte geht respektlos über ihn hinweg.
Er hatte „meisterhafte Momente“ und einen erlesenen Geschmack
Das wollte der englische Historiker Tim Blanning nicht auf sich beruhen lassen. Seine Biographie des Sachsenfürsten, der als August II. auch König von Polen war, will die Verzerrungen des historischen Nachbilds ausgleichen, indem sie es vollständig ausmalt. Dabei kommt Blanning allerdings nicht umhin, zu den Farben und Motiven zu greifen, die ihm die Überlieferung bereitstellt, und so erfährt man aus seinem Buch vieles über August, was man sich ungefähr schon gedacht hatte. Er war „schlicht ein unverbesserlicher Angeber“, er gab mit vollen Händen Geld aus und hielt sich mehrere Geliebte gleichzeitig, aber er hatte auch „meisterhafte Momente“ und einen erlesenen Kunstgeschmack. Ja, er war laut Blanning überhaupt ein Künstler, „vielleicht der größte seiner Zeit“, also nicht bloß ein Ästhet, sondern ein Artifex eigenen Rechts.
Den Beweis dafür bleibt Blanning schuldig. Das liegt nicht nur am Gegenstand – ein regierender Monarch hat nun einmal wenig Zeit, Pinsel oder Feder zu schwingen –, sondern auch am Autor. Tim Blanning ist nach Studien zur Geschichte des Barock- und Revolutionszeitalters zuletzt mit Biographien über Friedrich den Großen und Georg I. von England hervorgetreten. Das Grundgefühl, das sich darin ausgedrückt hat, fehlt in Blannings Beziehung zu August dem Starken: Bewunderung, mindestens Respekt. Eher meint man an einigen Stellen Verärgerung über die vielen Niederlagen zu spüren, die sein Held einstecken muss, und die Fettnäpfchen, in die er unaufhörlich tritt. Schon im Vorwort spricht sich die Frustration des Biographen in der Bemerkung aus, Augusts Selbstzeugnisse seien „erdrückend banal“. Entsprechend selten werden sie zitiert.
Zum Ärger über August gibt es Anlässe genug. Als junger Fürst und kaiserlicher General im Großen Türkenkrieg spielt er eine unglückliche Rolle, sein zögerliches Taktieren im Feldzug von 1695 führt zur Vernichtung eines ganzen Heeresteils. Dann lässt er sich, von Ruhmsucht getrieben, auf die Kandidatur im polnischen Wahlkönigtum ein, konvertiert zum Katholizismus und wirft mit Bestechungsgeldern um sich; an die vierzig Millionen Taler, zum Teil aufgebracht durch den Verkauf von Ländereien und Titeln, sollen geflossen sein, um die Szlachta, den wahlberechtigten polnischen Landadel, auf Augusts Seite zu ziehen.

Aber die neue Krone, Herrschaftszeichen eines ausgebluteten, unterentwickelten Landes, bringt ihrem Träger kein Glück. Vom russischen Zaren Peter I., mit dem er tagelang um die Wette isst und trinkt, lässt er sich in einen Krieg gegen den schwedischen König Karl XII. hineinziehen, den er nicht gewinnen kann. Bei Klissow und Fraustadt schwer geschlagen, muss er im sächsischen Altranstädt einen demütigenden Frieden schließen, durch den er die Königskrone wieder verliert. Nach Karls Niederlage gegen das russische Heer bei Poltawa in der Ukraine bekommt er sie zurück, aber von nun an ist er eine Marionette des Zaren, der mit seinen Truppen und seinem Geld in Polen die Fäden zieht. Zwar wird auch sein gleichnamiger Sohn als August III. noch einmal zum polnischen König gewählt, aber bei den drei Aufteilungen des Landes zwischen Preußen, Russland und Österreich ab 1772 sind die Sachsen nicht mehr im Spiel.
Doch das ist nur die eine, die schwache realpolitische Seite des starken August. Denn während er als Kriegsherr und Stratege versagte, gewann er als Mäzen und Bauherr eine Schlacht nach der anderen. Mit dem Architekten Pöppelmann, dem Bildhauer Permoser, dem Maler de Silvestre, den Brüdern Dinglinger und dem Modelleur Kändler holte er die führenden Künstler und Kunsthandwerker seiner Zeit an den Dresdner Hof. Dabei kam ihm zugute, dass Sachsen-Thüringen trotz aller Kriegsnöte die stärkste Volkswirtschaft im Heiligen Römischen Reich war, mit blühenden Städten, gut ausgebauten Verkehrswegen und einer Vielzahl von Bodenschätzen, darunter Silber, Eisen, Kupfer, Zinn und Zink.
Seine Soldaten aßen einen 1,8 Tonnen schweren Riesenstollen
Aber August hatte auch Glück, denn unter seiner Ägide wurde 1708 das Geheimnis der Porzellanherstellung in Europa entdeckt. Die Manufaktur in Meißen entwickelte sich zum Motor der sächsischen Konjunktur, und sie versorgte den Kurfürsten mit Luxuswaren, die er als Staatsgeschenke an die übrigen Häupter Europas verteilen konnte. Was die Sachsen auf dem Schlachtfeld verloren, gewannen sie auf dem Parkett der Diplomatie wenigstens teilweise zurück, etwa durch die Heirat ihres Thronfolgers mit einer habsburgischen Prinzessin, die im Herbst 1719 wochenlang mit Bällen, Volksfesten und Treibjagden in Dresden gefeiert wurde.
Auch die Machtgelüste seines hochgerüsteten Nachbarn Preußen konnte August immer wieder besänftigen, zuletzt im Militärlager von Zeithain, wo die dreißigtausend Mann starke sächsische Armee im Jahr 1730 ein vierwöchiges Prunkgelage veranstaltete, bei dem unter anderem ein 1,8 Tonnen schwerer Riesenstollen gebacken und verzehrt wurde. Die Politik des Schmausens und Zechens zahlte sich aus, denn der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm hielt dem sächsischen Kollegen trotz konfessioneller Gegensätze die Treue. Unter Augusts Nachfolger zerbrach dieses Bündnis, mit den bekannten Folgen: Im Siebenjährigen Krieg wurde Sachsen preußisch besetzt, sein Heer spielte fortan keine historische Rolle mehr.
Man liest Blannings Buch mit gewissem Bedauern. Wenn er über seinen Helden schreibt, er habe in Polen gezappelt „wie eine Fliege im Honig“, dann gilt das auch für seinen Biographen. Hätte Blanning seinen Blick aus der polnischen Misere öfter ab- und nach West- und Südeuropa hingewendet, wäre aus der Lebensgeschichte Augusts des Starken womöglich ein Panorama des europäischen Hochbarocks geworden. So bleibt es bei einem Herrscherporträt, dessen Züge sich nie ganz aus den überlieferten Stereotypen lösen. Die Geheimnisse von Augusts Psyche zu ergründen sei schwierig, gibt Blanning im Vorwort zu. Vielleicht genügt es ja, sich den Zwinger, das Grüne Gewölbe und die übrigen Dresdner Sammlungen genau anzuschauen, um zu begreifen, wie ihr Auftraggeber getickt hat.
Tim Blanning: August der Starke. Sachsens Sonnenkönig. Eine Biographie.
C. H. Beck Verlag, München 2026, 448 S., 34 Euro.
