Sobald Professoren glauben, politisch wirksam sein zu müssen, sind sie genauso töricht wie jedermann. Sogar zu Fragen ihres eigenen Gebiets geben sie dann manchmal nur Unfug zum Besten. So jetzt der Historiker Wolfgang Benz, der vom Berliner „Tagesspiegel“ aus gegebenem Anlass zum Begriff des Antisemitismus befragt wurde. Das lag einerseits nahe, denn Benz leitete bis 2011 mehr als zwanzig Jahre lang das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Er sollte sich also auskennen. Andererseits ist er immer wieder mit gewagten Vergleichen hervorgetreten, etwa mit dem von Pippi Langstrumpf und Kolonialrassismus oder dem von Antisemitismus und Kritik am politischen Islam.
Auch das Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ eröffnete er mit einem seltsamen Vergleich, der unsere Zeit an die Jahre um 1933 heranrücken sollte. Die Konservativen hätten Adolf Hitler zur Macht verholfen, und der heutige Bundeskanzler habe vor einem Jahr einen Antrag mit Stimmen der AfD durch den Bundestag gebracht. Friedrich Merz als Franz von Papen, die Union als eine Art Deutschnationale Partei, Alice Weidel als Hitler? Nicht alles, heißt es, was schiefgeht, ist ein Vergleich. Aber sei’s drum, die Zeiten waren damals wie heute krisenhaft. „Es hat damals eine Wirtschaftskrise gegeben. Aber auch heute steht die Wirtschaft nicht gut da.“ Dreißig Prozent Erwerbslose 1932, gut sechs Prozent heute. Damals habe es einen Bürgerkrieg in den Straßen gegeben, heute reiche statt einer Hitler-Rede ein Video von ein paar Sekunden. Reicht wofür? Das sagt der Forscher nicht.
Als die Pizza noch ein Traum war
Für Benz ist das Land einerseits „nicht regierbar“, und wir sind irgendwie in der Situation von 1932. Andererseits gibt es für ihn keinen Anlass zu Beschwerden, habe man doch Reisefreiheit und volle Regale in den Supermärkten. „Früher war die Pizza ein Traum, heute liegt sie im Tiefkühler.“ Ob sie dort als erträumte Pizza liegt, steht dahin. „Ist keine Pizza, ist Keks“, sagte einmal ein kundiger Neapolitaner zum Fabrikat der Oetkers. Ob sich die Sorgen der Leute, die sie zu den politischen Extremen treiben, Benz spricht von „Phantomschmerzen“, mittels Keksen besänftigen lassen, dürfte zweifelhaft sein. Benz spricht von den Ängsten des gehobenen Mittelstands, als habe gerade der Mittelstand die AfD in Sachsen-Anhalt gewählt. In seinen von Wählerforschung ungetrübten Vorurteilen müssen es offenbar unbedingt Reihenhausbewohner sein, die an der Malaise schuld sind.
So geht es das ganze Gespräch über, der Professor ist argumentativ außer Rand und Band. Als im Gespräch die gegenwärtigen Ausprägungen von Antisemitismus zur Sprache kommen, diagnostiziert Benz einen Ausverkauf des Begriffs. Die Linke, weiß er, ist nicht antisemitisch. In Neukölln hört er nur „garstige Worte gegen Israel“. Garstig wie „Tod den israelischen Soldaten“, „Intifada“, „Tel Aviv muss palästinensisch werden“, „Der Staat Israel muss weg“. Garstig war es wohl auch, als ein jüdischer Student der Freien Universität zusammengeschlagen wurde. Garstig, wenn der islamische Dschihad verherrlicht wird. Benz teilt mit, es werde ihm schlecht, wenn jemand „Israel verrecke“ rufe, aber genuin judenfeindlich sei das nicht. Sonst hätten sie ja „Juda verrecke!“ gerufen. Vielleicht sollten sie am Zentrum für Antisemitismusforschung einen Bereich „Garstigkeitsstudien“ etablieren.
Was gehen den Historiker Wahrscheinlichkeiten an?
Die Unterscheidungen von Benz laufen auf den feinsinnigen Gedanken hinaus, wer einen Israeli anfeindet oder zu seiner Tötung aufruft, habe in ihm nur den Staatsbürger, nicht den Juden gemeint. So wie nicht die jüdischen Schlagersänger, sondern die israelischen Staatsbürger, nicht die jüdischen Wissenschaftler, sondern die israelischen Professoren, nicht die jüdischen Künstler, sondern die israelischen boykottiert werden. Pech nur, dass beim Boykottieren und bei der Gewalttätigkeit so fein nicht unterschieden werden kann. Diejenigen, die tatsächlich töten, die Mordgesellen vom 7. Oktober beispielsweise, unterschieden so ebenfalls nicht. Es waren tanzende Jugendliche, an denen sie ihren Blutdurst stillten. Aber nein, das war nicht antisemitisch.

Was mit den Juden in Israel geschehen wird, wenn Israel trotz des Professors Übelkeit verreckt sein würde, entzieht sich darum seiner Vorstellungskraft. Er hält sich in Sphären auf, in denen man die Rechtmäßigkeit der Existenz von Israel anzweifeln und sich ein palästinensisch angeeignetes Tel Aviv vorstellen kann, ohne damit den Tod von Juden in Kauf zu nehmen. In der Wirklichkeit ist das, vorsichtig gesagt, sehr unwahrscheinlich, aber was gehen den Historiker Wahrscheinlichkeiten an?
Die These retten unter Preisgabe des Verstandes
Als die tapferen Journalisten einwenden, Parolen wie „Kindermörder Russland“ oder „Kindermörder Iran“ hätten sie noch nie gehört – sie hätten ergänzen können, „Kindermörder Hamas“ höre man in Neukölln auch nicht -, sagt Benz allen Ernstes, wenn ein Etikett einmal angeklebt worden sei, bleibe es „da nun mal“ hängen. Als hätten Worte eine mit Kleber bestrichene Rückseite, die es verhindert, sie auf vergleichbare Fälle zu übertragen. Spätestens an dieser Stelle merkt man, dass es in allen Antworten von Benz nur darum geht, um jeden Preis, auch um den des Verstandes, die These zu retten, dass es auf der Linken und aufseiten islamischer Radikaler keinen Antisemitismus gibt und jedenfalls keinen, der ins Gewicht fällt.
Die entsprechenden Parolen nennt er „ausfällig“ und erklärt sie uns damit, es werde über den Krieg in Gaza zu wenig berichtet. Da wird man ja wohl „Israel verrecke!“ rufen dürfen. Benz behauptet sogar, es habe keine ausführliche Berichterstattung über die niederträchtige Forderung eines israelischen Ministers gegeben, allnächtlich 30 bis 40 Palästinenser zu töten. Besitzt Professor Benz ein Radiogerät? Welche Zeitungen liest er? Liest er überhaupt noch etwas anderes als die eigenen Druckfahnen?
Sie sollen sich mal nicht so anstellen?
Schlimm sei es, wenn in Berlin Juden angegriffen würden. „Aber dass Juden Angst haben, sagen sie seit 50 Jahren.“ Ach so, die alte Leier. Und weshalb sagen sie es? Für Wolfgang Benz nicht etwa, weil die Angst begründet wäre. Sondern weil sie damit rechtfertigten, im „Land der Täter“ zu leben. Sie sitzen seiner Ansicht nach also nur demonstrativ auf gepackten Koffern. Die Polizei stehe vor jüdischen Schulen und Synagogen auch nicht, weil dort tägliche Übergriffe zu fürchten seien. Sie stehe dort nur „prophylaktisch“.
Dass Prophylaxe nach allgemeinem Verständnis Risiken vorbeugt, die tatsächlich bestehen, ist in seinen Wortschatz nicht eingegangen. Wer solchen Risiken nicht täglich ausgesetzt ist, soll sich also, Professor Benz zufolge, nicht so anstellen, als gebe es eine Gefahr. Dass jüdischen Eltern inzwischen geraten wird, ihre Kinder nicht in öffentliche Schulen in Kreuzberg zu geben, davon hat er noch nicht gehört. Nun gut, er ist 85 Jahre alt, da mögen ihn solche Dinge nicht mehr beschäftigen. Wenige Sätze zuvor im Gespräch waren jüdische Bürger in Berlin übrigens doch bedroht, nur nicht durch die Linke.
Wenn seine Aussagen das Ergebnis langjähriger Antisemitismusforschung sind, dann müssen wir unser Vorurteil korrigieren, Forschung hänge irgendwie mit Nachdenken und empirischer Kenntnis zusammen. Sie scheint im Fall des Wolfgang Benz vielmehr nur ein Instrument, um die eigene Rhetorik zu dekorieren. Zum akuten Judenhass teilte er dem „Tagesspiegel“ beispielsweise mit, man solle nicht so tun, als sei der Antisemitismus nur aus dem „islamischen Kulturkreis“ importiert. Das hat zwar schon deshalb noch nie jemand behauptet, weil weder Houston Stewart Chamberlain noch Adolf Hitler aus dem Nahen Osten kamen und weil auch die Rechtsradikalen zumeist nicht arabisch sprechen. Aber zur Ablenkung von der Tatsache, dass jüdischen Berlinern abzuraten ist, sich „sichtbar“ – das neue Lieblingswort der Linken – abends in Neukölln aufzuhalten, ist der Strohmann „Antisemitismus ist ein Import aus dem Islam“ durchaus geeignet.
Er komme, schließt Wolfgang Benz das Gespräch, an die Grenze der Resignation, wenn er die immer gleichen Phrasen höre. Seinen Überdruss an Phrasen teilen wir. Er schließt die Phrasen des pensionierten Antisemitismusforschers ein.
