Die Vermischung von Religion und Politik in den USA bis in die höchsten politischen Kreise ist heute unübersehbar. Der Präsident selbst verbreitet KI-generierte Bilder, die ihn als Jesus zeigen. Der „Kriegsminister“ Pete Hegseth ruft zu Gebeten für einen amerikanischen Sieg im Irankrieg auf. Die Tatsache, dass er dabei versehentlich nicht das Alte Testament, sondern einen Filmmonolog zitiert, verweist keinesfalls darauf, dass Hegseth nicht aus tiefster religiöser Überzeugung handelt, sondern lediglich auf die popkulturelle Bedeutung von Religion in den USA.
Neben solchen weithin sichtbaren propagandistischen Statements führen die religiösen Überzeugungen des Kriegsministers aber auch zu handfesten Veränderungen im amerikanischen Militär: Mit der Begründung, Körper, Glaube und Überzeugungen der Soldaten seien nicht verhandelbar, schafft Hegseth die obligatorische Grippeimpfung beim US-Militär ab.
Hegseth drückt seine Überzeugung auch mit Tätowierungen aus, die er auf sozialen Medien gerne herzeigt: Etwa den Kreuzzugs-Schlachtruf „Deus Vult“ (Gott will es) auf dem Arm oder das Jerusalemkreuz auf der Brust. Er nimmt für sich in Anspruch, in allen Lebensbereichen – und hierzu zählt ganz explizit auch die Politik – aus christlicher Überzeugung zu handeln.
Mit diesem Anspruch ist er in der MAGA-Bewegung nicht allein. Paula White, Trumps spirituelle Beraterin im Weißen Haus, oder der enorm einflussreiche und im September letzten Jahres ermordete Charlie Kirk teil(t)en diese religiöse Weltauffassung.
Sie wollen sieben Schlüsselbereiche dominieren
Dieser Anspruch, zuvorderst Christ zu sein und aus diesem Christsein heraus alle gesellschaftlichen Bereiche prägen zu wollen, ist eng verbunden mit der New Apostolic Reformation (NAR), einer evangelikalen Spielart, der Hegseth, White und Kirk angehör(t)en und die in den letzten Jahren rasant an Popularität gewonnen hat. Einer Umfrage der Denison University von 2024 zufolge hingen 41 Prozent der Amerikaner dieser Lehre an.
Die Kernidee der NAR ist das sogenannte Seven Mountains Mandate, in dem es darum geht, sieben gesellschaftliche Schlüsselbereiche zu dominieren, und zwar Familie, Religion, Bildung, Medien, Unterhaltung, Wirtschaft und Politik.

Geradezu programmatisch für diesen allumfassend religiös motivierten Gestaltungsanspruch in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen stand der evangelikale Aktivist Charlie Kirk: Mit Turning Point USA führte er eine außergewöhnlich erfolgreiche politische Vorfeldorganisation an, mit seinem eigenen Podcast bespielte er das mediale Feld, und mit seinen Auftritten an Colleges und Universitäten hatte er dem liberalen Mainstream den Kampf auf ihrem eigenen Territorium angesagt.
Diese heute in den USA allgegenwärtige Vermengung von Religion und Politik im evangelikalen Milieu ist historisch betrachtet ein neues Phänomen. Zwar sind die USA im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich durch zahlreiche evangelikale Erweckungsbewegungen geprägt worden, die dazu beigetragen haben, dass das Land bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu säkularisierungsresistent war und auch heute noch deutlich religiöser geprägt ist als die meisten europäischen Gesellschaften.
Früher galt: Erweckung ja, Politik nein
Ein solch politisch-religiöses Engagement, wie wir es heute sehen, wäre einflussreichen evangelikalen Leitfiguren jedoch noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts undenkbar erschienen. Die evangelikalen Führungspersönlichkeiten, die diese Erweckungsbewegungen anführten, waren nicht selbst politisch aktiv.
Einige von Ihnen hatten klare Meinungen zu zeitgenössischen Problemen: Charles Finney, der führende Prediger der zweiten großen Erweckungsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war zum Beispiel für die Aufhebung der Sklaverei und für ein koedukatives Bildungssystem. Aber sein Hauptaugenmerk lag immer auf dezidiert religiösen Fragen. In seinen Predigten ging es generell nicht um weltliche Probleme und nie um Politik. Sie waren jenseitszentriert und auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch fokussiert.
Diese Beziehung sollte Finney allerdings revolutionieren. Er wandte sich von der bis dato dominierenden Prädestinationslehre ab. Von nun an galt es nicht mehr als vorherbestimmt, wer erlöst werde und wer in der Hölle schmoren müsse. Jeder konnte erlöst werden, wenn er sich auf die aktive Suche nach Gott machte. Auf diese Weise demokratisierte Finney den amerikanischen Protestantismus und verhalf seinen Anhängern zu einem Selbstverständnis als selbstbewusste Akteure, die nicht nur ihre Beziehung zu Gott selbst gestalten konnten, sondern auch die amerikanische Gesellschaft.
Mit Gebeten gegen Alkoholkonsum und Glücksspiel
Das war die Voraussetzung für eine Verweltlichung der Religion, die bis heute ganz maßgeblich zum Erfolg der Evangelikalen in der Moderne beigetragen hat. Seither haben die Evangelikalen sich sukzessive unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche angeeignet, von Wirtschaft über Medien und Technik bis zu Bildung und schließlich Politik.
Finneys bekanntester Nachfolger in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, Dwight L. Moody, entwickelte genau wie andere bekannte Prediger jener Zeit ein konkreteres Interesse am Diesseits. Zum einen beschäftigten Moody als Bedrohung wahrgenommene Zustände in den Großstädten. Hierbei ging es um alltägliche Versuchungen wie Glücksspiel oder Alkoholkonsum.
Moody benannte diese „Gefahren“. Sein Rezept gegen diese Versuchungen war allerdings rein religiös. Durch den richtigen Glauben und Gebet sowie christliche Gemeinschaft sollten gerade junge Menschen vor den Versuchungen der Großstadt geschützt werden. Von einer Politisierung dieser Probleme war Moody weit entfernt.
Zum anderen hatte Moody gute Beziehungen in die Wirtschaftswelt. Magnaten des Gilded Age wie Cyrus McCormick (1809–1885), bekannt als der Vater der modernen Landwirtschaft, finanzierten Moodys Erweckungsreisen durch die USA und die Gründung eines bis heute sehr einflussreichen evangelikalen Instituts, des Moody Bible Institute in Chicago.
Kein Fremdeln mit Big Business
Moody verstand sich selbst als einen Businessman, der im Namen des Herrn unterwegs war. Er adaptierte auch im großen Stil Werbetechniken aus der Wirtschaft. Riesige, professionell gefertigte Banner wiesen auf seine Veranstaltungen hin. Eine Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsmagnaten des Gilded Age erschien den Evangelikalen zu dieser Zeit bereits völlig unproblematisch. Als evangelikaler Christ stand man keinesfalls automatisch auf der Seite der Schwachen und Armen.
Nach dem Bürgerkrieg waren die meisten Evangelikalen prämilleniaristisch geprägt. Das bedeutete, dass sie eine baldige Wiederkunft des Heilands erwarteten. Vor diesem apokalyptischen Hintergrund ging es nicht darum, die Gesellschaft gerechter zu gestalten – was ein Teil der Evangelikalen vor dem Bürgerkrieg durch ein Engagement gegen die Sklaverei anstrebte –, sondern ausschließlich darum, so viele Menschen wie möglich zum richtigen Glauben zu führen.
Noch viel ausgeprägter als bei Moody fand sich diese Einstellung bei Charles E. Fuller. Fuller, der bekannteste evangelikale Radioprediger in den 1920er bis 1940er Jahren, war noch stärker allein auf das Seelenheil seiner Anhänger fokussiert. Die Aufgabe schlechthin des fundamentalistischen Christen – so die Selbstbezeichnung der Evangelikalen dieser Zeit – konnte es daher nur sein, seine Mitbürger mit allen Mitteln auf die erlösende Kraft einer persönlichen Begegnung mit Jesus hinzuweisen. Andere, weltlichere Möglichkeiten, seinen Mitmenschen zu helfen – durch finanzielle Unterstützung, Wohnungsangebote, Tafeln usw. – lenkten dieser Logik folgend nur von der eigentlich zentralen Aufgabe ab und banden Ressourcen.
Für Konsum und Technik
Dementsprechend gingen die konservativen Protestanten auch in der neuen Konsumkultur der 1920er-Jahre auf. Die selbstbewusste Zurschaustellung von Besitz und Reichtum war gang und gäbe, selbst für religiöse Leitfiguren wie Fuller. Ein asketisches Ideal findet sich bei ihnen nicht mehr, stattdessen führte Fuller seinen Anhängern seine Sportwagen, Speedboote und Ferienresidenzen vor.
Während die gerechte Gestaltung der Welt keine Rolle spielte, entwickelten Fuller und andere evangelikale Protagonisten der Zwischenkriegszeit zugleich ein besonderes Talent dafür, sich schnell weltliche Neuerungen anzueignen und für die eigene Sache zu nutzen. Sie waren außergewöhnlich technik- und medienaffin, und so wurden evangelikale Radioformate schnell sehr viel erfolgreicher als moderatere religiöse Radioshows. Mitte des 20. Jahrhunderts waren konservative protestantische Leitfiguren also wirtschaftsnah, konsum-, medien- und technikaffin, aber nicht politisiert.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand eine Politisierung evangelikaler Religion im größeren Stil statt. Dies geschah in zwei Schritten. Billy Graham und Jerry Fallwell und ihr Verständnis von Religiosität sind die Bindestücke, die die Verschiebung von einem jenseitszentrierten Charles Fuller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem diesseitsfixierten Charlie Kirk erklären, in dessen Agenda Religion und Politik zu einem unlösbaren Amalgam verschmolzen.
Billy Graham suchte Kontakte zu Politikern
In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg stellten Billy Graham und seine Mitstreiter die zentralen Weichen für die Entwicklung der evangelikalen Bewegung in den USA neu. Wie seine Vorgänger bediente sich der um die Welt reisende evangelikale Megastar Graham selbstverständlich neuer Technik und Medien. Ganz im Gegensatz zu diesen legte er jedoch einen revolutionären Fokus auf das Diesseits und auf die religiöse Gestaltung der amerikanischen Gesellschaft. Drei Punkte sind zentral, um diese folgenreiche Verschiebung in ihrer langfristigen Relevanz zu verstehen: Grahams Priorisierung des Alltags, sein Fokus auf Bildung und sein Kontakt zu Politikern beider Parteien.
Der erste Schritt, der gleichsam den Boden für eine Politisierung bereitete, war die Etablierung eines klaren diesseitigen Anwendungsbezugs von Religion. Graham leitete eine orthopraktische Wende ein. Hiermit reagierte Graham auf ein Bedürfnis, welches fundamentalistische Christen schon in der Zwischenkriegszeit artikuliert hatten.

Fullers sehr allgemein gehaltener Verweis darauf, eine enge Beziehung zu Jesus werde ihre Probleme lösen, empfanden viele Menschen im Alltag als wenig hilfreich, wenn es um gesundheitliche, finanzielle oder Eheprobleme ging. Genau dieses Bedürfnis nach handfester religiöser Alltagshilfe griff Graham auf. Zu seinen zentralen Themen gehörten Ehekrisen, Demenz, rebellierende Kinder, Schule oder die Gefahren des Straßenverkehrs. Graham scheute sich nicht, konkrete Tipps zu geben, etwa wie man eine glückliche Ehe führe, und seine Anhänger schätzten ihn genau deswegen.
Zweitens gehörte zur orthopraktischen Wende ein Fokus auf Bildung, ohne den die Politisierung der Evangelikalen nicht zu verstehen ist. Begünstigt durch die GI Bill – ein Gesetz, welches es Soldaten erlaubte, auf Kosten des Staates zu studieren –, die staatlich geförderte Suburbanisierung und den hieraus resultierenden Aufstieg vieler konservativ-protestantischen Familien in die Mittelschicht in den 1950er- und 1960er-Jahren entstand eine große Nachfrage nach evangelikalen Colleges. Denn gerade die seit Ende des 19. Jahrhunderts säkularisierte Universitätswelt galt als Gefahr für den Glauben junger Evangelikaler.
Säkularisierte Universitäten als Gefahr
Von nicht zu überschätzender Bedeutung ist, dass an diesen evangelikalen Bildungsinstitutionen im Einklang mit dem neuen, stark von Graham propagierten Fokus auf innerweltliche Probleme alle Studienfächer aus einer evangelikalen Perspektive unterrichtet wurden – von Geschichte und Pädagogik über Biologie und Psychologie bis zu Wirtschaftswissenschaften oder Sport. Junge Menschen sollten und wollten ihre Berufe auf dezidiert religiöse Weise ausüben, und zwar in ganz unterschiedlichen Bereichen.
Ein Vorreiter dieses integrativen Modells war das Fuller Theological Seminary. Denn auch der vormals stark jenseitszentrierte Charles Fuller, vollzog in den frühen 1960er-Jahren eine Kehrtwende und setzte sich gemeinsam mit Billy Graham, der im Beirat des Seminars saß, dafür ein, dass an seinem Institut das ehemals als Inbegriff des Säkularen verschmähte Fach Psychologie angeboten wurde. Nahezu folgerichtig war es auch ein Professor am Fuller Theological Seminary, nämlich C. Peter Wagner, der in den 1950er-Jahren im Fuller studiert hatte und in den 1980er-Jahren dort Prof. of Church Growth war. Wagner prägte den Begriff „New Apostolic Reformation“ und setzte damit den Grundstein für die heute populäre „Seven Dominions“-Lehre.
Drittens genoss Graham Respekt unter den Politikern beider Parteien. Seine Anerkennung speiste sich gerade daraus, dass er sich nicht für eine Partei vereinnahmen ließ. Der Einfluss der Evangelikalen auf Politik und Gesellschaft wuchs durch diese Flexibilität.
So rückten in den 1960er-Jahren Staat und evangelikale Organisationen deutlich näher zusammen. Trotz staatsferner Rhetorik war man im religiös konservativen Kosmos bereit, die eigenen Institutionen, etwa evangelikale Colleges, staatlich supplementieren zu lassen. Andersherum griff der Staat auch unter demokratischen Präsidenten, wie Lyndon B. Johnson im „War against poverty“, gern auf vorhandene evangelikale Strukturen in den Gemeinden zurück.
Evangelikale werden zum Wählerblock der Republikaner
Zusammenfassend lässt sich daher zu den von Graham geprägten Evangelikalen konstatieren, dass sie revolutionär am Diesseits interessiert waren. Sie wollten, dass der Glaube in verschiedenen Sphären der amerikanischen Gesellschaft eine viel größere Rolle spielte. Politisch aber waren sie nicht an eine Partei gebunden, deklarierten auch nicht bestimmte Themen als politisch.
Das sollte sich Ende der 1970er-Jahre ändern. 1979 gründete Jerry Fallwell, der baptistische Pastor einer Megachurch aus Lynchburg, Virginia, die Moral Majority. Das war eine konservativ religiöse Organisation, deren dezidiertes Ziel darin bestand, religiös konservative Wähler für Ronald Reagan zu mobilisieren. Seitdem stimmen die evangelikalen Wähler als recht verlässlicher Block für die Republikanische Partei.
Die sogenannte „New religious right“ um Jerry Falwell herum baute auf dem in den Jahrzehnten zuvor etablierten Interesse am Diesseits auf, verschob den Fokus aber radikal vom Alltag auf die Politik. Warum geschah diese bis heute wirksame Verschiebung in den 1970er-Jahren? Um das zu erklären, sind sozioökonomischer und gesellschaftlicher Wandel sowie aktive Lobbyarbeit wichtige Faktoren.
Zum einen war das große Interesse an Regelungen des Alltags wesentlich durch den Aufstieg der Evangelikalen in die Mittelschicht geprägt. Ein Leben in den Vororten in relativem Wohlstand hatte in den 1950er- und 1960er-Jahren den Raum für einen Fokus auf kleinteilige Alltagsregelungen eröffnet. Zugleich häuften sich in dieser Zeit gerade in den Vororten psychische Beeinträchtigungen wie Angststörungen oder Depressionen, für die sich religiöse Alltagsführung wiederum als Lösung anbot.
Bedingt durch massive wirtschaftliche Umbrüche nahm dieser Fokus auf den Alltag in den 1970er-Jahren aber ab: Deindustrialisierung und Stagflation führten zu einer Öffnung der Einkommensschere. In vielen Familien, die zuvor mit einem Gehalt ausgekommen waren, mussten nun beide Ehepartner arbeiten. Nicht selten sahen sich Arbeitnehmer gezwungen, mehrere Jobs zu kombinieren, um über die Runden zu kommen. Sozioökonomische Probleme ließen schlechterdings weniger Raum für die intensive Beschäftigung mit dem Alltag.
Reaktion auf den Linksruck der Achtundsechziger
Ohne Zweifel war die Politisierung der Evangelikalen – zum anderen – auch eine Reaktion auf einen spürbaren gesellschaftlichen Linksruck, der sich auch rechtlich manifestierte. In der ersten Hälfte der 1970er-Jahre wurden eine Reihe von Neuregelungen in Kraft gesetzt, die das von den konservativen Protestanten gepflegte traditionelle Geschlechterverhältnis aufbrachen.
Seit 1972 regelte ein Bundesgesetz (Title IX), dass Schulen und andere Bildungseinrichtungen nur noch dann Bundesgelder erhalten konnten, wenn sie Chancengleichheit der Geschlechter garantierten. Nur ein Jahr später begründete der Supreme Court mit dem Urteil im Fall Roe v. Wade eine liberale Abtreibungsregelung.
Erst das führte dazu, dass die Evangelikalen begannen, Abtreibung zu einem ihrer Kernthemen zu machen. Zuvor taugte Abtreibung vor allem in katholischen Kreisen zur Politisierung. Nun trug das Thema maßgeblich zu einem überkonfessionellen Schulterschluss konservativer Christen bei.
Wiederum ein Jahr später, 1974, begann die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft ihre verbindlichen Leitlinien zur Diagnostik (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) zu überarbeiten. Sie entschloss sich in der dritten Auflage, Homosexualität nicht mehr als Krankheitsbild zu klassifizieren, sondern als normale Spielart menschlicher Sexualität einzustufen.
Evangelikale und Reagans Neoliberale
Schließlich harmonierten religiöse Grundüberzeugungen vieler Evangelikaler mit neoliberalen Vorstellungen der republikanischen Partei unter Ronald Reagan. Bedingt durch ihre prämilleniaristische Haltung, die die Evangelikalen stets vom Individuum aus denken ließ, favorisierten die Anhänger der „New religious right“ individuelles Engagement im lokalen Kontext, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Diese Einstellung passte sehr gut zum interventionsarmen Ansatz der neoliberalen Republikaner.
Vorbereitet worden war diese Allianz bereits in den vorangegangenen drei Jahrzehnten durch intensive republikanische Lobbyarbeit. Von republikanischen Spendern finanzierte evangelikale Colleges und wirtschaftsnahe Vereinigungen arbeiteten seit den 1940er-Jahren daran, evangelikale Wähler, die gerade im Süden häufig demokratisch wählten, auf die ideologischen Überschneidungen zwischen Republikanern und Evangelikalen aufmerksam zu machen. Besonders ausgeprägt und erfolgreich geschah dies in Südkalifornien, das sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem evangelikalen Hotspot entwickelte. So überrascht es nicht, dass Peter Thiel seit seinem zehnten Lebensjahr in einem evangelikalen Milieu in Kalifornien aufwuchs.
Ethnische Diversität, aber „Farbenblindheit“
Obwohl die Evangelikalen seit Reagan eine feste Wählerbasis der Republikaner bilden, bedürfte es vier weiterer Entwicklungen, die eine Verschmelzung politischer und religiöser Ziele begünstigte, wie wir sie in den letzten Jahren bei Charlie Kirk oder Pete Hegseth sehen: Charlie Kirks Erfolg und auch die teils paradox anmutende MAGA-Koalition, zu der eben auch Latinos gehörten, sind durch einen strategischen ethnischen Inklusivismus bedingt.
In den letzten Jahrzehnten haben evangelikale Institutionen zunehmend öffentlichkeitswirksam ethnische Diversität zur Schau gestellt, gleichzeitig aber eine Strategie der Colourblindness weitergeführt und die Existenz jeglicher Form von institutionalisiertem Rassismus geleugnet: Systemisch bedingte Ungerechtigkeiten wurden und werden vehement abgestritten. Zugleich wird in Anspruch genommen, dass ethnische Zugehörigkeit in den eigenen Institutionen keine Rolle spiele.
Tatsächlich ist festzustellen, dass insbesondere evangelikale Colleges heute keine Bastion weißer Vorherrschaft mehr sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es unter Studenten deutlich mehr Asiatischstämmige und Latinos als Schwarze gibt. Außerdem hängt die Durchmischung naheliegenderweise mit der geographischen Lage der Colleges zusammen.
An der Azusa Pazific University in der Nähe von Los Angeles studieren zum Beispiel 30 Prozent Latinos. Fuller Theological Seminary bietet seine Studiengänge neben Englisch auch auf Spanisch und Koreanisch an.
Die Colleges dienen als Kaderschmieden
Evangelikale Colleges, von denen über 150 existieren, sind für das Verhältnis von Politik und evangelikaler Religion zentrale Institutionen: Gerade interdenominationale Colleges sind ein evangelikaler Schmelztiegel. Hier formt sich eine gemeinsame Identität, unabhängig von den Herkunftsdenominationen. Nicht die Sozialisation in einer baptistischen oder methodistischen Gemeinde ist hier ausschlaggebend, sondern die Gemeinsamkeiten wiedergeborener Christen mit einem konservativen Wertekanon steht im Vordergrund.
Hier bilden sich Netzwerke und sie dienen als Kaderschmiede für politischen Nachwuchs. Russel Vought, Direktor des Office of Management and Budget in der Trump-Administration ist etwa ein Absolvent des evangelikalen Vorzeigecolleges Wheaton.
Zudem sind sie evangelikale Thinktanks, in denen mitunter Ideen entstehen, zirkulieren und verbreitet werden, die langfristig politisch bedeutsam werden. Das gilt etwa für die bereits in den 1980er-Jahren am Fuller zirkulierende Idee einer New Apostolic Reformation, die leitend für einflussreiche Personen wie Pete Hegseth, Paula White oder Charlie Kirk wurde.
Mit dem Ziel, möglichst alle Gesellschaftsbereiche zu dominieren, geht eine stark themengebundene Form von Religiosität einher. Dies heißt, dass die Bedeutung bestimmter Themen – von Abtreibung über LGBTQ bis zu Migration – für viele amerikanische Evangelikale immer wichtiger geworden ist, während die moralische Eignung eines Politikers immer mehr an Bedeutung verlor. So kann Donald Trump trotz offensichtlichen moralischen Fehlverhaltens immer noch als Kämpfer für die richtige Sache stehen.
Wandel der republikanischen Partei durch MAGA
Schließlich ist die Neuerfindung der Republikanischen Partei durch die MAGA-Bewegung ein wesentlicher Faktor, warum die Politisierung der Evangelikalen gemessen an Ergebnissen in den letzten Jahren sehr viel erfolgreicher ist als sie es unter Jerry Falwell zu Zeiten der Moral Majority war. In den 1980er-Jahren vertrugen sich die moralisch aufgeladenen Forderungen der Evangelikalen, die nach staatlichen Regelungen weit in die Gesellschaft hinein verlangten, nicht gut mit dem Selbstverständnis der Partei.
Wenig verblüffend war es denn auch, dass Reagan im familienpolitischen Bereich aus Sicht der Evangelikalen nicht lieferte. Als er etwa eine Position am Supreme Court nachbesetzen konnte, wählte er mit Sandra Day O’Connor eine Pro-choice-Kandidatin, also eine, die die Möglichkeit zur Abtreibung befürwortete.
Die von der MAGA-Bewegung übernommene Republikanische Partei unter Trump hat hingegen keinerlei Hemmungen, den Supreme Court in ein religiös geprägtes, moralisch aufgeladenes Kontrollinstrument der amerikanischen Gesellschaft zu verwandeln. Dieser Wandel der Partei wird durch die zum Teil konservativ-religiöse MAGA-Bewegung forciert. Er sorgt zugleich dafür, dass die religiöse Anhängerschaft weiterhin auf den Erfolg in der Sache und nicht auf den Charakter der Ausführenden schaut, und damit dem Präsidenten weiter folgt.
