Fußball ist unser Leben, hieß es mal. Wetten ist unser Sport, heißt es heute. Und damit sind wir schon beim Thema. Ich sitze hier und berechne Quoten. Das ist meine Vorbereitung auf die Fußball-WM. Dank der FIFA sind in den Vereinigten Staaten, in Mexiko und Kanada 48 Mannschaften am Start, sprich auch viel Kleingemüse aus dem Fußballgarten: Curaçao, Haiti, Jordanien, Usbekistan, die Kapverden, die Demokratische Republik Kongo, Irak. Auf der anderen Seite die Favoriten. Mehr Mannschaften heißt: mehr Spiele. Mehr Spiele heißt: mehr Außenseiter.
Früher musste man sich seine todsicheren Tipps mühsam zusammensuchen. Heute liegen sie auf dem Büfett. Man geht mit dem Teller vorbei und nimmt sich Spanien, Frankreich, Argentinien, Brasilien, Portugal, England, Deutschland. Nur nichts Verrücktes. Nur nicht den Außenseiter spielen. Wer auf die Favoriten setzt, bekommt zwar nur kleine Quoten. Aber wenn man zehn solcher Spiele in einer Wette bündelt, addiert sich die Bescheidenheit zu einer ordentlichen Summe. Also müssen zehn Favoritensiege her, sauber aufgereiht, wie man das eben so macht als Wettprofi, für den man sich hält. Kein Risiko. Keine Spezialwetten. Nur Ordnung, Vernunft und Fachwissen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Und nur eine Regel: Groß schlägt Klein! Es lebe die Hierarchie. Und der beruhigende Gedanke, dass Spanien nicht gegen irgendwen stolpern wird, Frankreich schon gar nicht, und dass England diesmal auch nicht an sich selbst scheitert, nicht mal mit Thomas Tuchel als Trainer.
Dann meldet sich die Stimme im Hinterkopf
Worauf wetten? Machen wir es konkret: Argentinien gewinnt gegen Jordanien (Quote 1,14) und Algerien (1,37), England gegen Panama (1,22), Portugal gegen Usbekistan und Kongo (jeweils 1,22), Frankreich gegen Irak (1,07), Spanien gegen Saudi-Arabien (1,11) und die Kapverdischen Inseln (1,08), Brasilien gegen Haiti (1,06), Deutschland gegen Curaçao (1,05), Italien gegen – ach nein, die Italiener sind ja gar nicht dabei.
Aber auch ohne sie kommt am Ende eine schöne Gesamtquote zusammen: 4,05. Macht einen Gewinn von 305 Prozent. Nicht schlecht. Da meldet sich im Hinterkopf eine leise Stimme, die sagt, das Hinterhältige an diesen kleinen Quoten sei, dass eine 1,05 nicht aussehe wie Gier und eine 1,22 auch noch wie gesunder Menschenverstand. Aber wenn man zehn solcher Wetten hintereinanderlege, werde es doch leicht zu einem Wackelkontakt kommen. Unsinn, sage ich. Ist doch alles bombensicher. Der Wettschein ein kleines Denkmal der Vernunft. Kein einziger wilder Gedanke darauf. Kein Mut, kein Spaß, kein Größenwahn. Nur Ordnung, Logik, Sachverstand.

So lasset die Spiele beginnen. Das erste, das zweite. Alles läuft nach Plan. Das vierte, das fünfte. Dann plötzlich wächst ein Fußballzwerg über sich hinaus. Die Hierarchie gerät ins Wanken. Latte und Pfosten retten. Am Ende ein 1:0 für den Außenseiter. Auf der Tippabrechnung finden sich unter der Rubrik „verloren“ später neun grüne Haken und ein rotes Kreuz. So wird es enden, sagt die leise Stimme im Hinterkopf.
Warum, fragen wir. Wahrscheinlichkeitsrechnung, sagt sie. Wenn ich nur auf das absolute Kleingemüse tippe, sei das Risiko gering. Aber packe ich nur das Spiel von England, die beiden Partien von Portugal und Argentiniens Sieg gegen Algerien hinzu, springe das Verlustrisiko schon auf knapp 60 Prozent. Und bei allen zehn Tipps läge die Wahrscheinlichkeit eines Totalverlusts bei über 75 Prozent. Und jetzt? Kaufe ich mir vielleicht doch lieber ein paar Aktien. Von einem Wettanbieter vielleicht.
