Im Fußball der Frauen kann ein Menüpunkt der Gegner sein. Jule Brand erzählte, dass es für ihre Großeltern „ein bisschen schwierig“ werde, die Auftritte von ihr und der Nationalelf zu sehen, wenn sie nicht frei empfangbar sind. Dann müssten zu Hause ihre Geschwister die Geräte „immer einstellen“, das bedeute „Stress“.
Aus ihrer persönlichen Perspektive sei es daher „schon ein bisschen einfacher“, wenn die Übertragung klassisch im Fernsehen laufe, sagte die Dreiundzwanzigjährige. Gemeint war das Spiel gegen Österreich an diesem Samstag in Ried im Innkreis (18.00 Uhr bei sportschau.de), das nur online zu sehen ist, weil die ARD der Sportschau mit dem 30. Spieltag der Männer-Bundesliga den Vorzug gibt. Was Brand da beschrieb, klang beiläufig – und ist doch typisch für die Rahmenbedingungen: Ein Länderspiel der DFB-Auswahl wird nach wie vor erstaunlich schnell zur Nebensache.
„Sie ist sehr schwer ins Spiel gekommen“
In seiner Bewertung des Abends landete er später unweigerlich bei Jule Brand, die einen Treffer erzielte (76. Minute) und bei drei weiteren als Vorbereiterin (17., 52., 68.) beteiligt war. Dabei geriet ihr Beginn holprig, erste Aktionen verpufften und der Ball entglitt ihr häufiger, als sie ihn zu kontrollieren vermochte. Wück formulierte es knapp, aber deutlich: „Sie ist sehr schwer ins Spiel gekommen.“ Zugleich sprach er davon, dass Brand sich auf dem rechten Flügel mit ihrem Einsatzwillen „reingekämpft“ habe. Und zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Quintessenz der Partie.
Wücks Wertschätzung für die Dreiundzwanzigjährige, die in Germersheim aufwuchs und über den VfL Wolfsburg inzwischen beim achtmaligen Champions-League-Champion Olympique Lyon gelandet ist, steht außer Zweifel. Er sieht in ihr einen kreativen Geist, der am liebsten „ohne große Regeln und Einschränkungen“ loslegen würde. Es gab Auftritte, wie er nach seinem Einstieg im Herbst 2024 feststellte, da habe er „fünf Sekunden gebraucht, um sie auf dem Platz zu finden“.
Brand ist für ihn im besten Sinne eine Instinktspielerin. Sie kann mit Tempo, Unbekümmertheit und Energie vieles bewegen, aber noch nicht konstant führen. Dass sie mittlerweile öfter die beherzte „Komponente“ im Eins-gegen-eins wählt, ist für Wück Ausdruck ihres Reifeprozesses. Zugleich legte er in Nürnberg die Messlatte höher: „Sie muss wissen, was sie auszeichnet und stark macht – und das muss sie in unser Spiel bringen, dann bringt sie das ganze Team weiter.“
Was ist mit Giulia Gwinn?
Der Anspruch sei grundsätzlich gewachsen, erläuterte Wück. „Meine Aufgabe ist es, eine Mannschaft zu formen.“ Und daher müssten die Spielerinnen „gegen kleinere Nationen anders die Überlegenheit auf dem Platz zeigen“. Durch zu viele „unnötige Fehler“ hätten sie sich „das Leben selbst schwer gemacht“.
Der Sieg sei zwar verdient, doch er entspreche nicht dem Qualitätsstandard, den er einfordere. Er sei vor allem deswegen nicht vollends zufrieden, „weil nur sehr wenige an ihre Leistungsgrenze gekommen sind“, wie Wück anfügte. „Das ist Jammern auf hohem Niveau, aber wir wollen zu den Topnationen gehören“ – und dann müsse man schon „cleverer“ gewinnen. Ihn störten vor allem fehlende Tiefenläufe und Ungenauigkeiten im Passspiel, vor allem im letzten Drittel.
Brands Rolle im Nationaltrikot ist und bleibt vielschichtig. Sie soll sich zwischen Flügel und Zentrum bewegen. „Ich spiele dort, wo der Bundestrainer mich aufstellt. Ich hinterfrage das nicht“, sagte sie. Generell möge sie es aber, „wenn ich nicht an die Seite gepresst bin, sondern ein bisschen frei bin“. Fakt ist, dass sie, sobald sie den Raum für ihre Aktionen findet, Situationen kreieren kann, die eine Fünfer-Abwehrkette wie die der Österreicherinnen sprengen. Brand, so betonte es Kollegin Sjoeke Nüsken, habe „viel geackert“ und es als Wegbereiterin für die anderen „überragend gemacht“.
Beim zweiten Nachbarschaftsduell binnen fünf Tagen kommt eine personelle Veränderung für das Team dazu: Giulia Gwinn kann in Österreich nicht dabei sein. Im Max-Morlock-Stadion spielte die Kapitänin nach dem Zusammenprall mit der Österreicherin Melanie Brunnthaler noch kurz weiter, dann ging es nicht mehr; am Mittwoch verließ sie das DFB-Camp in Herzogenaurach: Die linke Schulter ist ausgekugelt, ergab die Untersuchung in München, und soll konservativ behandelt werden.
Für das Team bedeutet das: Absprachen, Absicherung und Arbeit gegen den Ball werden auf andere Schultern und ohne den gewohnten Fixpunkt hinten rechts verteilt. Gerade bei solchen Prüfungen entscheidet sich vieles in der Bereitschaft, Meter zu laufen, die später niemand nachzählt. Brands Verantwortung dürfte damit eher größer als kleiner werden – und ihr Einfluss auf den Ausgang gleich mit.
