Treffen sich Ralf Moeller, Boris Rhein und ein Dachdecker – das soll junge Menschen fürs Handwerk begeistern. So zumindest die Idee der Initiative „Motivation Handwerk“. Am Mittwoch besuchten der Schauspieler und der Hessische Ministerpräsident den Dachdeckerbetrieb Nolte in Frankfurt, um dort die Initiative vorzustellen.
Der 67 Jahre alte Möller lebt in Kalifornien. Als Bodybuilder und vor allem Darsteller im Film „Gladiator“ (2000) an der Seite von Russell Crowe ist er bekannt geworden. „Ich bin Sohn eines Schlossers, da liegt mir das Handwerk am Herzen“, sagte Moeller. Das Handwerk habe immer noch „goldenen Boden“, die Ausbildung sei das „goldene Abitur“. Daher verstehe er nicht, dass jedes Jahr Tausende Ausbildungsplätze unbesetzt blieben.
Zielgruppe der Initiative sind junge Menschen, die bei der Premiere von „Gladiator“ noch nicht geboren waren. Der Schauspieler ist sich sicher, dass viele ihn kennen. Schließlich sei er in 52 Filmen aufgetreten. Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) springt ihm bei: Er habe sich bei seinen Söhnen im Alter von 16 und 23 Jahren erkundigt; beide wüssten, wer Moeller sei.
Christof Riess, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, denkt, dass es vermutlich eher die Eltern der Jugendlichen sind, die von der Initiative mit Moeller angesprochen werden. Wichtig für die Nachwuchsgewinnung sei eine „vielfältige Ansprache“ – gerade auch der Eltern. Die Initiative „Motivation Handwerk“ sei dabei ein „Mosaikstein“. Für ihre Ausbildungen werben die Handwerkskammern sonst vor allem auf Ausbildungsmessen und in Schulen; auch an Universitäten sind sie präsent. Dort zeigen sie sogenannten Studienzweiflern Wege im Handwerk auf.
Riess sieht eines der größten Probleme des Handwerks aktuell darin, dass durch die geburtenschwächeren Jahrgänge die Zahl der Schulabgänger sinkt. Gleichzeitig fehle vielen Jugendlichen die Orientierung: Handwerksberufe seien im Alltag weniger sichtbar als früher, da klassische Betriebe oft aus dem direkten Lebensumfeld verschwunden und in Gewerbegebiete an der Peripherie gezogen sind. Laut Riess komme hinzu, dass das Versprechen „Aufstieg durch Bildung“ lange Zeit mit „Aufstieg durch akademische Bildung“ gleichgesetzt wurde.
Greifbare Erfolgserlebnisse
Ein weiteres Problem speziell in Frankfurt sieht Daniela Bernhardt, selbst Meisterin und Sprecherin der Dachdeckerinnung, darin, dass die Konkurrenz an Arbeitgebern groß ist: Als Banken- und Wirtschaftsstandort bietet die Stadt zahlreiche alternative Karrierewege, wodurch das Handwerk bei vielen jungen Menschen gar nicht erst in den Fokus rückt. Sie kenne keinen Betrieb, der nicht noch Nachwuchs suche. Die Innung sei auch auf Ausbildungsmessen vertreten und werbe zunehmend auf Social Media, doch die Ressourcen seien begrenzt – vieles geschehe ehrenamtlich.
Bernhardt selbst arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Dachdeckerin; schon als Kind ging sie mit ihrem Vater auf Baustellen. Sie liebt an ihrem Beruf, dass sie etwas tut, was nicht „verpufft“. Wenn sie durch die Stadt fährt, sieht sie Dächer, die sie selbst gedeckt hat. Das sei „greifbar“ und jedes Mal ein Erfolgserlebnis für sie.
Handwerk „greifbar“ machen wollen auch Ralf Moeller und Boris Rhein gemeinsam in Frankfurt. Zusammen wird an einem Balken gesägt – allerdings an der falschen Stelle. Aber zumindest signiert wird die Säge an der richtigen. Beim anschließenden Zuschlagen von Schieferplatten hätte sich Moeller „gar nicht schlecht“ angestellt, dafür, dass er das noch nie gemacht habe, beurteilt ein Mitarbeiter der Nolte Bedachungen GmbH.
„Männerdomäne Handwerk“
Ein weiterer „Mosaikstein“ der Werbemaßnahmen für das Handwerk ist die Imagekampagne des Dachverbands der Handwerkskammern unter dem Motto „Wir machen Karriere mit Gefühl“. Gesichter dieser Kampagne sind junge Handwerker, vor allem aber junge Handwerkerinnen. Frauen sind in der Branche nach wie vor unterrepräsentiert; für Hessen nennt Christof Riess einen Anteil von 15 Prozent. Doch auch das ändere sich langsam.
Dachdeckerin Bernhardt weiß, dass es für Frauen in der „Männerdomäne Handwerk“ nicht immer einfach ist. Was sehr helfe, seien Vorbilder, die auf Social Media Einblicke in ihren Handwerksalltag geben. Wenn Bernhardt auf Ausbildungsmessen ist, sieht sie das handwerkliche Talent bei vielen jungen Frauen – sie müssten nur den Schritt wagen, und die Betriebe ihre Türen öffnen.

Auch „Motivation Handwerk“ richte sich an junge Frauen, die „sehr, sehr wichtig“ für das Handwerk seien, so Moeller: „Wenn sie auf dem Dach stehen, könnte man meinen, sie modeln, aber nein, sie ziehen sich Handwerkskleidung an.“ Wenn der einstige Bodybuilder während des Besuchs nicht übers Handwerk spricht, geht es noch um anderes: sein Training („täglich!“), seine Ernährung („wenig Zucker, wenig Fleisch!“). Und für junge Menschen, die gern trainieren, wären Handwerksberufe doch geradezu sinnstiftend. Denn: „Das Handwerk braucht Muskelkraft“, sagt Moeller und, ehe man es sich versieht, zeigt er den Anwesenden seinen Bizeps.
Ein weiterer Grund, um ins Handwerk zu gehen – das sagen sowohl Moeller als auch Riess –, sei, dass das Handwerk nicht von einer Künstlichen Intelligenz ersetzt werden könne. „Ein Wasserrohrbruch kann nicht von einer KI repariert werden“, so Riess.
Wer bei dem Besuch von Moeller und Rhein nicht zu Wort kommt, sind junge Menschen, die sich für das Handwerk entschieden haben. Menschen wie Julian Ernst, 20 Jahre alt. Einer, der nicht weiß, wer Ralf Moeller ist. Im April hat die Handwerkskammer Wiesbaden den Lehrling im dritten Ausbildungsjahr aus Hohenstein als „Lehrling des Monats“ ausgezeichnet. Das Schönste an seinem Beruf seien, so sagt er, „die frische Luft und der Nervenkitzel in der Höhe“. Auf die Frage, warum sich Jugendliche für das Handwerk entscheiden sollten, antwortet Ernst: „Handwerk hat Zukunft. Es wird niemals aussterben.“
