Als es zwischen Deutschland und Paraguay 1:1 steht, ist die Stimmung in der deutschen Bar „DSK – Die Stammkneipe“ noch ganz gut. Die Leute sitzen in Brooklyns Viertel Fort Greene mit Bier, Brezeln und Pommes vor der Leinwand, ein paar Deckenventilatoren bewegen die zu warme Luft hin und her, sogar die altersschwache Klimaanlage erinnert an Deutschland. Am Fenster sitzen Gregory Haag und Antonia Albiez, Touristen aus Heidelberg. Noch sei doch alles offen, sagt Haag. Die Stimmung bei der WM gefällt ihnen, viele Amerikaner schienen durchaus fußballinteressiert.
In Deutschland ist manchmal anderes zu lesen, kürzlich gar die Schlagzeile: „Amerikaner baff: WM-Fans zeigen ihnen, wie man Stimmung in die Stadien bekommt.“ Dabei konnte man auch bei anderen Weltmeisterschaften schon in Städten wie New York von französischen Restaurants zu italienischen Cafés, von mexikanischen zu haitianischen Bars wandern, um Fußballpartys zu feiern – mit Amerikanern, die oft das Team aus dem Land ihrer Vorfahren unterstützten.
Wer glaubt, die Einheimischen entdeckten erst jetzt ihr Interesse für Fußball, hat sich noch nie mit einem der Millionen US-Amerikaner unterhalten, deren Familien zum Beispiel aus Fußballnationen in Mittel- und Südamerika kommen, hat noch nie Zeit in karibisch geprägten Nachbarschaften verbracht, wo bei jedem Turnier neben dem Grill auch der Fernseher auf den Bürgersteig gestellt wird.
Nicht nur Deutsche für Deutschland
Am Nebentisch in der Kneipe in Brooklyn werden Deutschlandtrikots nicht nur von ein paar Deutschen oder Deutschstämmigen getragen. Auch Luis Sánchez ist im DFB-Shirt gekommen, sein Nachname steht auf dem Rücken. Der Mexikaner besucht gerade Freunde, erzählt er, und seit Jahren teile er seine Loyalität zwischen dem mexikanischen und dem deutschen Team auf. Nicht wegen familiärer Beziehungen, sondern weil die deutsche Elf schon oft so großartigen Fußball gespielt habe. Auf der Straße sei die Euphorie in den USA zwar nicht so stark spürbar, aber er treffe immer wieder auch fußballbegeisterte Amerikaner, sagt Sánchez.

„Warum jeder sich für diese Weltmeisterschaft interessiert“, nennt die „New York Times“ gleich eine Podcastfolge zur „Magie des Moments“. „Jeder“ ist vermutlich genauso falsch wie „keiner“. Doch Sport-Korrespondent Tariq Panja war auch in anderen Stadtteilen als den Downtowns mit ihren Hotelketten unterwegs und erklärt, warum „Diaspora“ für ihn das Motto dieser WM sei: eben weil die „magische Stimmung“ nicht nur durch die Besucher entstehe, sondern mindestens genauso durch die Begeisterung der Amerikaner mit ihren vielfältigen Migrationsgeschichten und Fußball-Loyalitäten.
Für Europäer ist es offenbar dennoch verführerisch, sich als Fußball-Missionare zu verstehen. Wenn europäische Fans angeblich Fußballkultur nach Amerika tragen – und damit wohl immer auch ein bisschen Kultur im Allgemeinen –, kann man sich dem Land, das politisch nun schon so lange Angst macht und Nerven kostet, vielleicht auch ein wenig überlegen fühlen.
Verführerisch ist aber auch die andere, idealisierte Variante der Geschichte. Das merkt man, wenn Natalie Kitroeff im „Times“-Podcast darüber spekuliert, ob das fröhliche, von all der amerikanischen Begeisterung und Gastfreundschaft getragene Fußballfest vielleicht gar so etwas sein könne wie eine Gegenfeier zu Trumps Jubiläums-Pomp.
Der WM werden also alle möglichen Bedeutungen zugeschrieben, die vor allem von den Bedürfnissen der Erzähler künden. Umso schöner, dass die deutschen Fans auf Amerika-Tour jetzt gute Verlierer sein können, die einfach entspannt mitfeiern.
In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.
