Das Video wirkte nicht sonderlich staatstragend, eher wie ein Fiebertraum aus einer Bananenrepublik: Benjamin Netanjahu stand in seinem Büro in Jerusalem und köpfte einen Fußball. Ihm gegenüber: der eben bestellte Botschafter Argentiniens, Rabbi Shimon Axel Wahnish, der sich streckte, um den Ball des israelischen Premierministers vorbeizulassen: „Wow, Tor!“
Dann griff der Botschafter zum Smartphone und spielte Netanjahu eine Sprachnachricht des argentinischen Präsidenten Javier Milei vor: „Du bist mein Freund, und ich danke dir, dass du Argentinien die Daumen drückst meinetwegen.“ Netanjahu strahlte in die Kamera und erklärte: „Javier, du bist ein Freund. Ein echter Freund. Wir unterstützen dich, und wir unterstützen Argentinien auf so viele Weisen – morgen auch! Viel Glück!“ Ein Wortspiel: Der spanische Name Javier und das hebräische „chafer“ für Freund klingen nahezu identisch.
Israels Regierung feuert Argentinien an
Diese Szene, die Netanjahus Kritiker umgehend als so glaubwürdig wie eine Bankwerbung verspotteten, ist nur die Spitze dessen, was sich in Israel rund um das WM-Finale abgespielt hat. Das gesamte Regierungsestablishment hatte sich vor dem Finale in einen hyperenthusiastischen Argentinien-Fanklub verwandelt. Minister, denen man kaum zutraut, Fußball von Tischtennis unterscheiden zu können, quetschten sich in blau-weiß gestreifte Trikots.
Der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich und Amichai Chikli, Minister für Diaspora-Angelegenheiten, ließen sich vor Anpfiff fotografieren, Itamar Ben-Gvir, rechtsextrem und für die nationale Sicherheit zuständig, feuerte Argentinien öffentlich vor dem Anpfiff an, Wirtschaftsminister Nir Barkat quälte sich durch ein Interview über die „gute Mannschaft“, das zum Fremdschämen war. Außenminister Gideon Sa’ar gab vor Anpfiff ein Interview, um seine Unterstützung für Lionel Messi zum Ausdruck zu bringen. Und der rechtsextreme Provokateur Baruch Marzel trieb die Angelegenheit auf die Spitze, indem er im Argentinientrikot eine spanische Flagge verbrannte.
Was wie der plötzliche Ausbruch südamerikanischen Fußballfiebers wirkte, war tatsächlich eine zynische, gestellte Rachekampagne auf Schulhofniveau. Es ging nicht um die Liebe für den argentinischen Fußball. Das Ziel waren Spanien und seine Regierung, die Israels Krieg in Gaza scharf kritisiert und den palästinensischen Staat anerkannt hat. Und im Zentrum dieses Ziels, dieser obsessiven Kampagne, steht ein 19 Jahre alter Flügelspieler aus Rocafonda: Lamine Yamal.
Fixierung auf Spanien
In Israel war das WM-Finale bei Donald Trump das Spiel des Landes, dessen Regierung sich am stärksten proisraelisch positioniert, gegen das Land, dessen Regierung die am stärksten propalästinensische in der Europäischen Union ist. Die israelische Fixierung auf Spanien und seine Fußballstars hatte spätestens im Mai begonnen.

Da schwenkte Lamine Yamal während der Meisterfeier des FC Barcelona für einen kurzen Augenblick eine palästinensische Flagge, die ihm ein Fan gereicht hatte. Israelische Medien reagierten mit blanker Wut. Auf Sport 5 wurde jede journalistische Zurückhaltung abgelegt. Im Studio gaben sich Analysten und frühere Nationalspieler die Mikrofone in die Hand, um Fernsehgerichte abzuhalten. Yamal wurde wiederholt als „Hund“ beschimpft, als „hirnloser Idiot“ und als eine Person, die Israel zutiefst und existenzbedrohend beleidigt habe.
Als der spanische Premierminister Pedro Sanchez Yamal verteidigte, indem er darauf hinwies, dass nicht bei Sinnen sei, wer in einer Flagge einen Hass verbreitenden Zauberstab sehe, betrachtete das israelische Establishment das als Grenzüberschreitung. Außenminister Sa’ar sagte im Radio vor dem Spiel gegen Argentinien: „Ich hatte sowieso ein Problem mit Yamal, weil ich Fan von Real Madrid bin.“ Was folgte, war dann kein Scherz mehr: „Er hat meine Abneigung gegen ihn nur verstärkt.“
Zenit der kollektiven Paranoia
In Spanien sind palästinensische Flaggen regelmäßig in Stadien zu sehen, vor allem im Baskenland. Schauspieler Javier Bardem, während der WM Begleiter des spanischen Teams in den Stadien, kritisiert Israels Vorgehen gegen die Palästinenser regelmäßig scharf. Als die Regierung Sanchez den Staat Palästina im Mai 2024, acht Monate nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober, anerkannte, war das Verhältnis endgültig zerbrochen. Die Aufnahmen von Yamals Flaggenschwenk waren schlicht der passende Anlass, sein jugendliches Gesicht zur Zielscheibe für die israelische Wut zu machen.
Die kollektive Paranoia erreichte ihren Zenit, als ein KI-generiertes Bild auf einem Troll-Account auftauchte, auf dem „Wonder Woman“-Darstellerin Gal Gadot im Yamal-Trikot im WM-Endspielstadion zu sehen war. Die israelische Öffentlichkeit reagierte hysterisch. Tausende Hasskommentare wurden gepostet, Gadot als „Verräterin“ beschimpft. Sie solle sich erklären, warum sie einen Gegner Israels unterstütze, warum sie „immer auf der falschen Seite“ stehe. Gadots Mutter Irit schrieb schließlich einen eigenen Kommentar: „Fakefoto.“

An dieser institutionalisierten Landesverteidigung im digitalen Raum wird die Fragilität der israelischen Gesellschaft sichtbar. Aber die „Argentinien-Strategie“ der Regierung erreichte ein tragikomisches Niveau. Während sich israelische Minister in hellblaue Flaggen hüllten, um Madrid zu ärgern, nahm in den palästinensischen Gebieten und in der weiteren muslimischen Welt eine inverse Realität Gestalt an. In Ostjerusalem, in der West Bank und im zerstörten Gazastreifen gelten Spanien im Allgemeinen und Lamine Yamal im Besonderen als fußballspielender Ausdruck des Widerstands. Und im Tragen eines spanischen Trikots liegt nun der Ausdruck einer politischen Identität und antikolonialer Solidarität.
Gratulation an die Spanier und Palästinenser
Und auch hier hatten sich vor dem Finale längst Hilfstruppen positioniert. Chabib Nurmagomedow, ehemaliger MMA-Kämpfer aus der russischen Republik Dagestan mit 43,8 Millionen Followern bei Instagram, schrieb: „Das WM-Finale spielen Argentinien, das Israel liebt, und Spanien, das Palästina liebt. Ich weiß, wen ich unterstütze. Spanien, zweifellos.“ Nurmagomedow, bekannt dafür, dass er seine religiösen Überzeugungen darin gewahrt sieht, Frauen, die nicht Teil seiner Familie sind, nicht die Hand zu geben, erklärte das WM-Finale zu einer Art Referendum über den Nahostkonflikt.
Als das Spiel in East Rutherford schließlich abgepfiffen und Spanien Weltmeister war, teilte das Palestine Information Center mit, Tausende Spanier seien mit palästinensischen Flaggen jubelnd durch die Straßen Barcelonas gezogen und hätten „Free Palestine“ gerufen. Tatsächlich hatte sich die breite Unterstützung der palästinensischen Sache schon öfter bei Sportveranstaltungen gezeigt, so bei der Spanienrundfahrt der Radprofis vergangenes Jahr.
Tasnim, eine staatlich kontrollierte iranische Nachrichtenagentur, berichtete von den Glückwünschen des Hamas-Politbüromitglieds Basem Naim an das spanische Team: „Wir gratulieren Spanien zu diesem Sieg, ebenso Palästina und seinen Unterstützern, die diesen Sieg bejubeln. Auch wenn er nichts weiter erreichte, als die Zionisten und ihre Unterstützer zu verärgern, wäre das genug.“
Messis Bezug zu argentinischen Juden
Während des Turniers war der ägyptische Trainer Hossam Hassan zu einem Helden in der arabischen Welt geworden – und Zielscheibe intensiver Kritik aus Israel –, als er die Erfolge seiner Mannschaft, die nur knapp im Achtelfinale an Argentinien scheiterte, dem palästinensischen Volk widmete. Auch bosnische Fans besangen Palästina während der WM. In dieser Atmosphäre wurde der spanische Triumph für die palästinensische Sache kooptiert.

Währenddessen war auch Lionel Messi nicht einer Politisierung entgangen, so unpolitisch er sich auch seine gesamte Karriere über gegeben hat. In Israel wurde das Bild geteilt, auf dem er während eines Jerusalembesuchs 2013 an der Klagemauer eine Kippa trägt. Interpretierten israelische Fans es abermals als Ausdruck seiner Unterstützung Israels, wurde es von arabischen Internetkommentatoren als Beleg seiner Feindschaft genommen, zumal die Argentinier im WM-Turnier nicht nur Ägypten, sondern auch Jordanien und Algerien schlugen.
Tatsächlich hat Messis Karriere an zwei Wegmarken Bezug zu Juden in Argentinien. Dr. Diego Schwarzstein hatte einst den Wachstumshormonmangel beim zehn Jahre alten, 1,26 Meter großen Lionel in Rosaro diagnostiziert und das hGH verschrieben, das seine Karriere erst ermöglichte. Und José Pékerman war der Trainer, der ihm schließlich das erste Länderspiel in der Nationalmannschaft ermöglichte und ihn mit zur WM 2006 in Deutschland nahm.
Antisemitische Verschwörungstheorien
Im hyperpolarisierten digitalen Ökosystem des Jahres 2026 wurden aus diesen historischen Tatsachen düstere, KI-unterstützte Verschwörungserzählungen gemacht. KI-Videos gingen viral, die von einer „zionistischen Lobby“ erzählten, die die FIFA manipuliere und Schiedsrichterentscheidungen orchestriere, um Messis Argentinier zum Titelgewinn zu lotsen.

Zu sehen waren Netanjahu, Trump und FIFA-Präsident Infantino, die gemeinsame Sache machten, um Messi auf dem Rasen zu schützen. 2022 drehten sich Erzählungen dieser Art um Qatar (das Emirat ist Eigentümer seines damaligen Arbeitgebers Paris Saint-Germain), vier Jahre später soll Messi nun Teil einer judeochristlichen Vorwärtsverteidigung gegen eine muslimisch-progressive Allianz gewesen sein.
Der kolossale Unsinn all dieser Erzählungen zeigt sich auch in der Tatsache, dass Netanjahu und Milei mithilfe ihrer Videos allein ihre Egos gestreichelt haben. Das argentinische Volk allerdings hält von Netanjahus Politik so viel wie das spanische – in beiden Ländern hat die Umfrage des Pew Research Centers eine Zustimmungsquote von 13 Prozent ergeben.
Panik bei den argentinischen Fans
Netanjahus Video löste zudem schiere Panik unter argentinischen Fans aus: Sie fürchteten, wie bei allen Unterstützungsbekundungen durch Politiker, es dürfte ein schlechtes Omen für ihre Mannschaft darstellen. Tausende User kommentierten: „Anulo mufa“ – Río-de-la-Plata-Slang. Die Worte sollen die gleiche Wirkung haben wie das Klopfen auf Holz in Europa.
In Israel machte sich ob des Videos Spott über den Premierminister breit. „Ha’aretz“-Kolumnistin Yoana Golen sah im Video ein hohles Spektakel, in dem ein Botschafter zum Statisten einer innenpolitischen Überlebenskampagne degradiert worden sei: „Netanjahu kann keinen Ball anschauen, ohne in ihm einen weiteren Planeten zu sehen, der sich um ihn drehen muss.“

Nir Kipnis von der „Jerusalem Post“ beklagte, dass Politiker reihenweise die goldene Regel unter Fans gebrochen haben, dass Tore erst bejubelt werden können, wenn sie gefallen sind. Ayman Odeh und Ahmad Tibi, arabische Knessetabgeordnete, machten sich über die Kabinettsmitglieder auf ihren Kanälen lustig: Der verzweifelte Versuch, eine internationale Sportveranstaltung für die eigenen Zwecke zu kapern, habe mit einem weiteren diplomatischen Eigentor geendet.
Womöglich belegt das Endspielspektakel der israelischen Minister vor allem eines: den Sittenverfall unter modernen Staatsmännern. Wo traditionelle Diplomatie nicht weiterkommt und internationale Isolierung droht, greifen Populisten zum nächstliegenden Fußballtrikot, um mit den Emotionen, die ihnen der Sport anbietet, von einer strukturellen Krise abzulenken. Nach dem Schlusspfiff aber war überdeutlich, dass die argentinische Nationalmannschaft für eine billige Kampagne gegen einen 19 Jahre alten Fußballspieler aus Barcelona benutzt worden war. Und dass die mufa, das Unglück, das Netanjahu und seine Minister damit über Lamine Yamal bringen wollten, auf sie selbst zurückgefallen ist.
Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Becker.
