Sein Humor ist so trocken wie der Wind, der einem in diesem Frühsommer in Wien beständig wärmer werdend ins Gesicht weht. Amir Gudarzi steht bereits an unserem Treffpunkt. Am liebsten sei er zehn Minuten vor dem Termin da, jetzt sind es sieben, der Wind. Auffällig, wie pünktlich viele in Wien gerade aus der Künstler- und Intellektuellenszene sind, zu der in Berlin nur gesichert dazuzugehören weiß, wer zehn Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt per SMS eine Verspätung von fünf Minuten ankündigt. Vor der Zeit getroffen, entziehen wir uns der Wetterlaune in jenes meteorologische Vakuum, das Wien auch für solche Situationen erfunden hat: ins Kaffeehaus. Das Café Eiles liegt wie eine Zollstation zwischen Burgtheater, Volkstheater und dem Theater in der Josefstadt, hier sitzt immer ein sonst wie mit Theater Verbandelter.
Kaum haben wir die übliche Verwirrung des Kennenlernens überwunden, gibt Gudarzi Einblick in seinen Humor. Er erzählt von der Flucht seiner Eltern vor dem islamistischen Regime in Iran. Nach ihrer Landung hätten sie ihn angerufen und gefragt, wo er sei. Immerhin war er derjenige, der seine Familie in Gefahr gebracht hatte, weshalb auch sie ihr Land verlassen mussten, nun sollte er sie wenigstens abholen. Sie seien jedoch nach Australien geflogen. Ohne mit der Wimper zu zucken, stellt Gudarzi die Urban Legend auf den Kopf, wonach der Wiener Flughafen extra einen Informationsschalter für Menschen unterhalte, die versehentlich nach „Austria“ geflogen seien. Es geht ihm nicht um den billigen Witz, auch nicht darum, die Gutgläubigkeit seiner Zuhörer zu testen, auch wenn er das in Kauf nimmt. Für ihn, den Flüchtling vor Folter und Tod, der er innerlich immer auch bleiben wird, für ihn, der sich sein Ziel nicht hat aussuchen können, hat das Sprachspiel Austria/Australia einen tieferen Sinn: Es konterkariert die, wie er sagt, „Zwänge der Welt“.
Die Welt als Gefängnis
Sein Humor ist nicht schwarz, nicht zynisch, er ist dunkel und dadurch erhellend. Während wir im mitteleuropäischen Alltagsvokabular mit „Welt“ meist etwas restdialektisch Allgemeinheit Beanspruchendes meinen, eine Instanz eben, die ihren Einfluss ausübt, bekommt „Welt“ in Gudarzis Mund eine erschreckende Plastizität. Plötzlich wird die Welt, die uns so offen steht, zu einem Raum solcher Dimension, dass er undurchschreitbar wird, und sie, die Welt, zum Gefängnis. Auf ihn, sein Leben, seine Zukunft und die seiner Familie wirken „die Zwänge der Welt“ wortwörtlich, machen für Gudarzi aus der Welt viele Welten. Nun, da er seit 17 Jahren hier ist, liegen sie zwischen Teheran und dem Café Eiles. Nun, da er essen kann, was auf der Karte steht (es werden geröstete Semmelknödel mit Ei und Salat), und seit 2016 österreichischer Staatsbürger ist. Nun, da Amir Gudarzi einer der bekannteren deutschsprachigen Dramatiker seiner Generation ist, Kleist-Förderpreisträger, Christian-Dietrich-Grabbe-Preisträger, Hermann Hesse-Literaturförderpreisträger, Hausautor am Nationaltheater Mannheim, Einladung zu den Berliner Autorentheatertagen, Romanschriftsteller bei dtv. Alles ganz schön deutsch für einen Österreicher.

Das fuchst ihn auch. Er ärgert sich, dass er in Österreich nicht dieselbe Anerkennung erhält wie in Deutschland, wo er viel öfter gespielt und eingeladen wird. Wäre er lieber in Deutschland gelandet? „Beruflich wäre einiges einfacher gewesen. Auch ist die Gesellschaft grundsätzlich ein bisschen offener als die österreichische.“ Aber nein, „ich bin froh, dass es am Ende Österreich wurde. Das Hochdeutsche ist sehr monoton, das strengt mich an. Mit dem österreichischen Duktus kann ich mich besser ausdrücken.“ sagt er, und Gudarzis weicher Wiener Wohlklang legt sich melodiös über die sanfte Konsonantenbindung, die er dem Persischen verdankt. Doch nicht nur seine Sprachbehandlung ist sehr österreichisch, auch, was er beschreibt, steht in eindeutiger Tradition, besonders seine Theaterstücke.
Liest man beispielsweise „Häuslfrau“, ein Stück über den sehr katholischen Umgang einer Klofrau mit den Zehn Geboten, und kennt den Autor nicht, vermutete man sofort Werner Schwab, den mit 36 Jahren, vier Jahre jünger als Gudarzi heute, an Alkoholismus gestorbenen österreichischen Dramatiker. Ähnlich wie die Stücke der Urbayern Achternbusch oder Kroetz setzen viele von Schwabs Stücken menschliche Körperflüssigkeiten in einen expressiv religiös-patriotischen Bedeutungszusammenhang mit kathartischen Humoranteilen. Gewalt, Glaube, Schuld, das sind auch für den Atheisten Gudarzi Themen in der Auseinandersetzung mit seiner Heimat Österreich. Österreich scheint das bislang nicht ganz so zu schätzen zu wissen. Auch sehr österreichisch.
Hausautor am Schauspielhaus Wien
In letzter Zeit tut sich jedoch etwas. Gudarzi, dessen Weg im kleinen Theater Drachengasse begann, wird 2027 Hausautor am Schauspielhaus Wien. Damit tritt er in die Fußstapfen von Werner Schwab oder Ewald Palmetshofer. Doch angesichts der Kürzungen, die auch an den Theatern in Österreich vorgenommen werden, ist er skeptisch, dass zeitgenössische Dramatik mittelfristig überleben können wird. „Wenn immer weiter an den Autorengagen gekürzt wird, endet auch die Auseinandersetzung mit der Gegenwart.“ Dabei sei es gerade jetzt wichtig, Theater vor einer gedanklichen Provinzialität zu bewahren, die ohnehin schon um sich greife, weil das Theater sich für klüger halte als das Publikum. Er versuche mit seinem Theater, einen Raum zu schaffen, „in dem die Sprache alles in sich vereinen und den Hintergrund beleuchten kann, der hinter dem Blitz liegt“. Für Gudarzi entsteht ein Stück aus der Sprache, weniger aus einem Thema. So sei „Wonderwomb“ über unsere fossile Abhängigkeit entstanden, geschrieben aus der Perspektive des Erdöls, ausgezeichnet mit dem Kleist-Förderpreis, mittlerweile u.a. auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Berlin.
Dass sich etwas tut, hat auch mit einer Veränderung der literarischen Landschaft zu tun. Auch in Österreich bekommen die künstlerischen Stimmen der Einwanderer langsam Gehör, zwar immer noch zu wenig und „zehn, zwanzig Jahre zu spät“, findet Gudarzi. In Deutschland sei es bereits anders. Aber Deutschland hatte auch das Maxim-Gorki-Theater Berlin, das unter der Leitung von Shermin Langhoff zu einer herausragenden Bühne für die neueren Stimmen der Gesellschaft und dadurch zu einer Stimme der neuen deutschen Gesellschaft geworden war. Auch Nuran David Calis, der deutsche Regisseur und Autor mit armenisch-türkisch-jüdischen Wurzeln, hat am Gorki-Theater gearbeitet. Seit dieser Spielzeit ist er Schauspieldirektor am Salzburger Landestheater und hat Gudarzi mit einem Stück beauftragt, mit einer Überschreibung von Aischylos‘ „Die Perser“.
Aischylosʼ Tragödie behandelt die historische Niederlage der zahlenmäßig überlegenen Perserheere gegen die athenisch-spartanische Bündnisflotte in der Schlacht bei Salamis 490 v. Chr.. Der Sieg ging als Bewahrung der Zivilisation in die europäischen Geschichtsbücher ein und begründete den Ruhm der Überlegenheit der griechischen Kultur. Aischylos erweist sich in „Die Perser“ als begnadeter Dramaturg des Suspense und der Publikumslenkung. Vordergründig zeigt er Mitgefühl mit der persischen Königsmutter, die das Scheitern ihres Sohnes und die Tausenden Toten beklagt. Beim athenischen Publikum blieb angesichts der gleichzeitigen Darstellung persischer Pracht und des jammervollen Berichts über die Niederlage Xerxes‘ aber vor allem der Triumph der Griechen im Bewusstsein, ein dramatisches Meisterwerk und Exempel des kulturellen Hegemonialanspruchs.
Beginn des europäischen Orientalismus
Für Gudarzi, bei diesem Thema blitzt sein Temperament auf, wird in dieser Tragödie exemplarisch deutlich, wie stark die Rezeptionsgeschichte des Stücks auf das europäische Verständnis der persischen Kultur gewirkt hat. Für ihn bildet „Die Perser“ den Beginn des europäischen Orientalismus, den Beginn der Kolportage des Barbarentums, das die Griechen insbesondere den Persern zugeschrieben hatten: „Heute würden wir es Othering nennen.“ Mit seiner Überschreibung will Gudarzi den Blick wechseln, ohne zu werten. Er will nicht „etwas zurechtbiegen“, sagt er, er will mit seiner Überschreibung deutlich machen, wieviel Gemeinsamkeit in dem steckt, was seit Aischylos als antagonistisch, als unvereinbar gilt und heute mehr denn je in das, was wir Osten und Westen nennen, zerworfen ist. Dabei geht es ihm weniger um die Opposition politischer Systeme, Gudarzi wirft seinen Blick auf den kulturellen und zivilisatorischen Gegensatz „Orient und „Okzident“.

„Vor 2500 Jahren gab es mehr Austausch zwischen dem sogenannten Osten und dem Westen als heute. Das Wissen dafür geht uns verloren.“ Gerade er, der mit 23 Jahren seine „orientalische“ Heimat verlassen und nun seit fast ebenso langer Zeit eine „westliche“ gefunden hat, will das gemeinsame Erbe betonen, verweist auf die Ursprünge beider Erzählungen. Er, dem renommierte Kritiker schon mal „eine zu orientalische Schreibweise“ attestierten, ohne benennen zu können, was sie damit meinen, will daran erinnern, dass die griechische Mythologie aus dem babylonischen Gilgamesch-Mythos hervorgegangen ist, Platon und Aristoteles durch die persische Kultur nach Europa zurückgekommen sind, das Alte Testament vor mesopotamischer Inspiration nur so strotzt. Dass es die Zeit der vorabrahamitischen Religionen ist, aus der die Ursprünge unserer kulturellen Identitäten stammen, aus der wir uns heute eklektisch und bereinigt von störenden Einflüssen bedienen, die aber die gemeinsame Zeit und Herkunft von Ost und West, Orient und Okzident ist.
Gudarzi hat seine Überschreibung „Die Erfindung des Paradieses“ genannt. Er erzählt vom persischen Paradies-Topos, das die europäische Kulturgeschichte als ihrigen behauptet, von der persischen Bedeutung des Gartens als Ort des Friedens, von der selbstbestimmten Rolle der Frau im alten Persien. Vor allem spielt Gudarzi wie Aischylos mit dem Assoziationsimpuls der Zuschauer. Wer dächte bei den Stichworten „Rolle der Frau in Persien“ nicht an Mahsa Amini und die iranische „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung, die seit 2022 so brutal niedergemetzelt wird wie damals die Perser von den Griechen? Die Demonstrationen der Iraner für Freiheit und Selbstbestimmung haben auch ihn, Gudarzi, den Mitdemonstranten, immerhin nicht zum Tod wie Zigtausende, aber ins Gefängnis geführt. Sein Kampf für ein freies Iran hat ihn zur Flucht aus Teheran und nach Wien gebracht.
Anfeindung bestimmter Gruppen
Es ist die Geschichte einer Befreiung, die nicht zu Ende ist. Sie verfolgt ihn auch Jahre später. Gudarzi nimmt nicht mehr an den vielen Demonstrationen iranischer Exilanten in Wien teil, auch aufgrund von „Anfeindungen bestimmter Gruppen“, wie er das formuliert. Dazu gibt es immer auch die Möglichkeit erneuter Bedrohung durch das Regime. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Mullahs ihre Macht in Wien ausübten. Gudarzis Spielart des Humors, die Tucholsky den des gekränkten, kämpferischen Idealisten genannt hat, spiegelt die schwierige Lage, in der sich eigentlich jeder mit iranischen Wurzeln, der nicht auf der Seite der Mullahs steht, in Europa befindet – und sie sind weit in der Mehrheit, in Iran und im Exil.
Ein Freund Amir Gudarzis, ein in Graz geborener Sohn zweier Iraner, der Schriftsteller und Psychoanalytiker Sama Maani, erzählt gern die Geschichte eines Übersetzers, der sich anbot, einen Roman Maanis ins Persische zu übersetzen, und dieses Angebot mit einem Verweis auf das jüngste Attentat auf Salman Rushdi verband: „Du musst bereit sein, für die Freiheit des Wortes zu sterben“, forderte er. „Wenn diese Idioten uns umbringen wollen“, erwiderte Maani, „werden sie uns kaum fragen, ob wir dazu bereit sind.“ Maani ist sich mit Gudarzi einig, dass ein demokratisches Iran mit seiner jungen Bevölkerung für alle Theo- und Autokratien in der Region ein Bedrohung wäre. „Ein demokratisches Iran wäre vergleichbar mit dem Sturm auf die Bastille“, prognostiziert Gudarzi. Machtverhältnisse würden sich elementar verändern, Gegensatzkonstruktionen über den Haufen geworfen, vor allem wäre die Unterdrückung der Frauen vorbei.
Da macht unser Gespräch noch einmal eine künstlerische Wendung. Auch hier, sagt Gudarzi, lohne sich ein Blick in die alte Literatur. Sie zeige, welche Narrative von damals noch heute anhielten und welche in den Hintergrund gedrängt worden seien. In seine „Perser“, in seine „Erfindung des Paradieses“ schreibt Gudarzi den Krieg von heute in den von damals ein, schreibt die Zerstörung von heute in die Seelen der alten Kämpfer und überträgt die Kraft der Veränderung einem „Chor der Perserinnen aus der Zukunft“. „Als ob unsere Unfreiheit etwas / Genetisches wäre / und die Freiheit der Anderen / die Ernte ihrer angeborenen Klugheit“. Sie seien, sagen die Perserinnen im Stück, „aus der Zukunft gekommen, um die Vergangenheit zu ändern“. „damit wir in Zukunft / nicht spielen müssen / die Rollen, die uns vorgeschrieben sind“.
Ob es in Wirklichkeit so kommt, ist offen, auch das Stück endet in einem, sagen wir: anderen Paradies. Doch das Theater habe sein Leben verändert, sagt Gudarzi am Ende unseres dreistündigen Treffens. Das Theater habe ihm Unbekanntes gezeigt, dadurch sei er zu einem kritischen Menschen geworden. Davor habe das Mullah-Regime zu Recht Angst. Was sei denn machtvoller, als die Haltung eines Menschen zu ändern. Daran sollten wir öfter denken und das Theater und das eigene Publikum ernster nehmen als uns selbst. Sagt’s, tritt zur Kaffeehaustür hinaus und hat Rückenwind.
