
Das ganze Ausmaß der Situation wurde Bianka Rössler klar, als im Frühjahr die erste Rechnung für Treibstoff kam. Rössler ist Kapitänin und Geschäftsführerin der Schifffahrtsgesellschaft Rössler-Linie aus Rüdesheim. „Bei dem ersten Blick auf den Endbetrag wollte ich schon meine Mitarbeiter anrufen und fragen, ob sie ein falsches Schiff betankt haben“, sagt sie rückblickend. Doch die Rechnung war korrekt: Die Kosten fielen bis zu dreimal so hoch aus wie angenommen.
Die drei Schiffe, die die Linie für Ausflugsfahrten auf dem Rhein betreibt, verbrauchen Rössler zufolge jeweils rund 90 Liter pro Stunde. Wie hoch der Verbrauch ausfällt, hängt aber auch von der Fahrweise ab. Bei einer gemütlichen Fahrt ist er geringer. Muss ein Schiff eine Veranstaltung erreichen oder nach einem Einsatz schnell zurück, wird mitunter Vollgas gefahren, was den Verbrauch ankurbelt. Die derzeit hohen Kosten für Kraftstoff schlagen bei ihr deshalb besonders ins Kontor.
Einen gesonderten Diesel- oder Energiezuschlag will die Unternehmerin ihren Gästen nicht berechnen. Solche Aufschläge hätten für sie „einen unguten Beigeschmack“. Wenn ein Preis angekündigt werde und auf der Rechnung plötzlich noch ein Euro Energiezuschlag auftauche, störe sie das selbst. Ihren Kunden wolle sie dieses Gefühl ersparen.
Stattdessen setzt Rössler auf eine langfristige Rechnung. Sie hofft, mehr Kunden zu behalten, wenn die Preise transparent bleiben und nicht bei jeder Kostensteigerung ein Zuschlag hinzukommt. Die höheren Ausgaben müssten in die reguläre Kalkulation einfließen. Im kommenden Jahr könnten die Fahrpreise deshalb etwa um einen Euro statt um 50 Cent steigen.
Stellenstreichung zur Kompensation
Besonders empfindlich treffen die hohen Spritkosten Unternehmen, die ihre Preise nicht selbst gestalten können. Das gilt etwa für Pflegedienste oder Anbieter von Rollstuhltransporten, die mit Krankenkassen oder Sozialämtern abrechnen. Beim Frankfurter Fahrdienst Rumpf übersteigen die Aufwendungen die Einnahmen derzeit um 8000 bis 10.000 Euro im Monat, wie Inhaber Ronny Wächter berichtet. Er habe deswegen eine Stelle in der Verwaltung abgebaut, eine weitere Person nach der Probezeit nicht übernommen und einen Minijob gestrichen. „Das sind zweieinhalb Vollzeitstellen“, sagt Wächter, der insgesamt rund 60 Mitarbeiter beschäftigt.
Zwar habe die AOK als eine der größten Krankenkassen auf den Anstieg der Benzin- und Dieselpreise reagiert und die Sätze, die sie für Rollstuhltransporte zahle, um fünf Prozent angehoben. Wächters wichtigster Auftraggeber ist aber die Stadt Frankfurt, die auf Antrag die Kosten für die Beförderung von „Menschen mit außergewöhnlichen Gehbehinderungen“ übernimmt. Wächter wartet auf eine Anhebung der Sätze, die das Sozialamt für solche Fahrten an Transportunternehmen zahlt. Die Behörde teilte auf Anfrage mit, nach einem Gespräch mit Vertretern mehrerer Fahrdienste im Mai sei eine Anhebung vereinbart worden. „Dieses Verfahren braucht Zeit, ist nun abgeschlossen, und es wurde eine Erhöhung der Fahrtkostenpauschalen rückwirkend ab 01.08.2026 entschieden. Diese wird jetzt zeitnah umgesetzt.“
Im Handwerk bleiben viele Betriebe wohl weitgehend auf den höheren Kosten sitzen. Sie ließen sich nicht einfach kurzfristig an die Kunden weitergeben, denn viele Aufträge seien schon vor geraumer Zeit kalkuliert oder zu Festpreisen vereinbart worden, sagt Stefan Ehinger, Vizepräsident der Kammer Rhein-Main und Inhaber eines Frankfurter Elektrobetriebs. Die gestiegenen Spritpreise seien eine spürbare Belastung, gerade wenn viele Fahrzeuge im Einsatz seien. „Für unseren Betrieb ist die schrittweise Umstellung des Fuhrparks auf Elektromobilität deshalb ein Weg, die Abhängigkeit von schwankenden Kraftstoffpreisen zu reduzieren“, so Ehinger. Das sei gleichzeitig ein Beitrag zum Klimaschutz.
Für Landwirte ist der Umstieg auf Elektrofahrzeuge deutlich schwieriger. Die Maschinen kosten oft sechsstellige Beträge und müssen über viele Jahre amortisiert werden. Laut dem hessischen Bauernpräsidenten Karsten Schmal sind die aktuellen Dieselpreise für ihn und seine Kollegen „ein weiterer Kostenhammer“. Ohnehin hätten die Betriebe aktuell mit den Wetterextremen und hohen Produktionskosten zu kämpfen, da trieben die steigenden Kraftstoffpreise die Belastung weiter in die Höhe. Schmal sieht die Politik und insbesondere den Kanzler gefragt: „Die Landwirtschaft braucht dringend spürbare Entlastungen.“
Auch in Hessen haben die Benzinpreise in dieser Woche einen historischen Höchststand erreicht. In Frankfurt lag der Durchschnittspreis für einen Liter Diesel am Dienstag laut der Vergleichsplattform clever-tanken.de bei 2,47 Euro. Vor genau einem Jahr mussten Autofahrer an den Zapfsäulen nur 1,57 Euro dafür bezahlen. Das entspricht einem Anstieg von rund 57 Prozent binnen eines Jahres. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Liter Super E10, der gestern in Frankfurt bei 2,34 Euro und vor einem Jahr im Durchschnitt bei 1,66 Euro lag. Autofahrer in Frankfurt und der Rhein-Main-Region sehen sich bei den Preisen an den Tankstellen teils erheblichen Unterschieden gegenüber. So lag der Preis für einen Liter Diesel am Mittwoch um 11 Uhr in Wiesbaden im Durchschnitt bei 2,42 Euro, in Frankfurt lediglich bei 2,37 Euro. Für Autofahrer wird die Frage, wo sie relativ günstig tanken können, angesichts der hohen Kosten für eine Tankfüllung immer wichtiger. Vom Frankfurter Stadtzentrum aus betrachtet gibt es im Umkreis von 25 Kilometern große Preisunterschiede. So kostete an der Tankstelle des Supermarktes Globus in Hattersheim nahe der Autobahn 66 der Liter Diesel 2,30 Euro, auch bei Orlen Express in Hattersheim, Avia XPress in Neu-Isenburg, im Tankcenter Dreieich und bei Total in Kriftel konnten Bürger für 2,30 Euro je Liter ihr Auto betanken. Gleichzeitig war auf dem Vergleichsportal esyoil zu beobachten, dass vor allem Tankstellen in Frankfurt zum Teil deutlich teurer waren, bei bis zu 2,43 Euro je Liter. Die höchsten Preise werden weiterhin an Autobahnraststätten aufgerufen: An der Raststätte Weiskirchen Nord an der A 3 kostete der Liter am Mittwoch 2,83 Euro, in Weiterstadt an der A 5 sogar 2,84 Euro. (ddt.)
