
Aus London gibt es Gutes zu vermelden: Deutschland hat immer noch Spieler, die auf Rasen erfolgreich sein können! Zwar nicht mit Kopf und Fuß, aber mit Händchen, Geduld und Nervenstärke. Alexander Zverev tat sich am Dienstag in Wimbledon zwar zeitweise ähnlich schwer wie die deutsche Fußballnationalmannschaft am Vorabend in Boston. Doch war der Tennisprofi letztlich in der Lage, dem aufmüpfigen Herausforderer Alexander Blockx zu trotzen und zu bezwingen. Nach dem 6:4, 6:7, 7:6, 7:6- Sieg gegen den Belgier in der ersten Runde des Rasenklassikers ist aber noch viel Luft nach oben für den frischgebackenen French-Open-Sieger.
Eine Selbstverständlichkeit war Zverevs Erfolg nach 2:55 Stunden Spielzeit keineswegs. Hatte er zwölf Monate zuvor doch auf genau diesem Centre Court schon einmal gegen einen Mann verloren, der bärenstark aufzuschlagen verstand. Doch was damals gegen den Franzosen Arthur Rinderknech schieflief, gelang Zverev gegen den jungen Blockx mit Glück und Geschick. „Es gibt Gründe, warum ich mich auf diesem schönen Platz schwertue“, sagte der Weltranglistendritte bei seinem Siegerinterview: „Ich glaube aber weiter daran, dass ich auf dem Belag gut spielen kann.“ Immerhin stolperte Zverev nicht wie im vergangenen Jahr und vier weitere Male zuvor über einen ungesetzten Spieler.
Im ersten Satz trat Zverev zunächst so selbstbewusst und grundsolide auf, wie man es von einem Grand-Slam-Champion erwarten kann. Er servierte prächtig, die Quoten beim ersten Aufschlag und den daraufhin gewonnenen Punkten waren hervorragend. Gelegentlich wagte er sich ans Netz, oft musste er auch notgedrungen nach vorne, weil Blockx in mit einem Stoppball lockte. Ein Break genügte Zverev zum Satzgewinn.
Den dritten Tiebreak spielt Zverev makellos
In den folgenden Sätzen begegneten sich die beiden auf Augenhöhe, sodass dreimal der Tiebreak entscheiden musste. Den zweiten Satz beendete der Deutsche mit einem Doppelfehler zu seinen Ungunsten. Im Tiebreak des dritten Satzes blickte nach einem abermaligen Doppelfehler fragend in Richtung Vater und Bruder in der Box, konnte sich danach den Satz sichern. Den Vorteil, seinem Gegner im vierten Satz den Aufschlag zum 3:2 abgenommen zu haben, gab Zverev postwendend wieder her – abermals mit einem Doppelfehler. Doch den dritten Tiebreak des Tages spielte Zverev makellos – mit einem Ass zum 7:0 verwandelte er gleich den ersten Matchball.
Zuvor hatte schon Zverevs Karlsruher Kollege Yannick Hanfmann gezeigt, dass man auf Rasen Erfolg haben kann, wenn man die nötige Einstellung und Widerstandskraft mitbringt. Reihenweise entschärfte der Vierunddreißigjährige die mächtigen Aufschläge des Franzosen Giovanni Mpetshi Perricard und zog nach dem 6:7 (6:8), 7:6 (11:9), 6:2, 6:3-Sieg in die zweite Runde ein. Hanfmann genoss ein neues Gefühl, war es doch sein erster Matchgewinn bei dem Rasenklassiker. Fünfmal war er in der Qualifikation gescheitert, dreimal verlor er im Hauptfeld gleich zum Auftakt an einem höher eingestuften Gegner.
Der 56. der Weltrangliste trifft nun auf den Russen Karen Chatschanow, der 34 Plätze höher steht. „Das bedeutet mir sehr viel“, sagte Hanfmann bei, der von Freunden auf der Tribüne unterstützt wurde, bei Prime: „Die sind alle happy und trinken wahrscheinlich noch ein, zwei Bierchen.“ Gemeinsam mit Jan-Lennard Struff, der an diesem Mittwoch in der zweiten Runde auf den Amerikaner Brandon Nakashima trifft, bilden Zverev und Hanfmann ein starkes Trio.
Aber in der Londoner Luft lag auch mehr als ein Hauch Verliererstimmung. Nicht nur wegen der Nationaltrikots, die Tennisfans am Tag nach dem WM-Aus tapfer trugen. Sondern, weil andere Deutsche in Wimbledon reihenweise aus dem Wettbewerb flogen. Laura Siegemund, die es im vergangenen Jahr sensationell ins Viertelfinale geschafft hatte, unterlag der Belgierin Elise Mertens 2:6, 4:6. Schlechtgelaunt machte sie auf Court 14 Platz für Eva Lys, die es auch nicht besser machte. Nach einer 5:2-Führung gelang der Hamburgerin gegen die Russin Diana Shnaider nur noch wenig. Sie verlor fast alle folgenden Spiele bis auf eines zum 5:7, 1:6. Da auch noch Ella Seidel der an Position neun gesetzten Tschechin Linda Noskova 4:6, 3:6 unterlag, rundete das schwache Bild der deutschen Damen ab.
