Ein übliches taktisches Mittel, über das ungern geredet oder geschrieben wird, ist im Tennis die Toilettenpause. Man behauptet gegenüber dem Schiedsrichter, dass man mal müsse, und bekommt die Erlaubnis, den Platz zu verlassen. Oder auch nicht, wenn es der Spielstand gerade nicht erlaubt, obwohl das Rumoren im Bauch höchste Eile gebietet. Wie im Falle von Flavio Cobolli neulich im Achtelfinale der French Open. Er müsse jetzt dringend vom Platz, rief der Italiener dem Schiedsrichter mitten im Satz zu, sonst „mache ich mir hier in die Hose“ (im Original war die Ausdrucksweise deutlich derber). In vielen Fällen werden die Pausen vor allem genutzt, um Abstand zu gewinnen, sich nach schwierigen Spielphasen ein paar Minuten zu sammeln und den Gegner auf dem Platz ins Grübeln zu bringen. So hatte es auch Linda Nosková vorgehabt. Bis ihr etwas in die Quere kam. Etwas Begehrenswertes.
Nosková hatte gerade eine 6:2, 5:2-Führung verspielt, fünf Matchbälle vergeben und den zweiten Satz 5:7 verloren, als sie nichts wie wegwollte vom Centre Court. Auf dem Weg in die Waschräume kam die Tschechin an der prächtigen Venus Rosewater Dish vorbei, die jede Wimbledonsiegerin in den Händen halten darf, sowie an der kleineren Silberplatte für die Verliererin: beide bereit für die Übergabe durch die Prinzessin von Wales. Was Nosková beim Anblick der beiden Trophäen dachte, gab sie später so wieder: „Ich habe auf die große gestarrt und gedacht: Die hole ich mir, egal wie. Dafür werde ich meine Seele auf dem Platz lassen.“
„Sie hatte immer sehen wollen, wie ich die Trophäe in die Höhe halte“
Anders als Goethes „Faust“ musste die Einundzwanzigjährige nicht ihr Seelenheil verschachern, um Glücksmomente zu erleben. Sie kehrte zu ihrem aggressiven Spiel zurück, servierte besser, behielt die Nerven und entschied den dritten Satz 6:3 und damit auch das rein tschechisch besetzte Damenfinale von Wimbledon für sich. Karolína Muchová konnte ihre Freundin und Finalgegnerin nur noch als „ruhige Kämpferin“ loben.
Als die Siegerin die Silberschale in den Händen hielt und allen Unterstützern auf Erden dankte, warf sie einen Gruß und Kuss hinauf in den Himmel. „Ich möchte meiner Mutter danken, ohne sie wäre ich jetzt nicht hier.“ Ivana Nosková erlag im Sommer 2024 einem Krebsleiden, einen Tag bevor Tochter Linda in Wimbledon zu ihrem Erstrundenmatch antreten musste. „Sie hatte immer sehen wollen, wie ich die Trophäe in die Höhe halte“, sagte die dritte tschechische Wimbledonsiegerin innerhalb von vier Jahren: „Ich glaube, das war – und ist noch – ihr Traum.“
Folgt man den überlieferten Erzählungen, so waren Ivana Nosková und Lindas Vater Drahos Nosek umsichtige Tenniseltern. Für die Tochter war Tennis eine ganze Weile nur eine Freizeitbeschäftigung unter mehreren. „Sechs, sieben, acht Hobbys“ hätte sie gehabt, sagte die neue Weltranglistensiebte in Wimbledon: „Turnen, Reiten und alle Sportarten der Welt, weil meine Eltern mich vor allem dazu bringen wollten, mich zu bewegen.“
Als sich abzeichnete, dass Nosková ein besonderes Talent für Tennis hat, hätte sie weitere Minijobs angenommen, um das Training zu finanzieren, sagte Mutter Nosková einige Monate vor ihrem Tod in einem Interview mit der tschechischen Zeitung „Deník“: „Wir haben relativ spät angefangen – und das auch noch in einem Dorf mit zweihundert Einwohnern, im Gegensatz zu den Mädchen aus Großstädten und wohlhabenderen Familien.“ Mit dem Erfolg hätte man nicht gerechnet. „Erwartet hatten wir ein normales, entspanntes Leben mit Tennis“, sagte Ivana Nosková.
Die Karriere der neuen Wimbledonsiegerin kann als eine freundliche Erinnerung an alle Eltern verstanden werden: den Kindern Raum zur freien Entfaltung zu geben und sie sich erproben zu lassen, statt von vorneherein auf das Vorankommen in einer Sportart zu setzen. So wie es oft passiert im Damentennis, wo für Frauen Ruhm und relativ viel Geld zu verdienen ist.
Ehrenamt statt Urlaub
Die spektakuläreren Geschichten liefern jedoch meistens die Glücksritter. Wie der Amerikaner Richard Williams, der sich das Tennisspielen beibrachte, einen Plan für seine Töchter Venus und Serena entwarf und die beiden auf öffentlichen Plätzen drillte. Oder der Russe Juri Scharapow, der um die Jahrtausendwende Frau und Familie in Sibirien zurückließ und mit seiner kleinen Tochter und ein paar Dollar in der Tasche nach Florida flog, um aus Maria Scharapowa einen Weltstar zu machen.
Oder derzeit Raissa Andrejewa, die treibende Kraft hinter den Karrieren ihrer beiden Töchter. Erika und Mirra mussten mit ihrer Mutter die sibirische Heimat ebenfalls wegen besserer Trainingsbedingungen verlassen und landeten erst in Sotschi am Schwarzen Meer und dann im südfranzösischen Cannes. Mirra, die Jüngere, ist groß herausgekommen und hat neulich die French Open gewonnen; Erika schlägt sich auf der WTA-Tour leidlich durch. Auch in Deutschland gibt es szenebekannte Tenniseltern, die ihrem Nachwuchs früh den Weg weisen und fortan Sieg und Niederlage persönlich nehmen.
Linda Nosková will es nicht zulassen, dass der Sport ihr Leben völlig vereinnahmt. Nicht nur auf dem Platz versucht sie Abstand zu gewinnen, indem sie beim Seitenwechsel ihren Kopf unter einem Handtuch verbirgt oder sich eine Toilettenpause nimmt. In den turnierfreien Winterwochen, wenn Profikolleginnen Urlaubsfotos von den Malediven posten, sucht Nosková neue Erfahrungen. Im Dezember zog es sie nach Sansibar, um dort ehrenamtlich an einer Schule zu arbeiten. „Solche Projekte liegen mir sehr am Herzen. Sie vermitteln mir eine andere Sichtweise auf die Privilegien und den Lebensstil, die ich habe.“
