
Man kann ja schlecht weghören, wenn jemand in aller Öffentlichkeit in sein Smartphone schreit. Wie beim Anmarsch zum Halbfinal-Freitag in Wimbledon, als ein für hiesige Verhältnisse auffallend gut gekleideter Mann sich auf der Church Road empörte, weil sein Gesprächspartner anscheinend noch nie etwas von Arthur Fery gehört hatte. „Der Brite, der im Halbfinale steht“, schrie der Mann in sein Handy, „ich bin eng mit seinem Vater!“ Das Aufgeschnappte zeigt: Im Erfolg kann man sich vor Freunden kaum retten. Jedenfalls, wenn man nicht Alexander Zverev heißt und beim traditionsreichen englischen Rasenturnier den aktuellen englischen Tennisliebling auf humorlose Weise raushaut.
Der Deutsche wusste schon vor seinem 7:6, 6:2, 6:4-Sieg, dass er im Halbfinale gegen Fery und sein Volk spielt, und es war ihm auch danach ziemlich schnuppe. Der frischgebackene French-Open-Sieger steht nun zum ersten Mal im Finale des Rasenklassikers. Damit hat sich Zverev gewissermaßen einen kleinen und inoffiziellen „Karriere-Grand-Slam“ gesichert: Er hat nun bei jedem der vier wichtigsten Tennisturniere mindestens einmal das Endspiel erreicht. 2020 bei den US Open (gegen den Österreicher Dominic Thiem), 2024 bei den French Open (gegen den Spanier Carlos Alcaraz) und 2025 bei den Australian Open (gegen den Italiener Jannik Sinner) blieb der Triumph aus. Vor fünf Wochen gewann der Neunundzwanzigjährige in Paris endlich seinen ersten Grand-Slam-Titel.
Und nun, nach dem Erfolg über den Engländer Arthur Fery, der nur dank einer Wildcard des Veranstalters im Hauptfeld hatte starten dürfen und bis Freitag einen Sensationslauf hingelegt hatte? Er sei „unglaublich glücklich und stolz“, sagte Zverev in seiner Siegerrede. „Wimbledon ist das Grand-Slam-Turnier, bei dem ich mich immer am schwersten getan habe.“ Die Aufgabe im Finale dürfte allerdings deutlich schwerer werden: Es wartet der Weltranglistenerste Sinner auf ihn, der Novak Djokovic beim 6:4, 6:4, 6:4-Sieg am Freitagabend keine Chance ließ. Zverev bekommt nach eigenen Angaben Unterstützung aus der Heimat. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) plane, sich das Finale am Ort anzuschauen, sagte der Tennisprofi am Freitag.
„Das ist die Chance seines Lebens“
Für Boris Becker scheint die Sache gelaufen, auch wenn Titelverteidiger Sinner am Sonntag auf der anderen Platzseite steht. In der neuen Folge seines Podcasts mit der ebenso ehemaligen Berufsspielerin Andrea Petković sagte der dreimalige Wimbledonsieger über den derzeit besten deutschen Tennisspieler: „Das ist die Chance seines Lebens, und das meine ich im Ernst, Wimbledon zu gewinnen.“
Noch im vergangenen Jahr war Becker quasi als Chefkritiker auffällig geworden und damit Zverev auf die Nerven gegangen. Es sei ihm „latte“, was Becker sage, ließ sich der Hamburger damals vernehmen. Sind die beiden nun im Erfolg wieder Freunde?
Der Podcaster Becker, der nicht nach England einreisen darf, hatte vor dem Halbfinalduell jedoch nicht nur Zverev gelobt, sondern als Kolumnist der Tageszeitung „Telegraph“ auch dessen Gegner. Was dem 23 Jahre alten und 1,75 Meter großen Engländer an Körperlichkeit fehle, könnte er „mit Herz, Mentalität und Technik“ wettmachen, so Beckers Theorie. Sie klang stimmig. Den Praxistest auf dem Centre Court bestand die Nummer 114 der Welt, die von den meisten der 15.000 Zuschauer begrüßt wurde wie eine Nummer eins, allerdings nicht mit Prädikat. Zu stark war der Typ auf der anderen Seite, der jeglichen Ansatz von Leidenschaft im Publikum erstickte.
Der Champion hat den Emporkömmling im Griff
Mit den ungewohnten Aufschlägen des Engländers, die mitunter weniger Tempo hatten als Zverevs eigene Vorhand, tat sich der Hamburger anfangs überraschend schwer. Als ihm dennoch ein Break zum 3:1 gelang, gab er den Vorteil im nächsten Aufschlagspiel gleich wieder aus der Hand. Im Tiebreak konnte der Engländer nicht mehr mithalten. Zverevs Tempo war zu hoch, Fery unterliefen Fehler – auf makellose Weise siegte der Deutsche 7:0.
Hatte die Turnierüberraschung noch vor dem Halbfinalduell vollmundig behauptet: „Ich bin ein toller Returnspieler“, so konnte er Zverevs Aufschläge immer weniger kontrollieren. Zverev, der schon seit zwei Wochen serviert wie kein Zweiter in Wimbledon, kam auf 225 Kilometer pro Stunde, insgesamt neun Asse und gute Quoten.
Der Weltranglistendritte selbst hatte im zweiten Satz Ferys Service durchschaut und hämmerte einen Return nach dem anderen ins Feld. Das Halbfinale entwickelte sich im Laufe der 2:13 Stunden Spielzeit zusehends zu einem Duell eines selbstbewussten Grand-Slam-Champions mit einem talentierten Emporkömmling, der vor zwei Jahren noch im Collegetennis reüssierte. Entsprechend deutlich fielen die letzten Sätze aus – 6:2 und 6:4. Das englische Publikum spendete gewohnt fair Beifall, der allerdings nicht so laut ausfiel wie bei Arthur Ferys Verabschiedung. „Ich wusste, dass im Stadion 99,9 Prozent wollten, dass Arthur gewinnt“, sagte Zverev in seiner Siegerrede: „Aber auch ich habe jede Sekunde genossen.“ Ein solches Publikum könnten sich andere Länder zum Vorbild nehmen.
Zverev ist nun der fünfte deutsche Mann, der in Wimbledon ins Endspiel eingezogen ist; der letzte war Becker 1995, der letzte Turniersieger Michael Stich 1991. Davor waren Gottfried von Cramm in den Dreißigerjahren und Wilhelm Bungert (1967) bis zum letzten Tag im Turnier gewesen. Wird Alexander Zverev nun zum dritten Sieger nach Becker und Stich?
„Es gibt für mich nach wie vor keinen Grund, warum er dieses Jahr Wimbledon nicht gewinnen kann“, sagte Becker, das Orakel aus der Ferne. Ein Erfolg ist Zverev immerhin schon gewiss: Weil er mit dem Finaleinzug reichlich Weltranglistenpunkte einheimste, tauscht er mit dem seit Mai außer Gefecht gesetzten Alcaraz die Plätze und wird am Montag wieder zur Nummer zwei der Welt.
