Füchse, Dachse, Wildschweine oder auch Nilgänse: Städte sind schon längst zu bevorzugten Habitaten von Wildtieren geworden, die dem Menschen nicht immer so lieb sind. Konflikte sind inzwischen an der Tagesordnung. Nicht immer sind es die spektakulären Fälle wie der Wolf, der sich kürzlich in ein Einkaufszentrum mitten in Hamburg verirrt hatte, die für Probleme sorgen.
In Berlin sind es die Füchse, die Flöhe mit sich schleppen und zur Schließung von Schulen führen, oder herumstreunende, Müll fressende Wildschweine, die der Verwaltung Kopfzerbrechen bereiten. Auch in Frankfurt hat vor einiger Zeit ein Fuchs für Aufregung gesorgt, als er in den in der Stadtmitte liegenden Zoo eingedrungen war und in einer Art Blutrausch gleich 15 Flamingos die Köpfe abgerissen hatte.
Gottesanbeterinnen in Großstädten
Für Silke Voigt-Heucke vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin steht fest, dass an einem Miteinander von Mensch und Wildtier in den urbanen Metropolen kein Weg vorbeiführe. Die Verhaltensbiologin fordert in einem Vortrag am Senckenberg-Institut in Frankfurt in einer Reihe zum Thema „Stadtnatur“ ein aktives Wildmanagement, um ein „konfliktarmes Zusammenleben“ mit Wildtieren in Städten möglich zu machen.
In der Bundeshauptstadt koordiniert Voigt-Heucke die Initiative „Wildtiernah Berlin“, die seit dem vergangenen Jahr den Tierschutz und die Beratung der Bürger übernommen hat. Für die vom Senat finanzierte Initiative sind zwei Tierärzte im Einsatz, die mit einer mobilen Wildtierklinik unterwegs sind. In Berlin gab es dringenden Handlungsbedarf: Mit ihren vielen Grünflächen gilt die fast vier Millionen Einwohner zählende Metropole als eine der artenreichsten Städte Europas – mit einer entsprechend großen Zahl wildtierischer Mitbewohner.

Doch was macht Städte für Wildtiere so attraktiv? In den industriell betriebenen Agrarflächen schwinden die Lebensräume für Tiere, in den Städten lockt dagegen ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Wildtiere finden dabei Unterschlupf in Grünanlagen, in Industriebrachen oder unter Brücken. Zusätzlich werden Städte durch den Klimawandel immer mehr zu Wärmeinseln, die ganz neue Tierarten nach Mitteleuropa bringen. So hat sich zum Beispiel auch die Gottesanbeterin, eine sogenannte Fangschrecke, in Großstädten angesiedelt.
Wildtiere können sich also problemlos an urbane Bedingungen anpassen. Allerdings gibt es Gewinner und Verlierer. Generell kommen die Generalisten, die kein spezielles Nahrungsangebot benötigen, wie etwa der Waschbär, besonders gut zurecht. Doch das Monitoring von Wildtieren und die Forschung dazu stecken noch in den Kinderschuhen, wie Voigt-Heucke sagt. Rätsel gibt zum Beispiel der Haussperling auf, der sich aus manchen urbanen Zentren verabschiedet hat. In einigen Städten laufen inzwischen Wiederansiedlungsprojekte für den früher allgegenwärtigen Spatz.
Vögel singen in Städten lauter
Interessant ist auch, dass in der Stadt lebende Wildtiere sich von ihren Artgenossen auf dem Land im Laufe der Zeit grundlegend unterscheiden. In den Städten haben Wildschweine weniger Angst vor Menschen. Damit sinkt die Fluchtdistanz um einige Meter, wie die Berliner Verhaltensbiologin berichtet. Vögel wiederum passen im Kunstlicht der Städte und angesichts der höheren Temperaturen ihre Brutzeiten an.
Die Vögel singen in den Großstädten auch lauter, um sich gegen den Verkehrslärm zu behaupten, der sich auf ähnlichen Frequenzen bewegt. Forscher haben inzwischen herausgefunden, dass das an die Stadt angepasste Leben bei Wildschweinen, dem Fuchs oder bei der Amsel genetische Veränderungen zur Folge hat.
Die Konflikte mit den städtischen Wildtieren will Voigt-Heucke gar nicht verniedlichen. Sie weiß, dass Füchse oder Waschbären Krankheiten mitbringen und ganze Dachböden verwüsten können. Aus Sicht der Biologin gibt es aber nur eine Lösung: den Müll in den Städten und auch den Kompost in Gärten gut sichern. Wildtiere – dazu gehören auch die Tauben – dürfen auf keinen Fall gefüttert werden. Auch beim Hamburger Wolf vermutet sie, dass er „angefüttert“ und so in das Einkaufszentrum gelockt worden sei. „Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände“, glaubt die Biologin. „Aber der Wolf war nicht böse.“
Das Berliner Wildtiermanagement sieht sie als Modell für ganz Deutschland. Aber auch in Berlin kann es passieren, dass alles nichts hilft bei dem Versuch, Konflikte zu entschärfen. Dann gebe es immer noch einen letzten Ausweg, sagt Voigt-Heucke. Denn Waschbären und Füchse dürfen bejagt werden. Der ursprünglich aus Nordamerika stammende Waschbär ist sogar eine invasive Art. Das wiederum hat jedoch zur Folge, dass eingefangene Tiere nicht wieder ausgesetzt werden dürfen. In Berlin führt dies beim „Waschbären-Management“ zu ganz eigenen Problemen, wie die Biologin berichtet. Es werden viele Welpen und verletzte Tiere gefunden, die dann in einer überlasteten Auffangstation in Brandenburg landen. Die Zahl der dort betreuten Tiere wächst, und Waschbären werden zudem auch noch alt.
