Das zweite Leben von Luisa fing vor zwei Jahren und zehn Monaten an. Seitdem ist sie wohnungslos. Ihre Tage verbringt sie in der Wiesbadener Teestube, einer Tagesaufenthaltsstelle für schutzbedürftige Menschen. Ihre Nächte in einer Notunterkunft – „mit Alkohol- und Drogenjunkies“, wie sie sagt. Davor lebte sie mit ihrem Verlobten zusammen, bis dieser gewalttätig wurde. „Er hat versucht, mich umzubringen.“ Sie sei mithilfe der Polizei entkommen. Eine eigene Wohnung hat sie seitdem nicht mehr gehabt. Die Teestube wurde ihr in dieser Zeit zum Zufluchtsort.
Seit März hat die Regionale Diakonie Wiesbaden Rheingau-Taunus die Teestube offiziell um einen FLINTA*-Bereich erweitert. Das Kürzel steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtlich, nicht binäre, trans* und agender Personen – agender beschreibt Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Der FLINTA-Bereich ist also ein Stockwerk für Menschen, die besonders schutzbedürftig sind. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes lag 2025 unter Wohnungslosen, die in Wohnheimen oder Notunterkünften unterkamen, der Frauenanteil bei 43 Prozent. Insgesamt wurden zum Stichtag Ende Januar 2025 rund 470.000 Personen in Einrichtungen für Wohnungslose gemeldet.
In der Teestube seien die meisten Besucher männlich, sagt Einrichtungsleiter Matthias Röhrig. Aus diesem Grund habe man vor 25 Jahren begonnen, ein wöchentliches Frühstück nur für Frauen auszurichten. „Damit sie sich vernetzen und austauschen können“, so Röhrig. Als dann vor einigen Monaten die Notunterkunft mit zwölf Schlafplätzen im zweiten Stock aus finanziellen Gründen geschlossen werden musste, entschied die Einrichtung kurzerhand, daraus einen FLINTA*-Bereich zu machen. Dieser ist an drei Tagen in der Woche tagsüber geöffnet. Das Frühstück findet weiterhin jeden Mittwoch statt.
Das Frauenfrühstück
Beim Blick auf die Frauen, die an diesem Mittwoch im Mai am Frühstückstisch sitzen, fällt zuallererst auf: Viele haben aufwendig gestylte Fingernägel. Manche sind knallpink, andere dezent bräunlich beige, aber alle sind lang und spitz zulaufend. Sie wurden von Zaira gemacht, die einmal in der Woche eine Maniküre anbietet. Wenn sie ihren Namen aufschreibt, dann in großen Buchstaben und mit Herzchen auf dem „i“. Zaira nenne sie aber kaum jemand, sagt sie. Ihr Spitzname laute „Shakira“, weil sie eine Weile lange Locken hatte und aus Kolumbien stammt – eben wie die berühmte Popsängerin.
Die Shakira in Wiesbaden ist 46 Jahre alt und arbeitet als Pflegerin. Sie war selbst eine Weile wohnungslos, trank damals auch zu viel, wie sie sagt. Weil die Sozialarbeiterinnen in der Teestube ihr seinerzeit halfen, nahm sie sich vor, etwas zurückzugeben.

Auch Luisa ist an diesem Tag beim Frauenfrühstück. Sie ist etwas stiller als die anderen, beobachtet das Geschehen vor allem durch die Gläser ihrer Brille. Die Lauteste an diesem Tag ist Tina. Ihre spitzen Fingernägel fliegen ebenso durch die Luft wie ihre Kraftausdrücke. Die Situation von Luisa macht sie wütend. Luisas Vater unterdrücke seine Tochter.
Ihr Vater, so erzählt es Luisa, wolle, dass sie einen gesetzlichen Betreuer bekommt. Doch Luisa möchte selbständig bleiben. Als sie mit 16 Jahren ohne Abschluss von der Schule abging, konnte sie weder lesen noch schreiben noch rechnen. Manch ein Lehrer sagte ihr damals, sie sei dumm. Doch sie wollte das Gegenteil beweisen. Mit 30 Jahren brachte sie sich das Lesen und Schreiben selbst bei. Heute ist sie 34. Seitdem kann sie ihre Anträge auf Unterstützung selbst ausfüllen. „Ich bin selbständig und stolz darauf.“ Sie will Fuß fassen: eine eigene Wohnung und einen Job, am liebsten in der Pflege oder als Rettungssanitäterin.
Besonders schlimm findet sie die Nächte in der Notunterkunft. Dort werde viel geklaut. Wenn sie schlafen geht, nutzt sie ihren Rucksack als Kopfkissen – darin ihr Handy, ihr Portemonnaie und Hygieneartikel. All das, was am ehesten gestohlen wird, aber am wenigsten abhandenkommen darf. Am Morgen hat sie deshalb oft Nackenschmerzen.

In der Teestube sei das Wichtigste, zuzuhören, sagt Sabine Rasch, die seit drei Jahren dort arbeitet. „Die Frauen können sich hier ausheulen.“ Es werde oft sehr emotional. Die Nachfrage nach dem Angebot „wächst und wächst“, so Rasch. Das größte Problem sei dabei das Personal. Die Angebote in der neuen FLINTA-Schutzzone müssten die Mitarbeiter zusätzlich schultern, was die Kapazitäten stark belaste.
Wenn Rasch nach der größten Herausforderung für Frauen auf der Straße gefragt wird, antwortet sie mit einem Wort: „Männer.“ Die seien gnadenlos, würden Frauen zusammenschlagen oder vergewaltigen. Auch deshalb sei ein eigener Bereich so wichtig. Als Rückzugsort, an dem sich Frauen und andere Schutzbedürftige ausruhen und reden könnten – und an dem ihnen jemand zuhöre.
Nach dem Frühstück bleibt Luisa am Tisch sitzen und beugt sich tief über einige Dokumente. Sie will noch neue Anträge auf ihre Grundsicherung ausfüllen. Am Ende des Monats sei das Geld manchmal knapp, dann könne sie nicht mehr zu Tchibo gehen, sagt sie. Das sei ihr Lieblingscafé. Den Angestellten dort sage sie dann vorab Bescheid, damit sie sich keine Sorgen machten – sie komme schon wieder. Ihre restliche Zeit tagsüber verbringt sie am liebsten in der Teestube beim Schachspielen. Auf die Frage, wann sie begonnen habe, Schach zu spielen, nennt sie den Zeitpunkt, an dem so vieles für sie neu begonnen hat: „Vor zwei Jahren und zehn Monaten.“
