Es gibt Songs, die ins Ohr einschlagen, die die Menschen völlig unvorbereitet treffen und dazu führen, dass Passanten mit offenem Mund auf eine Bar starren, aus der ebendieser Song an einem ruhigen Frühlingsabend herausschallt. „All I Need Is Your Love“ ist so ein Stück: einer der schönsten Countrysongs des 21. Jahrhunderts. Geschrieben hat ihn ein Countrysänger aus Tennessee namens Jason Lee Wilson, aufgenommen hat er ihn aber nicht in Memphis oder Knoxville, Tennessee, wo er lebt, sondern – in Berlin. Wie kommt das, dass jemand aus Tennessee nach Deutschland reist, um den perfekten Countrysong zu produzieren?
Lange Geschichte, sagt Wilson. Er sitzt auf einer Bank vor einer alten Scheune im Zentrum des kleinen Ortes Greenback in Tennessee. Es ist sonnig und still an diesem Südstaatenmorgen, man hört ein paar Vögel und dann ein dunkles Grollen, das wie der Ruf eines Löwen in der Savanne klingt. Natürlich gibt es keine Löwen hier, und das Grollen stammt aus dem Motorraum eines alten Chevrolet Pick-Ups, der kurze Zeit später auf eine kurzgemähte Wiese gegenüber vom einzigen Diner der Kleinstadt rumpelt.
Klassische Musiker verstehen, warum Countrysongs die Leute berühren
Ein Mann mit langen weißen Haaren und Thermo-Pride-Jacke steigt aus und baut auf der Ladefläche selbstgeschnitzte Holzlöffel auf: Mittags findet hier ein Markt statt. Er grüßt Wilson, und der winkt zurück. Jeder kennt ihn in Greenback. Wilson ist ein Star hier und sieht auch aus wie einer: kariertes Hemd, große Gürtelschnalle, zurückgekämmtes Haar nach Rockabilly-Art, gepflegter Bart, Cowboy-Style.
Woran liegt es, dass Zuhörer auf der ganzen Welt so sehr berührt werden von diesem Song, dessen Text davon handelt, wie einer seine Zeit verschwendet hat, Fehler machte, sich ein Loch grub, aus dem er kaum noch herauskommt, und der hofft, dass ihn eine Liebe rettet, die stärker ist als all das? Es ist nicht nur die Ultradramatik des Textes; es ist vor allem die außergewöhnliche Klarheit und Innigkeit von Wilsons durch den Raum wehender Stimme, die sparsame Instrumentierung und die Komposition des Songs, zu der auch klassischen Musikern viel einfällt: Stephan Koncz, Cellist bei den Berliner Philharmonikern, Komponist und berühmt für seine klugen Einführungen in das Werk von Musikern wie Schönberg, sagt, Wilsons Song sei „kompositorisch durchaus in die Nähe eines Schubert-Liedes zu stellen“.
Man hört Echos von Schubert
Die hypnotisch wiederkehrenden Harmonien, so Koncz, seien „ähnlich einer barocken Passacaglia in einem Händel-Lamentoso, wo der Kontrabass mit dem Bogen gestrichen und nicht wie üblich gezupft“ werde. Die Emotionalisierung, die Stimmung des Songs zwischen Verzweiflung und Hoffnung wird durch die Spannung zwischen der „tragischen“ Tonart B-Moll und der Paralleltonart Des-Dur in Refrain erreicht: In der Musikgeschichte von Beethoven bis Brahms habe es immer wieder diese emotionalisierende Terz-Verwandtschaft gegeben, erklärt Koncz. Der scheinbar einfache Song spanne mit seinen Kunstmitteln einen großen zeitlichen Bogen über mehrere Jahrhunderte tief in die klassische Musikgeschichte hinein.
Wilson hat Lieder geschrieben, die den Urgeist von Country wiederbeleben. Er mag Pathos: Seine Songs reißen das Fenster weit auf, nichts ist daran klein und verdruckst wie das ganz in einem entnervenden Tralala-Pop aufgeweichte Gesinge aus den sogenannten Country-Charts, wo sich viele Sänger ihre ausgeleierten Liebesschwüre beim Singen selbst nicht zu glauben scheinen. Wilsons Texte dagegen: erzählen von der Einsamkeit und der Weite, von Hoffnungsvollen und Verlassenen, von Kämpfern und ihrem Glauben, an dem sie sich in den kalten Momenten des Lebens festhalten. Seine klare und manchmal warme, manchmal scharfe, zwischen Klage und Zuversicht modellierende Stimme scheint mit einem leichten Hall aus einer Ferne zu kommen, in der die ersten europäischen Siedler vor der Weite und der Schönheit einer endlosen Landschaft von Wäldern und Prärien erschraken, weil sie eine größere Welt und einen Maßstab kennenlernten, den es in Europa nicht gab.

Dass diese Welt, die sie dort vorfanden, nicht leer, sondern von Menschen besiedelt war, ist etwas, das von klassischen Countrysängern meistens nicht erwähnt wurde. Bei Wilson ist das anders – vielleicht auch, weil in den Adern dieses Mannes, der aussieht wie der Archetyp eines Cowboys, Cherokee-Blut fließt. Hier die Cowboys, dort die Indianer? So einfach, wiederholt Wilson, wie es scheint, ist es nicht.
Wir hatten New York gegen Mittag verlassen. Im Autoradio lief „Believe“ von Amen Dunes, als wir auf den Pulaski Skyway fuhren, von dem aus man die alten stählernen Brücken wie schwarze Skelette aus einer vergangenen Epoche des Stahls und des Rußes über den Wetlands von New Jersey balancieren sieht und dann, an der Interstate 78, die riesigen Hallen von Amazon und die Rechenzentren, die Fabriken der digitalen Industrie.
Die Fahrt nach Tennessee ist auch eine Fahrt durch die Geschichte Amerikas
Man muss von Manhattan 1700 Kilometer fahren bis zu Wilson, gut elf Stunden lang. Man könnte natürlich fliegen, aber kann man ein Land im Drüberfliegen verstehen? Am Seitenfenster zogen Schilder vorbei, Food Exit 12, Dunkin Donuts, der weite amerikanische Himmel, die Staffelung der Wolken, am Straßenrand lagen zerfetzte Lkw-Reifenteile, die an abgestürzte Vögel erinnerten, und dazwischen echte Roadkills, eine beunruhigende Menge überfahrener Tiere, Katzen, Waschbären, Rehe.
Die Orte hier heißen, in der Reihenfolge: Bethlehem. Quakertown. Emaus. Das christliche, ländliche Amerika. Es tauchen rote Holzhäuser auf und weiße Farmen, Werbung für Schaffellmäntel, dann Stadtnamen, die ans Heimweh und die Zukunftshoffnungen der Auswanderer erinnern: Hamburg, Pennsylvania. Progress Avenue. Dann tauchen die Blue Ridge Mountains auf, die im dunstigen Licht tatsächlich blau aussehen und noch in den hintersten Winkeln der ganzen Welt bekannt sind, seit John Denver sie in der Ballade „Take Me Home, Country Roads“ besang, die zum Countrysong des 20. Jahrhunderts gewählt wurde und seit 2014 die offizielle Hymne von West Virginia ist. „Almost heaven, West Virginia, Blue Ridge Mountains, Shenandoah River“: Man fährt gewissermaßen den Song entlang nach Süden.

Irgendwann werden die Straßen schmaler, kleine Backsteinkirchen tauchen auf, die Briefkästen am Straßenrand recken sich mit ihren Hälsen wie hungrige Tiere nach frischer Post. Und dann ist man schon mittendrin im Heartland von Amerika, in Greenback, das gerade mal etwas mehr als tausend Einwohner hat, in der Nähe der Smoky Mountains, genannt: die Smokies. Vor dem Greenback Diner mit seiner grünen Jalousie parken ein paar Pick-up-Trucks, daneben das Greenback Museum und Mc Call Hardware – das ist die Ladenstraße, das Ortszentrum. Die schläfrige Schönheit, das Friedliche eines Tennessee Morning: Auf der Bank vor einer Scheune sitzen, reden, Wolken ziehen in die Tiefe der Landschaft hinein, ein paar Fliegen summen herum, nur manchmal taucht ein Auto mit bollerndem Motor auf und verschwindet wieder auf den leeren Landstraßen, hinter Feldern und Wäldern.
Die Begegnungen der Siedler mit den Stämmen war nicht nur kriegerisch
Tennessee hat viel Natur, das mag er hier, sagt Wilson. Geboren wurde er 1979, aufgewachsen ist er in Monteagle, dem Ort, an dem nach 1830 der Trail of Tears vorbeiführte, die Vertreibung der Cherokee, die auf Druck europäischer Siedler zwangsumgesiedelt wurden. Wilson verbrachte seine Kindheit in dieser Gegend, studierte erst Physik, dann Kunst und schließlich Autodesign – was er für die Musik aufgab, weil er wegen der neuen Sicherheitsanforderungen eh keine Neuauflagen der Straßenkreuzer mit ihren schönen Panoramascheiben entwerfen konnte, die er so mochte. Schon als Kind hatte er Musik der Fünfziger- und Sechzigerjahre gehört. Sein Opa schenkt ihm „Streets of Laredo“, der Song „Black sheep of the Family“ prägt ihn und die Bluegrass Music. Wilson ist das, was man in Deutschland einen typischen Amerikaner nennen würde – aber amerikanisch bedeutet eben auch: Seine Mutter hat Vorfahren aus der Gegend bei Perugia, die später nach Amerika ausgewandert sind, die Vorfahren seiner Großmutter, die jetzt neunzig ist, kommen aus dem Schwarzwald und hießen Schleicher – und gleichzeitig trägt sie das Erbe der Cherokee in sich. Italo-german-native-American… Sie war eins von sieben Kindern, alle spielten Instrumente, sangen zum Banjo und sonntags in der Kirche.
Es war soviel gute Energie in der Musik von Chuck Berry oder Johnny Cash
Was ihn noch mehr prägte, waren: Carl Perkins, Roy Orbison, Chuck Berry, Buddy Holly. „Es gab einen Moment, da machten alle Rockabilly“, sagt Wilson, „Elvis, die Beatles, die eine Skiffleband waren, selbst Johnny Cash: alles Rockabillies. Dann erst teilt sich das Feld auf in Rock ’n’ Roll, Beat, Country.“ Was mag er an diesem Rockabilly-Moment so? „Da war viel Positivität in der Musik“, sagt Wilson, Energie, Unmittelbarkeit. Was dann die Neo-Rockabilly-Bewegung wiederbelebte, die Stray Cats, die Delta Bombers. In diese Liga muss man auch Wilson zählen. „Alles in diesem Land ist fat-driven“, sagt er – zu saturiert, zu fett, zu aufgeweicht, zu kommerziell. Die „outlaw country music“ wollte zurück zu den Wurzeln des Country, zu einer Musik, die Geschichten erzählt, zur Reinheit des Sounds, ohne das Überproduzierte, ohne die reingeschmierten Synthie-Geigen.
Er bringt den Geist von Rockabilly zurück in die Country-Musik
Und Deutschland? Es war der Plan, Autodesigner zu werden, der ihn nach Deutschland gebracht hatte und schließlich auch nach Berlin, wo es für Autofans nicht viel zu sehen gibt – aber dafür gute Tonstudios und eine Atmosphäre, die ihn an Memphis erinnerte, sagt Wilson: nicht reich, ein bisschen kaputt, ein bisschen chaotisch von der Architektur her. In Berlin nahm er auch „All I need is your love“ auf, den Song, den er schon vor Jahren schrieb, aber jetzt als 45er Single in Vinyl neu aufgelegt hat: Der Rhythmus erinnert an den eines langsamen trabenden Pferdes, die Instrumentierung ist so karg wie die Einrichtung einer alten Farm im Wilden Westen, dazu kommt die leichte Synkopierung, die Verzögerung der Worte und ein Text, bei dem man eine Ahnung bekommt von den Lebensdramen, die der Sänger beschwört: Ernest Hemingway hat diese Ästhetik, die nur ein Detail erwähnt und das Nichtgesagte und Nichtsagbare in Schemen ahnbar macht, mit seiner „Iceberg Theory“ beschrieben; man sieht nur die Spitze und stellt sich umso lebhafter vor, was alles im Unsichtbaren liegt.

Wilsons Frühwerk, der Song „Devil’s Waltz“, ist noch vom Schmerz des New Wave und der Weltwut des Punk geprägt: „I don’t want to be the one / To stand around and hold the gun /While you dance, to the devil’s waltz“, heißt es da. Die Klage, keine wahre Liebe zu finden, trifft auf religiöse Erlöservisionen („Hey Rainmaker, put the thunder in the sky /Fear in the hearts, fire in the eyes“), und die Geschichte der Verbrechen gegen die Cherkokee scheint immer wieder durch, wie in Wilsons Song über das „Heart like mine“: „It’s cold as ice and it feels little pain / Hears my people calling up from the grave“. Den Song „All I need is your love“ schrieb er schon 2009 in Monteagle. Hier hat er ein paar Jahre später seine Frau getroffen, eine Austauschstudentin aus Kroatien, die ihn proben hörte. Jetzt haben sie eine kleine Tochter. Mag sie seine Musik? Er sagt: er hoffe es. „Obwohl sie manchmal sagt: Papa, no lala.“
Hier fand einst der „Trail of Tears“ statt
Es ist Mittag, wir gehen in den Diner. Fühlt er sich als Countrysänger mit Cherokee-Blut den Cowboys näher oder der „First Nation“? – „Zehn Meilen von hier war das Zentrum der Cherokee Nation“, sagt Wilson. „Dies war mal der ‚Westen‘. Dann wurden die Cherokee nach Süden vertrieben. Monteagle war der letzte Ort, wo die Cherokee lebten, bevor sie nach Oklahoma vertrieben wurden.“ Seitdem waren die europäischen Siedler und die vertriebenen Stämme Feinde, vorher war das anders, sagt Wilson. „Das ist ein Teil der Geschichte, der bis heute selten erzählt wird. Die Engländer nahmen Mitte des 17. Jahrhunderts Kontakt auf mit den Cherokee. Nach 1780 verhandelten die Amerikaner mit verschiedenen Natives, es gab Verträge, einige, die Creeks etwa, hielten zu den Briten, andere verbanden sich mit den Amerikanern, auch die Cherokee. Der 1765 geborene Cherokee-Führer Wahya-Tsi etwa kämpfte unter General Andrew Jackson auf Seiten der Amerikaner erfolgreich gegen Creek und Engländer. Als der Krieg vorbei und Jackson Präsident war, ließ er seine ehemaligen Cherokee-Mitkämpfer vertreiben.“
Wilson hat den Song „Wah-Yah-Tsi“ über diesen Verrat geschrieben, über die Vertragsbrüche der Siedler. Wenn er ihn singt, was sagen die Leute? „Sie sagen, dass sie es nicht wussten. Das wird dir in der Schule nicht beigebracht. Ich habe spät erfahren, dass ich einen Cherokee-Vorfahren hatte, der im Krieg von Creeks umgebracht wurde. An diesem Punkt der amerikanischen Geschichte waren die Stämme schon sehr assimiliert, der Anführer der Creek war Sohn eines schottischen Kriegers.“

Wilson schaut nach seinem Freund, der draußen seinen Marktstand aufbaut. „Es war ein Deutscher unter meinen Vorfahren“, sagt er dann, „der in den Apalachen eine Cherokee heiratete. Es stimmt, dass die Cherokee vertrieben worden waren, aber bevor das passierte, hatten sie sich schon mehr gemischt mit den weißen Siedlern, als in den Schwarz-Weiß-Darstellungen des Kampfes von ‚Cowboys gegen Indianer‘ zugegeben wird. Wenn deine Haut hell genug war, bliebst du auch als Cherokee. Und diese Leute blieben.“
Ist Wilson ein „Native American“?
„Man muss für sich klären, ob das eine Frage behördlicher Regulierung ist oder eine spirituelle Frage“, sagt er. „Es hat mit deiner Seele zu tun. Du suchst nach Schönheit, du suchst nach dem Rest von diesem Eisberg. Du findest Spuren überall und kannst sie nicht immer klar lesen.“
Jetzt kommen neue Siedler in die Gegend, sagt er: Viele ziehen aus Kalifornien oder Michigan nach Tennessee, vor allem seit der Corona-Pandemie; der ehemalige wilde Westen wurde zum inländischen Auswanderungsziel, der Countrymythos zieht Leute an und auch die Country-Musik, deren Themen – selbstbestimmt leben, mit Einsamkeit, Gefahr und großen leeren Räumen umgehen können – plötzlich eine seltsame Aktualität bekamen. Tennessee sei während der Pandemie-Panik relativ liberal gewesen, erzählt Wilson, er konnte weiter Konzerte spielen, aber „viele Venues gingen kaputt“. Und viele Unternehmen.
Vor Obama habe hier die Immobilienkrise von 2008 reingehauen, „alle litten darunter, und Obama änderte nichts. 2008 und die Folgen waren tough. Trump sagte 2016, ich schaffe Jobs, und als er rankam, gab es Jobs, weil die Leute an ihn glaubten und wieder investierten, weil er sagte, ich werde das machen, er hatte nur eine Stimmung geschaffen. Nichts getan… nur etwas gesagt.“ So sehen sie den Präsidenten in Tennessee.
Von hier sind es noch mal gut sechs Stunden nach Memphis, nach Knoxville ist es nur eine halbe Stunde. Dort gibt es noch einen General Store wie früher, wo Messer der Marke Winkler für 350 Dollar verkauft werden, die aussehen, als könnte man einen Bison damit zweiteilen, und ein Buch mit dem Titel „The Illustrated Art of Manliness“; zwei sehr weiße Cowboys mit Schnurrbart geben sich auf dem Cover so männlich wie möglich die Hand, die Waffen stecken im schussbereit im Halfter. Wenn man Wilson hört, ahnt man, dass Amerika etwas anders war und ist.
Jason Lee Wilson: „All I need is your Love“. 45er Vinyl-Single, Canoe Records.
