Die Sonderlinge sind unter uns. Sie laufen in der Stadt an uns vorüber, irritieren unsere Sinne kurz durch ein wunderliches Kleidungsstück oder einen rätselhaften Satz, den wir aufschnappen, und sind hinter der nächsten Ecke verschwunden. Sie ziehen die Blicke im U-Bahn-Waggon auf sich, durch befremdliche Mimik oder eine kuriose, etwas zu laut aufgesagte Sprachnachricht, die noch nachklingt, wenn wir schon wieder ausgestiegen sind. Sie begegnen uns allerorten und passen doch nirgendwo richtig hin. Der winzige Ausschnitt, dessen wir gewahr werden, reicht längst nicht aus, um uns ihr Leben auszumalen, doch es dürfte sehr anders aussehen als das unsere. Das jedenfalls hoffen wir, auch wenn wir womöglich selbst ein wenig sonderlich sind.
Bei Jonas Schulze aber sieht es anders aus. Unter den recht sonderlichen Figuren der Fernsehserie „Die Discounter“ ist Jonas die sonderlichste, und sein Dasein liegt in beklemmender Weise vor den Zuschauern offen. Und zwar selbst dann, wenn diese nur ein paar Folgen der Serie bei Prime Video gesehen haben: Die wenigen Minuten, die uns Einblicke in seine Existenz gewähren, reichen völlig, um uns den ganzen bestürzenden Rest auszumalen.
Im fiktiven Hamburger Discounter-Markt „Feinkost Kolinski“ ist Jonas angestellt als Ladendetektiv, und die Arbeitsvermittler, die ihn auf diese Idee brachten, dürften bis heute vor Lachen unterm Bürotisch liegen: Eine krassere Fehlbesetzung ist kaum denkbar. Jonas ist ein zartes, unbeholfenes Kerlchen in schreiend unmodischen Klamotten, tief verunsichert im Berufs- und im sonstigen Leben, geschlagen mit leichtem Lispeln und dem Tick, angestrengt zu blinzeln. Als Zuschauer kann man viel lachen über den kauzigen, leicht beschränkten Jonas – und sich zugleich ein bisschen schämen, denn im Grunde müsste man diesen verletzlichen, herzzerreißend einsamen Typen mit dem scheuen Blick in den Arm nehmen, ihn rausholen aus dieser Serie, die stets die peinigendste Pointe sucht, und ihn schützen vor jeglichen Mitmenschen. Allen voran vor dem Marktleiter Thorsten. „Woher kommt denn das eigentlich, dieses Embryohafte, was er hat, dieses völlig Lebensunfähige“, sinniert dieser Thorsten einmal, der für Jonas wie ein Vater ist – das allerdings zuweilen im alttestamentarischen Sinne: übermächtig, angsteinflößend und grausam.
Ein Sinnbild der Verlorenheit
Merlin Sandmeyer, der den Jonas spielt, schont weder die Zuschauer noch sich selbst. Er trägt hässliche Jeanswesten und Dreiviertelhosen oder, wenn er feiern will („Heute ist einfach ein guter Tag“), einen schlecht geschnittenen, viel zu großen Anzug. Sollen die „Discounter“ im quälenden Teambuilding-Workshop Partnerübungen machen, ist es Jonas, der allein bleibt. Er küsst seine Mutter, die ihn im Laden besucht, auf den Mund, er bricht, wenn ihm wieder übel mitgespielt wird, in Tränen aus, und als er, der sich seine Homosexualität nur zögerlich eingesteht, sich im reifen Alter von 41 auf seinen ersten Liebesakt einlässt, endet auch das im Desaster, Stichwort: Analdusche. Trockener Alkoholiker in latenter Rückfallgefahr ist er auch noch. Wenn der Ladendetektiv sich auf dem Kinderschaukel-Helikopter des Supermarkts postiert, ist das ein tragikomisches Sinnbild der Verlorenheit.
Merlin Sandmeyer und Jonas Schulze aber, das passt – auf fast schon unheimliche Weise. Dabei hatten die jungen Serienmacher, Oskar und Emil Belton sowie Bruno Alexander, erst befürchtet, dass Sandmeyer für die Rolle zu cool sein könnte; das Casting aber zeigte, dass er auch extreme Uncoolness draufhatte. Der Rest ist Geschichte, und zwar im Wortsinn: Mit der vierten Staffel, die im November 2024 herauskam, endete „Die Discounter“. Für Merlin Sandmeyer aber ist es mit Jonas nicht vorbei; der hat in seinem Leben ungewohnt selbstbewusst Platz genommen und macht noch keine Anstalten, sich zu verziehen.

„Ich werde sehr oft mit Jonas angesprochen“, erzählt Sandmeyer beim Gespräch an einem Außentisch eines Hamburger Cafés. „Ich finde das ein bisschen rätselhaft.“ Die Verwirrung der Menschen dürfte zum Teil darin begründet sein, dass „Die Discounter“ wie zuvor schon „Stromberg“ im Stile einer Mockumentary gedreht ist und die Protagonisten ihre weitgehend improvisierten Sätze regelmäßig in die Kamera einer vermeintlichen Dokumentar-Crew sprechen, die sie begleitet: „Die denken nicht, dass das fiktional ist“, sagt Sandmeyer. Zum anderen wirken die Charaktere bei aller Überzeichnung für eine deutsche Serie bestechend real. Manchmal, so Sandmeyer, stelle ein „Discounter“-Fan verwundert fest: „Hä, du sprichst ja ganz normal, du hast gar nicht diese Ticks.“
Auch am Nachmittag unseres Interviews wird Sandmeyer, der in seinem sorgsam abgestimmten Look aus dunkelblauem Mantel, Jeans und Strickmütze nicht nur modisch meilenweit entfernt von Jonas ist, angesprochen – von einem Vater, der ein Autogramm für seinen Sohn möchte. „Vielleicht kostet es die Leute weniger Überwindung, weil die Figuren so nahbar sind“, sagt Sandmeyer, der die meisten solcher Begegnungen als „schön, respektvoll und total positiv“ bezeichnet. Eine wundersame Seite der neuen Popularität erlebte er, als sich im Fasching Leute als „Discounter“-Charaktere verkleideten. Nur manchmal, erzählt er, etwa wenn „abends auf St. Pauli eine gewisse Klientel unterwegs ist, die schon einen im Tee hat, dann merke ich, dass ich jetzt die Straßenseite wechseln sollte“.
Acht Umzüge in acht Jahren
In St. Pauli hat Sandmeyer mal gewohnt; inzwischen lebt er wieder dort, wo er sich in der Stadt am wohlsten fühlt, im Schanzenviertel. In acht Jahren Hamburg ist er achtmal umgezogen, was mit dem schwierigen Wohnungsmarkt zu tun hat und mit veränderten Lebensumständen, vor ein paar Jahren ist er Vater eines Sohns geworden. Es läge sonst nahe, eine weitere Parallele zwischen dem Schauspieler und seinen Figuren zu vermuten, die in ihrer Umgebung kaum je zu Hause wirken, was mal tragisch wirkt und mal lustig und manchmal beides zugleich.
Ausschließlich lustig waren seine Auftritte im erfolgreichsten deutschen Film des vergangenen Jahres, Bully Herbigs „Das Kanu des Manitu“. Wer anders als Sandmeyer hätte in diesem Spaßwestern, dessen Protagonisten Ranger, Bullet oder Dynamite heißen, einen Mann namens Wolfgang spielen können? Als treuherziger Komparse trabt dieser Typ stets ein wenig neben der Handlung her und sorgt für comic relief in einem Werk, das ohnehin schon eine Komödie ist. Im deutschen Film, könnte man sagen, ist derzeit niemand so perfekt deplatziert wie Merlin Sandmeyer. Findet er sich in ihnen wieder, all diesen verlorenen Gestalten, denen er sein Gesicht leiht? „Aktuell sehr. Es ist extrem zerreißend, wenn man sich die Welt so anguckt. Ich tue mich schwer, mich da zurechtzufinden“, antwortet er. Und fügt hinzu: „Vielleicht muss man das auch nicht.“

Auch auf der Bühne – Sandmeyer gehörte zu den Ensembles der Wiener Burg und danach des Hamburger Thalia Theaters – habe er häufiger als die schönen Helden oder den Liebhaber die Antagonisten gespielt. Oft eher die gescheiterten Figuren. „Finde ich grundsätzlich auch interessanter“, sagt er. Dem Publikum ging es ähnlich. Sandmeyer fiel auf, gern auch durch waghalsigen Slapstick; zur entsprechenden Körperbeherrschung hatten ihm Jugendjahre im exotischen Leistungssport Kunstradfahren verholfen. „Er ist Konstrukteur und verfügt über eine Präzision, die er dann während der Aufführung dekonstruiert und seine Figuren dadurch verwandelt in scheinbar nicht perfekte Darstellungsdilettanten, in Tollpatsche, Stolperer und Taumelnde“, pries ihn als Laudator der Dramaturg Matthias Günther, als Sandmeyer 2019 den Boy-Gobert-Preis bekam; mit seinem Körperspiel liefere er „den Gegenentwurf zum Ästhetizismus der Warenwelt“.
Auf der Bühne des Hurricane-Festivals
Das ist durchaus ein Statement in Zeiten, in denen so viele stark und strahlend wirken wollen, gerade auf Social Media. „Die Leute bürden sich dieses Hochglanzding ja auf“, sagt Sandmeyer. „Doch darunter steckt noch viel anderes.“ Paradoxerweise hat sich die glitzernde Warenwelt Sandmeyers Image der Imperfektion längst zunutze gemacht. In stark an „Die Discounter“ angelehnten Spots für „Mein Einkaufsbahnhof“ versuchte sich Sandmeyers Figur – selbstredend erfolglos – in verschiedenen Bahnhofsjobs. Später heuerte er bei einem echten Discounter an, für den er in einem millionenfach geklickten Video im Sprechgesang echte Kundenkommentare vortrug: „Die vegane Bolo von Lidl ist so smash, möchte mich reinlegen.“ Auch diese Tür hatte wieder Jonas aufgestoßen, dessen aus der Serie geborene Rap-Nummer „Party in Billstedt“, wie Sandmeyer berichtet, „total durch die Decke“ ging: „Letztes Jahr bin ich damit als Jonas vor 50.000 Leuten beim Hurricane-Festival aufgetreten, das war schon cool.“
Auch Wolfgang aus dem „Kanu des Manitu“ hat mithilfe von Max Mutzke und Stefan Raab sein eigenes Musikvideo bekommen. „Merlin Sandmeyer ist einfach von ’nem anderen Stern“, staunt ein Youtube-Nutzer – und dass sie diesen freundlichen Alien so ins Herz geschlossen hat, wirft womöglich ein anderes Licht auf eine Jugend, der ein Hang zur Stromlinienförmigkeit und Selbstoptimierung nachgesagt wird.
In Wahrheit hat Sandmeyer auf seinem Weg keine Lichtjahre überwinden müssen: Er kommt aus Altenkessel am Stadtrand von Saarbrücken. Und die Bühne ist ihm schon bereitet gewesen: Ein Großvater war Oberbeleuchter am Landestheater, die Großmutter Kostümbildnerin, die Mutter Balletttänzerin, der Vater Bühnenmeister. In der Requisite ist der kleine Merlin aber nie herumgeturnt, denn als er 1990 geboren wurde, war der Vater schon als Aufnahmeleiter zum Fernsehen gewechselt; im Studio durften die Söhne bei Übertragungen von Sport- und Nachrichtensendungen dabei sein.
Mit seinem Bruder plant er gerade eine Serie
Die schauspielerische Initiation besorgten dann der drei Jahre ältere Bruder Fridolin und sein Kumpel, die Merlin beim Spielen schon damals die abseitigeren Rollen aufdrückten: Burgfräulein, Pony, Esel. Schauspieler ist, einige Jahre vor seinem Bruder, auch Fridolin Sandmeyer geworden, und den Jüngeren hat es einst einige Überwindung gekostet, ihm mitzuteilen, dass er ihm nacheifern wollte.

Seinen Bruder hat Merlin Sandmeyer dann auch zu den „Discountern“ geholt und der Serie damit eine weitere Grenzüberschreitung ermöglicht – denn die beiden sind auch dort Brüder, allerdings ohne dies zu wissen, und verlieben sich ineinander. 1997 in den „Comedian Harmonists“ hatte sich Ben Beckers Figur in die junge Frau verguckt, die seine Schwester Meret spielte; sorgte deren geschwisterlicher Filmkuss seinerzeit für Aufsehen, wirkt er heute ausgesprochen unschuldig neben der ausgewachsenen inzestuösen Sexszene, welche drei Jahrzehnte später die Brüder Sandmeyer darbieten.
Wie das die Familie fand? „Wir hatten sie ein bisschen vorgewarnt, aber wir kennen unsere Eltern“, sagt Merlin Sandmeyer. „Die sind für jeden Quatsch zu haben und ja auch selber schuld, dass sie uns haben machen lassen, was wir wollen.“ Mit dem Bruder plant er gerade eine Serie, welche sowohl die familiäre Verbindung als auch die berufliche Konkurrenz ausloten soll. „Wir wissen ja beide, wie es läuft, und gehen da immer ehrlich miteinander um“, erzählt Sandmeyer. „Er ist mein Bruder, aber auch mein bester Freund.“
Mit dem Ruhm hat sich für Merlin Sandmeyer „eine Welt aufgetan, die erst mal überfordernd ist“. Er habe sich daran gewöhnen müssen, dass „die Leute etwas in einen projizieren“. Am Tag vor unserem Treffen hat er einen Termin beim NDR gehabt, „und da wurde ich gewonnen“, erzählt er. Bei einem Hörspielwettbewerb für Schüler war der Preis „im Prinzip ein Meet & Greet mit mir. Und ich schleiche mich dann aus meiner Wohnung in dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde, und denke: Das passt gerade auf eine Art gar nicht zusammen.“
Was seine Karriere betrifft, ist Sandmeyer heute allerdings entspannt: „Es läuft gerade, ich bin schon ganz okay präsent. Und ich merke mittlerweile auch, wie sich Dinge auftun, von denen man es gar nicht gedacht hätte.“ Rollen des „scheiternden Trottels“ reizten ihn „gerade nicht mehr so sehr. Das ist momentan etwas auserzählt für mich persönlich.“ Stattdessen spielt er nun häufiger Bösewichte, weniger sonderlich, doch immer noch auffallend genug, einen sadistischen Aufseher etwa in der Historienserie „Schwarzes Gold“, einen Entführer, der eigentlich einen Freund sucht, in einer Episode von David Schalkos „Warum ich?“ oder – in einem Film, der im Herbst ins Kino kommt – Max Grundeis, den Gegenspieler von „Emil und den Detektiven“. Mit Sandmeyer kehrt der Schnurrbart zu Grundeis zurück; Jürgen Vogel hatte ihn vor 25 Jahren bartlos gespielt.
Besagter Schnurrbart übrigens ist, als wir Sandmeyer im Café an der Schanze treffen, nur ein hauchzarter Flaum; eine drehfreie Phase hat er dazu genutzt, ihn „nach 15 Jahren abzurasieren“. Tatsächlich nämlich hängt Sandmeyer weit weniger an dem Bart (und jener an ihm), als die Welt – und Wikipedia, die ihn sein „Markenzeichen“ nennt – es glauben mag: „Ich biete jedes Mal an, ihn abzumachen“, erzählt Sandmeyer, „doch er wird immer eingefordert. Wenn die Maskenabteilung anruft, fragt sie als Erstes: Ist der Schnurrbart noch da?“ Die spannende Frage, wen er am Ende als erstes loswird, den Schnurrbart oder den Jonas, ist nur einer von vielen Gründen, den Weg des Merlin Sandmeyer weiterzuverfolgen.
