
Wie viel Mikroplastik sammelt sich im menschlichen Körper, gar im Gehirn? Darüber gibt es bisher keine gesicherten Erkenntnisse, nun aber neue Hinweise. Chinesische Forscher haben in einer neuen Studie menschliche Gehirne untersucht. Sie hatten bei 113 Patienten Proben von Hirntumoren während einer Operation entnommen und mit Proben gesunder Gehirne verglichen. Die Proben des gesunden Gewebes stammten von fünf Verstorbenen. Rund um die Hirntumore (Gliome) war etwas mehr als doppelt so viel Kunststoff nachweisbar wie im Gewebe der tumofreien Gehirne. In den Proben der gesunden Gehirne bestimmten die Forscher die Plastikmenge auf durchschnittlich 50 Mikrogramm pro Gramm Gewebe, ein Hundertstel dessen, was in früheren Studien gefunden wurde.
Studien zu Mikroplastik in Organen sind umstritten
Im Jahr 2025 wurde erstmals Mikroplastik in menschlichen Gehirnen nachgewiesen – an den Studien gibt es allerdings erhebliche Zweifel: Die Forscher, die meisten aus der Medizin, hätten nicht ausreichend berücksichtigt, dass Plastikteilchen sowohl bei der Probennahme als auch später im Labor in die Proben gelangen können, wenden die Kritiker ein. Zudem können in den chemischen Analysen Proteine genauso wie Nylon aussehen und Fette wie Polyethylen und daher die Ergebnisse verfälschen. Es schien unklar, ob überhaupt Mikroplastik in den untersuchten Gehirnen war.
In der aktuellen Studie, die nun in „Nature Health“ erschienen ist, haben die Forscher mögliche Quellen für Mikroplastik in einem Operationssaal identifiziert. Und sie haben Maßnahmen ergriffen, um möglichst zu verhindern, dass bei den Operationen Partikel aus Spritzen, Fläschchen oder Infusionsbeuteln in die Proben gelangen. Zudem haben sie drei verschiedene Analyseverfahren verwendet, um Kunststoff im Gewebe zu messen.
Dies mache den grundsätzlichen Befund – Mikroplastik ist im Gehirn – plausibler, erklärt Lukas Kenner von der Pathologie der Medizinischen Universität Wien gegenüber dem deutschen Science Media Center (SCM). Allerdings blieben die Aussagen zu Menge und Verteilung unsicher, schränkt er ein. Denn die drei Analyseverfahren seien nicht direkt miteinander vergleichbar.
Zudem haben die Forscher die Proben mit konzentrierter Salpetersäure aufbereitet, die auch Kunststoffe angreift.
Möglicherweise beeinflusst der Tumor die Plastikmenge
Ob Plastikpartikel Hirntumore auslösen oder fördern, lässt sich anhand der Studie nicht beurteilen. Ein Hirntumor könne aber die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen, schreiben die Autoren. Diese verhindert normalerweise, dass mikrometergroße Plastikpartikel ins Gehirn dringen. Im Tumor selbst wurden geringere Mikroplastikkonzentrationen gemessen als in seiner direkten Umgebung. Das könnte daran liegen, dass ein Tumor schneller wächst und sich deshalb im Tumorgewebe selbst nicht so hohe Konzentrationen ansammeln können. Michael Platten, Direktor der Neurologischen Klinik in der Universitätsmedizin Mannheim, vermutet, dass Partikel auch mit den Immunzellen, die die Partikel im Blut aufgenommen haben, zum Tumor wandern.
Die Forscher selbst sehen nach wie vor dringenden Bedarf an verbesserten methodischen Standards und größeren Studien. Nur so ließe sich einschätzen, welche neurologischen Folgen Mikroplastik im menschlichen Körper haben kann.
Martin Wagner, Toxikologe an der Universität Trondheim in Norwegen, hält die Ergebnisse trotz der Unsicherheiten für besorgniserregend, wie er gegenüber dem SMC äußert: Bis zum Jahr 2060 werde die Plastikindustrie ihre Produktion vermutlich verdreifachen. „Die Mengen von Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper werden sich daher in ähnlichem Maße erhöhen.“ Die wichtige gesamtgesellschaftliche Frage lautet seiner Ansicht nach also: „Können wir es uns leisten, auf den Nachweis kausaler Zusammenhänge zu warten?“
