
Dass nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 auf der Berliner Sonnenallee Baklava verteilt wurde, ist fast schon zu einem Sinnbild für eine erhitzte Debatte geworden, die Deutschland seither nicht mehr loslässt: Wie verbreitet ist Antisemitismus unter Muslimen? Diese und andere Fragen nimmt die am Mittwoch erschienene Publikation „Antisemitismus in islamischen und islamistischen Kontexten“ des Bundesverbandes RIAS, der antisemitische Vorfälle dokumentiert, in den Blick.
Ein Schlaglicht wirft die Publikation auf Antisemitismus unter angehenden islamischen Theologen. Dazu stellt die Religionspsychologin Sarah Demmrich in einem Beitrag eine Erhebung vor, für die vor vier Jahren 252 Studenten der Islamischen Theologie befragt wurden. Im Sinne eines tradierten Antisemitismus bejahten 37,3 Prozent der Erhebung zufolge die Aussage „Juden haben zu viel Macht und Einfluss in der Welt“. 47,2 Prozent stimmten im Sinne eines israelbezogenen Antisemitismus der Aussage zu „Der Staat Israel hat kein Recht zu existieren“.
Demmrich hebt hervor, dass die Zustimmungswerte unter Bachelor-Studenten höher sind als unter Master-Studenten. Sie vermutet, „dass die längere Ausbildungszeit an Zentren für Islamische Theologie in Deutschland mit einer Reduktion antisemitischer Einstellungen einhergeht“.
Antisemitismus tritt offener zutage
Grundsätzlich lässt sich unter Muslimen kein deutlicher Anstieg antisemitischer Haltungen nach dem 7. Oktober feststellen, wie aus einer weiteren von Demmrich vorgestellten Erhebung hervorgeht. Für diese wurden zwischen Juli 2023 und April 2024 insgesamt 1887 Muslime mit Migrationshintergrund in Deutschland befragt. Um die Zustimmung zu ermessen, wurden ihnen dieselben Fragen wie den Studenten gestellt. Beim tradierten Antisemitismus liegen die Werte zwischen 45,4 Prozent (vor dem 7. Oktober) und 46,7 Prozent (nach dem 7. Oktober) und beim israelbezogenen Antisemitismus zwischen 30,1 Prozent (vor dem 7. Oktober) und 26,4 Prozent (nach dem 7. Oktober).
Insgesamt seien die festzustellenden Veränderungen sowohl beim tradierten als auch beim israelbezogenen Antisemitismus gering, fasst Demmrich zusammen. Unabhängig vom Erhebungszeitpunkt erreichten die Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen unter Muslimen ein hohes Niveau.
Aus Demmrichs Sicht lässt sich die Wahrnehmung, dass Antisemitismus unter Muslimen nach dem 7. Oktober zugenommen habe, weniger durch eine quantitative Zunahme entsprechender Zustimmungswerte erklären. Sie führt das vielmehr darauf zurück, dass solche Haltungen nun offener zutage treten, und spricht von „erhöhter Sichtbarkeit und gesteigerter Artikulationsbereitschaft im Sinne eines erhöhten Radikalisierungspotenzials“.
RIAS geht von erheblichem Dunkelfeld aus
In der Publikation untersuchen RIAS-Autoren in einem weiteren Beitrag die gemeldeten antisemitischen Vorfälle mit islamischem oder islamistischem Hintergrund zwischen 2019 und 2025 und merken an, dass diese statistisch nicht repräsentativ seien.
Die Meldestelle verzeichnete zwischen 2019 und 2025 insgesamt 564 islamisch oder islamistisch motivierte Vorfälle, knapp 80 Prozent davon seien seit dem 7. Oktober 2023 erfasst worden. Ihr Anteil an den mehr als 30.000 erfassten antisemitischen Vorfällen ist damit gleichwohl gering, was RIAS auf ein „erhebliches Dunkelfeld“ zurückführt. Die Kategorien islamisch und islamistisch fassen die Autoren nach eigenen Angaben zusammen, weil sich oft nicht unterscheiden lasse, ob Vorfälle religiös oder „dezidiert politisch-islamistisch“ motiviert seien.
RIAS hebt hervor, dass 15 Prozent der islamisch oder islamistisch motivierten Vorfälle Bedrohungen, Angriffe oder Fälle extremer Gewalt waren. Zu den Vorfällen extremer Gewalt zählen unter anderem die Schüsse auf die Alte Synagoge in Essen im Jahr 2022 und der Messerangriff auf einen Touristen am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin im vergangenen Jahr.
Mit seiner Publikation will RIAS nicht zuletzt auf die Gefahren hinweisen, die von Islamisten ausgehen. Beispielhaft befasst sich ein Beitrag mit Akteuren aus dem Umfeld der verbotenen islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir. RIAS-Geschäftsführer Benjamin Steinitz mahnt, Antisemitismus als „wesentlichen Bestandteil“ islamistischer Mobilisierung klar zu benennen und entschlossen zu bekämpfen. Dafür seien rechtsstaatliche Mittel und Präventionsangebote notwendig. Die Auseinandersetzung mit Islamismus dürfe nicht rechtsextremen Akteuren und ihrer muslimfeindlichen Agenda überlassen werden.
