
Die Sonne scheint, man sitzt auf der Terrasse im Café, und es ist noch etwas zu früh für Aperol Spritz: Dann macht eine Cola mit Eis und Zitrone glücklich. Oder nicht? Immer wieder liest man, dass Softdrinks und Säfte nicht nur dick machen – sondern auch depressiv. Stimmt das?
Dabei haben es Limonadenfans schon schwer genug, moralisch gesehen. Ihre Leidensgenossen sind alle, die gerne zu McDonald’s gehen oder ihren Kindern Spaghetti mit Ketchup servieren. Wie kann man nur, sagen die Blicke mancher, wenn man seinem Kind im Restaurant eine Cola bestellt. Hoch prozessiertes Teufelszeug, voller Zucker und künstlicher Geschmacksverstärker!
20 Teelöffel Zucker auf einem halben Liter
Tatsächlich lässt sich gesundheitlich wenig schönreden an den süßen Limos. Energydrinks haben sogar Cola als Nummer-eins-Zuckerbombe den Rang abgelaufen mit rund 15 Gramm Zucker auf 100 Milliliter, womit ein halber Liter mit ganzen 20 Teelöffel Zucker knallt. Fast genauso viel enthält jedoch auch der unscheinbare, vermeintlich gesunde Traubensaft.
Da braucht man nicht viel Kopfrechnen, um zu wissen, dass man davon nicht allzu viele Flaschen schlürfen kann, bevor man sein Tagespensum an Zucker erreicht hat. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal 50 Gramm freien Zucker am Tag. Dazu zählt nicht etwa die Süße aus Obst oder Gemüse. Hier ist der Zucker an Pflanzenstoffe gebunden, weswegen er nur langsam ins Blut übergeht und somit weniger Unwesen im Körper treibt. Die 50-Gramm-Marke bezieht sich nur auf Extrazucker, ob in Schokoladeneis, Wurst oder eben Limonaden. Der Mensch braucht eigentlich überhaupt keinen zusätzlichen Zucker, über die Nahrung nimmt er schon genug Glukose zu sich.
Dass Cola, Fanta und Co. nicht gerade diättauglich sind, weiß jeder. Wenn Studienteilnehmer im Namen der Wissenschaft täglich Limos tranken, nahmen sie in wenigen Monaten rund ein Kilogramm zu, auch wenn sie an ihrer Ernährung sonst nichts änderten. Rechnet man das auf das Leben hoch, ergibt das ganz schön viele Extrakilos.
Softdrinks erhöhen das Risiko für Diabetes Typ 2, Schlaganfälle, Herzkreislauferkrankungen und Krebs. Studien zeigen: Wer viele süße Getränke zu sich nimmt, hat ein höheres Risiko für unter anderem Darm-, Leber- und Brustkrebs. Zwei Gläser am Tag erhöhen die Gefahr, an einem Herzinfarkt oder einer anderen Herzerkrankung zu sterben, um 31 Prozent.
Unter anderem begünstigt Zucker Entzündungen im Körper. Darum bekommt man von Limonaden Pickel. In Studien verschlimmerte sich die Akne bei jenen, die besonders viel süßes Zeug tranken – und ihre Haut alterte schneller. Eine schlechte Nachricht für die größten Anhänger der Energydrinks – Teenager, die das Zeug eigentlich noch gar nicht kaufen dürfen.
Der Zucker in Limos hat noch einen ungünstigen Effekt im Vergleich zu anderen Zuckern. Anders als etwa die Süße in einem Stück Kuchen, das der Verdauungstrakt erst mühsam zerkleinern muss, kann der Zucker in Getränken direkt ins Blut aufgenommen werden. Der Fruchtzucker, der für den süßen Geschmack sorgt, wird in der Leber weiterverarbeitet. Trinkt man einen Softdrink oder Saft, ist die allerdings vom plötzlichen Zuckerrausch überfordert und lagert die Extraenergie als Fett ein. Ein Glas Limo am Tag genügt, um das Risiko einer Fettleber zu erhöhen.
Süße Getränke sind in dem Sinne schädlicher als Schokolade, Kuchen oder Tiefkühlpizza: Amerikanische Wissenschaftler haben in einer großen Metaanalyse mit 29 Studien belegt, dass vor allem Limos mit einem erhöhten Diabetesrisiko einhergingen.
Auch werden Menschen, die häufiger Cola, Fanta oder Energydrinks trinken, eher dement. Manche Wissenschaftler argumentieren, dass Softdrinks süchtig machen: Sie aktivieren die gleichen Regionen im Gehirn wie Drogen und führen etwa bei Jugendlichen zu Entzugserscheinungen.
Frauen scheinen empfindlicher auf Softdrinks zu reagieren
All diese unerfreulichen Fakten könnten bei Cola-Fans eigentlich schon genügen für eine leichte depressive Verstimmung. Doch süße Getränke schlagen offenbar auch ganz unabhängig davon auf die Laune. Mehrere Studien haben einen Zusammenhang zwischen Softdrinks und Depressionen gefunden: Wer drei Dosen am Tag zu sich nahm, hatte etwa ein 25 Prozent höheres Risiko, depressiv zu werden.
Man könnte die Getränke wohl auch in Anxiety-Drinks umbenennen: Teenager, die besonders viele Softdrinks zu sich nahmen, hatten ein um 34 Prozent erhöhtes Risiko für eine Angststörung, wie eine große Metaanalyse erst vor wenigen Monaten zeigte.
Lange hat man nur Zusammenhänge gesehen, doch welcher Mechanismus dahintersteckt, war unklar. Der Schlüssel könnte in der Darmflora liegen: Deutsche Wissenschaftler haben vor wenigen Monaten bei rund 930 Freiwilligen gezeigt, dass bestimmte Darmbakterien eine zentrale Rolle spielen. Frauen, die besonders viele Softdrinks zu sich nahmen, waren häufiger depressiv; die Wahrscheinlichkeit, an einer schweren Depression zu erkranken, war bei ihnen um 17 Prozent erhöht. Und: Bestimmte Bakterien fanden sich auffallend oft in ihrem Darm: vom Typ Eggerthella, ein typischer Darmbewohner bei Menschen mit Depressionen. Unklar ist allerdings, warum man bei Männern diesen Zusammenhang nicht fand.
Was wir essen – oder trinken – hat durch die Darmbakterien große Macht auf unsere Stimmung: Die Mikroben beeinflussen etwa den Vagusnerv, den sogenannten Entspannungsnerv, der vom Darm zum Hirn zieht. Auch produzieren sie kurzkettige Fettsäuren, die wiederum im Gehirn unter anderem steuern, wie viel vom Glücksbotenstoff Serotonin hergestellt wird. Manche stellen auch direkt Neurotransmitter her, die unser Seelenleben beeinflussen, wie das beruhigende GABA.
Kein Zucker ist auch keine Lösung
Wie Limos genau aufs Gemüt schlagen, kann man bei Tieren aus ethischen Gründen etwas besser erforschen als bei menschlichen Teenagern: Bei jugendlichen Ratten, die viele Softdrinks tranken, zeigte sich eine veränderte Aktivität in einer Hirnregion, die entscheidend für das Gedächtnis ist, dem Hippocampus. Vermittelt war das durch bestimmte Darmbakterien, die sich durch die Softdrinks eifrig vermehrt hatten. Setzten die Forscher diese Darmbakterien anderen Ratten ein, hatten diese später die gleichen Hirnveränderungen – und entsprechende Gedächtnisprobleme. Erst Mitte April zeigte eine Studie zudem: Ratten werden ängstlich, wenn sie viele zuckrige Getränke bekamen. Diese tierischen Angststörungen gingen darauf zurück, dass die Softdrinks über die Darm-Hirn-Achse bestimmte Zellen im Denkorgan aktivierten.
An all dem ist nicht nur der Zucker schuld: Auch die Zusatzstoffe in Softdrinks bringen das Darmmikrobiom durcheinander, führen etwa dazu, dass mehr entzündungsfördernde Bakterien sich durchsetzen und weniger kurzkettige Fettsäuren produziert werden. In Tierstudien kam es zu mehr Entzündungen im Gehirn durch die Konservierungsmittel in Limonaden – was zu depressivem Verhalten führte.
Leider sind Zero-Zucker-Limos auch nicht die Lösung: Bei rund 180.000 Briten hat man gesehen, dass ein Getränk mit Zuckerersatz am Tag mit einem um 23 Prozent erhöhten Risiko für eine Depression einherging, sogar noch mehr als bei Softdrinks mit Zucker. Das zeigen auch andere Studien, vor allem bei Frauen. Wer viele Lightgetränke schlürft, dessen Gehirn scheint überdies schneller zu altern.
Das Fazit muss also lauten: Softdrinks führen zu Depressionen und Angststörungen. Allerdings soll dazu auch gesagt sein: Das zeigt sich vor allem bei jenen, die täglich süßes Zeug trinken. Auch wenn Paracelsus im 16. Jahrhundert noch nichts von dem Genuss einer eisgekühlten Cola an einem sonnigen Nachmittag wusste: Sein Ausspruch „In der Dosis liegt das Gift“ gilt auch für Limos.
