Eine europaweite Studie der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2022 zeigte erstmals einen deutlichen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien und zunehmender Einsamkeit. Gleichzeitig verlagern sich Kommunikation, Arbeit und Freizeit immer stärker in digitale Räume.
Wenn die Klimakrise Draußensein zur Belastung macht
Das Internet verändert unsere Innenstädte grundlegend. Durch den Onlinehandel stehen immer mehr Ladenlokale leer, das Homeoffice sorgt für Geisterstädte mit immer geringerem Publikumsverkehr. Es fehlen schlicht die Gründe, vor die Tür zu gehen.

Gleichzeitig verschärft sich die Klimakrise. Hitze- und Kälteperioden machen Straßen und Plätze über viele Wochen des Jahres kaum nutzbar. Der Aufenthalt im Freien wird zunehmend eingeschränkt, und öffentliche Räume verlieren weiter an Attraktivität. Draußen zu sein, wird vielerorts zur Belastung.
Mit dieser Entwicklung wächst Anfang der 2030er-Jahre die Sehnsucht nach physischer Präsenz und einer neuen Form des Miteinanders. Dem direkten Gespräch, der zufälligen Begegnung und dem gemeinsamen Erleben eines Ortes wird jetzt eine heilsame Wirkung zugeschrieben – auf persönlicher Ebene ebenso wie für eine Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert hat.
Wie sehen Räume aus, in denen Menschen Zeit miteinander verbringen?
Die Erkenntnis setzt sich durch, dass neue Räume gebraucht werden. Räume, in denen Menschen sich bei angenehmen Temperaturen begegnen können. Räume, in denen niemand zum Konsum verpflichtet ist. Räume, deren Qualitäten das einfache Hier-und-jetzt-Sein fördern. Räume, in denen Menschen Zeit miteinander verbringen.
Aus dieser Situation entsteht eine neue architektonische Aufgabe. Architektinnen und Architekten erkennen das Potential der leer werdenden Städte und beginnen, bestehende Gebäude weiterzubauen, umzubauen und mit dem zu arbeiten, was bereits vorhanden ist. Leichte Konstruktionen ergänzen den Bestand.

Dachlandschaften werden zu öffentlichen Parks. Es entstehen vollkommen neue dreidimensionale Ebenen des öffentlichen Lebens. Ehemalige Chefetagen werden öffentlich zugänglich, Innenhöfe öffnen sich, und verlassene Handelsflächen verwandeln sich in Orte für Musik, Kultur, Bildung, Sport und gemeinschaftliches Arbeiten. Aus der Krise der Innenstädte entwickelt sich eine neue Form von Urbanität.
„Middoors“: Klimatische Zwischenzonen zwischen Drinnen und Draußen
Die neuen Räume sind frei zugänglich und selbstverständlich Teil des Alltags. Sie bieten Schutz vor Hitze, Regen und extremen Wetterereignissen. Sie funktionieren als überdachte Stadträume, als klimatische Zwischenzonen, die sich wie neue Schichten um bestehende Gebäude legen und als Middoors, also weder Indoor noch Outdoor, zwischen öffentlichem und privatem Raum vermitteln.
Gebäude enden nicht länger an ihrer Fassade. Sie setzen sich als begehbare Landschaften, Terrassen, Hallen und Plattformen in die Stadt fort. Architektur schafft ein Netz neuer Aufenthaltsorte, das sich über den bestehenden Stadtkörper legt. Der öffentliche Raum, der traditionell als Außenraum verstanden wird, reicht jetzt als „Interior Urbanism“ tief in die gebauten Strukturen der Innenstädte hinein. Tiefgaragen werden zu Skateparks, Kaufhäuser zu Musikschulen, Bürohäuser zu öffentlichen Wohnzimmern.
Die Innenstadt entwickelt sich zu einem Ort, an dem Menschen wieder Zeit verbringen. Ihr Wert bemisst sich an ihrer Fähigkeit, Begegnungen zu ermöglichen. Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Lebensrealitäten begegnen sich selbstverständlich im Alltag. Aus zufälligen Begegnungen entstehen Freundschaften, Kooperationen, neue Gemeinschaften und neue Rituale.
Aus ehemaligen Orten des Konsums entsteht öffentliche Infrastruktur
2036 ist die Stadt wieder ein Ort gesellschaftlicher Teilhabe. Die Digitalisierung übernimmt viele Routinen und schafft Freiräume. Die Encounter City gibt diesen Freiräumen eine neue Gestalt. Die leer gewordenen Innenstädte werden als Ressource verstanden. Aus ehemaligen Orten des Konsums entsteht eine neue öffentliche Infrastruktur. Sie bildet das Fundament einer offenen, klimaresilienten und gemeinschaftlichen Stadt und macht die Innenstadt wieder zu dem Ort, an dem Gesellschaft entsteht.
Gustav Düsing ist ein vielfach preisgekrönter Architekt mit eigenem Studio in Berlin. Er hat an Unis wie der TU Braunschweig, der Roma Tre und der Cornell AAP gelehrt und ist derzeit als Interimsprofessor an der RWTH Aachen.
Morgen: Teil 13 der Reihe mit Berthold Kohler.

