
„Letztendlich muss jeder selbst dafür sorgen, dass er überlebt“, sagt Conny Schneider. Die Siebenundvierzigjährige sitzt im Schneidersitz auf einem braunen Sessel. Ihre schulterlangen braunen Haare umrahmen ihr Gesicht. Ihre schlichte Kleidung ist von Grüntönen geprägt. Vor 27 Jahren absolvierte Schneider ihre Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin. „Ich habe einen Hund, Schildkröten und einen Gecko.“ Die Liebe zu Tieren begleite sie seit ihrer Kindheit. „Ich bin mit Haustieren aufgewachsen.“ Deshalb habe sie ein großes Verständnis für Menschen entwickelt, die sich die Haltung eines Haustiers finanziell kaum leisten können. „Es ist mir wichtig, dass man es diesen Menschen trotzdem ermöglichen kann.“
Kritisch sieht die Vegetarierin jedoch Fälle, wo Hunde oder Katzen gezüchtet werden, obwohl die Besitzer nicht über genügend Geld oder Platz verfügen. Die Mitarbeiter versuchen deshalb immer wieder, Tierhalter von einer Kastration zu überzeugen. „Wir hatten einmal einen Fall, bei dem ein Obdachloser in seinem Auto einen Wurf mit acht Welpen hatte.“
Jeden Montag einen Sack Tierfutter
Schneider arbeitet in einer Kleintierpraxis in Gossau im Kanton Zürich. Zusätzlich engagiert sie sich als Gassentierarzt-Assistentin und versorgt im Rahmen des Sozialwerks Pfarrer Sieber Tiere von obdachlosen und suchtabhängigen Menschen. Die Anfänge des Sozialwerks reichen ins Jahr 1963 zurück, in dem der junge Pfarrer Ernst Sieber in einem alten Bunker in Zürich eine Unterkunft für Obdachlose einrichtete.
Schneider lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Wetzikon. Vor sechs Jahren habe sie beim Gassentierarzt angefangen zu arbeiten. Das Angebot richtet sich an Obdachlose, Sozialhilfebezieher und andere Bedürftige, die sich die regulären Tierarztkosten nicht leisten können. Spenden ermöglichen es, den Preis von 800 bis 1000 Franken bei einem normalen Tierarztbesuch auf 100 bis 150 Franken zu senken. Auch Futterspenden spielten eine wichtige Rolle. Jeden Montag erhalten Bedürftige kostenlos einen Sack Tierfutter.
Was sie aus der Bahn wirft
„Ich arbeite wahnsinnig gerne in meinem Beruf, für mich ist das Wichtigste der Tierschutz“, sagt Schneider. Sie sei für die Operationen zuständig und helfe, wo Hilfe benötigt wird. Wer glaubt, dass obdachlose Menschen ihre Tiere vernachlässigen, liege falsch. „Viele geben zuerst ihrem Hund zu essen und erst danach sich selbst.“ Tiere geben den Menschen noch einen Rhythmus im Alltag. „Es ist faszinierend, wie eng die Beziehungen sind.“ Gerade Menschen, die sonst wenig soziale Kontakte haben, sehen ihre Tiere als einen der wichtigsten Lebensbegleiter, und man sollte ihnen die Tiere nicht wegnehmen. Die meisten Tiere seien Hunde, da man sie auf der Straße bei sich halten kann.
In Einzelfällen gibt es Personen, die Hasen oder Katzen besitzen. Einmal erschien sogar eine Prostituierte mit ihrer Ratte. „Viele verzichten lieber selbst auf eine Mahlzeit, statt ihren Hund nicht zu füttern“, sagt Schneider. „Niemand lebt freiwillig auf der Straße.“ Der Verlust eines geliebten Menschen, eine Kündigung oder eine Sucht könne Menschen aus der Bahn werfen, und sie fänden den Weg nicht mehr zurück. Deshalb wünsche sie sich mehr Verständnis und Unterstützung aus der Gesellschaft. „Wenn jemand kaum Geld hat und fünf Katzen besitzt, finde ich das schwierig“, erklärt sie. „Ich helfe einfach gerne Tieren.“
Notfalldienste und emotionale Belastungen
Der Beruf sei anspruchsvoll. Komplizierte Arbeitszeiten, Notfalldienste und emotionale Belastungen gehörten zum Alltag. Zudem erlernen viele diesen Beruf, üben ihn aber nicht aus, „weil du nicht so viel verdienst im Vergleich zu anderen Berufen und der Beruf sehr streng ist“. Das Gassentierarzt-Projekt wird größtenteils von Freiwilligen getragen. Für Schneider ist klar, dass sich die Unterstützung lohnt, nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Menschen dahinter. „Wenn sie ihr Tier verlieren würden, hätten viele gar nichts mehr.“
