An der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) werkeln an einem Sommertag mehrere Studentinnen an ihren Entwürfen. Sie sind im sechsten Semester für das Bachelorfach Modedesign eingeschrieben. In dem Studium lernen sie, eine Modemarke zu entwickeln, die Zielgruppe dafür zu identifizieren und Werbung für Kollektionen zu machen. Die Studentinnen zeichnen eigene Modeentwürfe, erhalten dafür ein Feedback von Lehrkräften und Kommilitonen und beginnen damit, den Entwürfen Leben einzuhauchen.
Für die Verarbeitung von leichten bis schweren Materialien, Funktionsstoffen und Jerseys stehen in der HTW Näh- und Strickmaschinen, ein Lasercutter und andere Geräte zur Verfügung. Da die meisten Bekleidungsunternehmen inzwischen mit digitaler Technik produzieren, ist der Fachbereich auch damit ausgestattet.

Lina Leuschen betrachtet gerade die Schneiderpuppe, der sie ein kurzes, graues Kleid angezogen hat. Sie diskutiert mit einer anderen Studentin darüber, wie sie die Puppe bei der nächsten Präsentation beleuchtet. Soll der Scheinwerfer davor oder schräg dahinter stehen? Die 24 Jahre alte Frau zupft an dem Kleid und legt rot-weiße Shorts zurecht, die die Trägerin dazu anziehen soll.
Unter der Schneiderpuppe stehen robuste Stiefel. Die Besonderheit dieses Entwurfs: Leuschen hat in die Falten des Kleids die metallenen Schienen eines Regenschirms eingenäht. Die Trägerin könne damit ihre Mitmenschen auf Abstand halten, erklärt sie. Sie versteht diese Konstruktion als Schutz – etwa vor Übergriffen.
Ein Stück weiter haben zwei Mitstudentinnen je einen Computerbildschirm vor sich. Sie entwickeln gerade am Rechner dreidimensionale Entwürfe von Figuren, die sie in kurzen Filmsequenzen über einen imaginären Laufsteg schreiten lassen. Die 23 Jahre alte Leonie Groth hat eine Frauenfigur in einen bodenlangen Mantel gesteckt. Das Ensemble erinnert an Fantasyfilme, die Groth mag. Sie könne sich vorstellen, später Fantasy-Filmproduktionen mit Kostümen auszustatten, sagt sie.

Die Figur ihrer Kommilitonin Johanna trägt ein kurzes, weißes Kleid ohne Ärmel. Es besteht aus einzelnen Segmenten, die mit Luft aufgepolstert sind. „Das Kleid wäre wohl aus Organza oder Plastik“, sagt die 22 Jahre alte Frau. Die Segmente müssten luftdicht sein, damit sie aufgeblasen werden können. Um die Figur herum schweben weitere aufgeblasene „Bubbles“, wie Johanna sie nennt. Sie gehören zur Kreation. Mit dem Computer kann sie Mode entwerfen, die es in der Wirklichkeit nicht geben kann. Bei dem Entwurf gehe es auch „um die Flucht aus der grauen und diskriminierenden Realität in eine Phantasiewelt“.
160 Bewerber auf 44 Plätze
In Deutschland gibt es zahlreiche Studiengänge, die etwas mit Mode zu tun haben. Es reicht von Fächern, die sich auf das Design konzentrieren, über die Herstellung von Textilien und Modejournalismus bis zum Management von Bekleidungsunternehmen. Viele dieser Studienplätze sind heiß begehrt.
An der HTW ringen jedes Jahr rund 160 Interessenten um einen der 44 Bachelorstudienplätze. Die Mehrzahl der Studierenden ist weiblich und aus Deutschland. Während der deutschsprachige Studiengang vor 20 Jahren bei Osteuropäern beliebt gewesen sei, kämen nun viele Bewerber aus Asien, berichten die Lehrkräfte. Das mag daran liegen, dass sich Menschen aus Polen und Bulgarien die Lebenshaltungskosten in der deutschen Hauptstadt nicht mehr leisten können. Für Asiaten ist Berlin immer noch preiswerter als Paris oder London.
Der Fachbereich ist in den gelblichen Klinkergebäuden eines ehemaligen Kabelwerks untergebracht. Die HTW möchte an die Tradition dieses Industriestandorts anknüpfen. Das Modedesignstudium sei „anwendungsorientiert“, sagt Professorin Johanna Michel. „Wer auch an die industrielle Fertigung und die kommerzielle Vermarktung von Mode denkt, ist bei uns richtig.“ Sie setzt hinzu: „Trotzdem haben wir einen gestalterischen und künstlerischen Anspruch.“ Welche Früchte dieser Ansatz trägt, war zuletzt Mitte Juli auf der Modenschau der HTW-Designabsolventen zu sehen.
Nachhaltigkeit werde in ihrem Fachbereich großgeschrieben, sagt Michel. Viele Studierende würden mit zertifizierten Naturmaterialien nähen, sich Stoffe aus zweiter Hand besorgen, Stoffreste verarbeiten. „Und es kommt häufig vor, dass ich Studierende in der Prüfung frage: Wie sieht denn für diese Kollektion dein Nachhaltigkeitskonzept aus?“

Ein paar Kilometer von der HWK entfernt tummeln sich ebenfalls angehende Modedesignerinnen und Modedesigner. Sie sind an der Universität der Künste Berlin (UdK) eingeschrieben. In deren Korridoren hängen von den Studierenden gezeichnete Modeentwürfe und Fotos ihrer Kollektionen. Es geht bunt zu und bisweilen wild. Nähmaschinen rattern, und eine Vielzahl anderer Geräte steht bereit.
An den sparsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen zu denken, dazu müsse sie diese Generation nicht extra auffordern, sagt Valeska Schmidt-Thomsen, Professorin und geschäftsführende Direktorin des Instituts für experimentelles Bekleidungs- und Textildesign. Gerade gelte es in ihrem Fachbereich als besonders chic, Stoffe aus Nachlässen und die Pelze der eigenen Uroma zu verarbeiten. Die Dozentin führt in einen Raum, wo Stoffe gefärbt werden – vor allem mit Pflanzenfarben wie Indigo, einem Gewächs aus tropischen und subtropischen Regionen.
Aufwertung der Stangenware
Eine Besonderheit der UdK: Angehende Modedesigner absolvieren ihr erstes Bachelorsemester mit angehenden Produktdesignern. So trainieren sie auch die Bearbeitung von Werkstoffen wie Holz und Metall. Für beide deutschsprachigen Studiengänge stehen jedes Jahr 50 Plätze zur Verfügung. Sie wolle die Studierenden zu künstlerischer Kreativität animieren und ihnen ein umfassendes Verständnis von Design vermitteln, sagt Schmidt-Thomsen. „Es geht weniger darum, gleich an die serielle Produktion einer Kreation zu denken.“ Gleichwohl erwarte sie, dass die Studierenden im Blick haben, dass Modeunternehmen wirtschaftlich arbeiten müssen.
Wer hier anfängt, muss nachweisen, dass er schon mal handwerklich gearbeitet hat. Der Student Nikolaus Hofmann hat ein Praktikum in einer Schreinerwerkstatt absolviert. Seit er an der UdK angefangen habe, habe er mehrere Taschen und Baumwollhemden entworfen, diese „in einem ganz sanften Gelbgrün“, berichtet der 25 Jahre alte Mann. „Hemden sind Kleidungsstücke, die man sonst von der Stange kaufen kann. Ich wollte sie ein bisschen aufwerten.“ Das Ergebnis seien Hemden, „die man im Rücken verschließen kann, obwohl sie einen Hemdkragen haben“.

Wie viele seiner Mitstudierenden möchte Nikolaus Hofmann seine Karriere am liebsten an den Modestandorten Paris oder Mailand beginnen. Er würde gern für ein Modehaus tätig werden, „das wirklich Geld in die Produktion von Kleidung steckt“ – sprich: in die aufwendige Arbeit von Designern und die hochwertige Verarbeitung der Materialien, sagt er.
Vielerorts sei es üblich, als Praktikant anzufangen, sich zum Assistant Designer und dann noch weiter hochzuarbeiten. Die begehrten Unternehmen würden eine Vielzahl von Anfragen bekommen, sagt Hofmann. Und nur ein Bruchteil der Bewerberinnen und Bewerber erhalte eine Einladung zu einem Gespräch. Es sei Standard, ein Skizzenbuch mitzubringen, das die eigene kreative Arbeit zeigt: Zeichnungen von Entwürfen, Fotos von Kleidungsstücken, Stoffproben.
Sowohl die UdK als auch die HWK haben für ihre Studentinnen und Studenten im Bachelor eine Praxisphase vorgesehen, während derer diese mit potentiellen Arbeitgebern in Kontakt kommen sollen. Wer sich selbständig machen will, kann sich bis zu fünf Jahre nach dem Examen um ein bundesweites Gründungsstipendium namens Exist bewerben, das allen Fachrichtungen offensteht.
Allerdings würden viel weniger Absolventen als früher eine Existenzgründung anstreben, sagt UdK-Professorin Schmidt-Thomsen: „Das war früher auch einfacher.“ Johanna Michel von der HWK kann zwei Absolventen nennen, denen das geglückt ist: Ruben Nowak, der auf der Berlin Fashion Week 2026 seine Marke Nowrubi vorstellte, und den aus Bulgarien stammenden Vladimir Karaleev. Der verkauft seine Mode nach eigenen Angaben inzwischen nicht nur in Europa, sondern auch in Geschäften in Übersee.
Doch vor der Existenzgründung steht die Bachelorarbeit und womöglich auch noch die Masterarbeit. Johanna Michel holt einen Stapel aufwendig gestalteter Exemplare aus ihrem Schrank. Häufig verarbeiten die Kandidatinnen und Kandidaten in ihren Kollektionen Lebensthemen – wie übermäßigen Liebeskummer oder das Schicksal, an einer chronischen Krankheit zu leiden. Ein Student wurde als Baby von Unbekannten vor die Tür von Missionaren gelegt, die zu dem Zeitpunkt in Brasilien tätig waren. Am Arm des Babys baumelte ein Band mit einer Nummer. In seiner Abschlussarbeit nahm er dieses nummerierte Armband als Motiv seiner Kollektion auf – und druckte es auf die Stoffe.
