„Onkel!“, ruft der Zwanzigjährige mit der roten Kappe: „Onkel! Wann kommst du wieder runter?“ Da blickt der Uniformierte mit schwarzem Schnurrbart und Barett der paramilitärischen Polizei verblüfft durch die Gitterstäbe in den Gefängniswagen. Eben erst wurde der Demonstrant festgenommen. Nun stellt er die Staatsmacht mit seinem Smartphone bloß.
„Wann kommst du wieder runter, Onkel?“, fragt man in Indien ein nerviges Familienmitglied, das bei jeder Gelegenheit auf der Palme ist, aber nicht die Polizei. Doch seit Hunderttausende indische Jugendliche vor zwei Wochen mit ihren Protesten den Rücktritt des Bildungsministers erzwungen und sich in unzähligen „Memes“, wie die kurzen Videos, Bilder und Texte auf „Social Media“ genannt werden, über die indischen Sicherheitskräfte, die Regierung und vor allem Ministerpräsident Narendra Modi persönlich lustig gemacht haben, ist klar, dass die Generation Z im Land eine völlig neue Oppositionsform etabliert hat: den digitalen Protest. Es handelt sich um eine Gruppe von 400 Millionen Indern, die zwischen 1997 und 2012 geboren wurden.
Polizei und Ministerpräsident werden auf Social Media veralbert
Ausgelöst hatte dies der Skandal um vorab durchgestochene Fragen der landesweit abgehaltenen medizinischen Hochschulprüfung. Nachdem die Regierung den nervenaufreibenden Test hatte wiederholen lassen, der so entscheidend für die Zukunft der mehr als zwei Millionen Bewerber ist, dass sich die Jugendlichen darauf über Jahre hinweg vorbereiten, hatte es mindestens ein Dutzend Suizide gegeben. Nachdem die von jungen Leuten als Satire gegründete „Kakerlaken“-Partei über ihr Instagram-Konto zu einer Demonstration gegen den Staat und die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Land aufgerufen hatte, kamen die Massen in die Hauptstadt und machten sich auf Social Media in nie gekannter Form über die Autoritäten lustig.
Dass die Jugendlichen den mit Schlagstöcken prügelnden Polizisten entgegenriefen, ob diese am Morgen denn auch gut gefrühstückt hätten, ging in Indien ebenso viral wie die fröhlichen Verhafteten, die selbst noch aus dem Polizeiwagen heraus die Staatsmacht veralberten. Parodien des 75 Jahre alten Modi, in denen sich Jugendliche Badeschaum ins Gesicht schmierten, um den weißen Bart des eben noch als unantastbar geltenden Ministerpräsidenten zu imitieren, fluteten das Internet. Schlagstöcke schwingende Polizisten wurden in die Optik des Handyspiels „Subway Surfers“ integriert und mit der zugehörigen Musik unterlegt.

Mit dem Smartphone als Waffe wird die Generation Z zur Gegenmacht
Was sich schon bei den Massenaufständen in Bangladesch und Nepal gezeigt hat, die in Indiens Nachbarländern mit über Social Media organisierten Jugendprotesten die Regierungen aus dem Amt gejagt hatten, gilt nun auch für Indien: Die digitale Moderne gibt der jungen Generation eine bisher völlig ungewohnte Gegenmacht an die Hand. Allerdings nicht nur das.
Denn auf der anderen Seite erhöhen Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI) den Druck auf den ohnehin angespannten Arbeitsmarkt, der die tiefere Ursache für die Proteste darstellt. Als im Frühjahr der amerikanische KI-Entwickler Anthropic neue Werkzeuge vorstellte, die viele bisherige Routineaufgaben wie Softwaretests, Programmierung und Datenanalyse automatisiert, rauschten die Aktienkurse von Indiens IT-Giganten wie Infosys, Tata Consultancy Services (TCS) und HCLTech in die Tiefe und vernichteten Wert in Milliardenhöhe.
Gehe die Einführung von KI in Indien schief, könne dies das Land allein im IT-Sektor ein Viertel der Stellen kosten, rechnet NITI Aayog vor, die oberste politische Denkfabrik der Regierung, die die Leitlinien für die Wirtschaftspolitik entwerfen soll. Das wären zwei Millionen weniger Stellen als heute. Bis 2030 seien 60 Prozent der formellen Arbeit in Indien automatisierbar. Die Menschen im Land realisierten das Risiko von KI nicht, hat Kunal Shah gesagt, bekanntester Start-up-Unternehmer des Landes und seit Kurzem internationaler Chef des zu Meta gehörenden Messagingdienstes Whatsapp. 90 Prozent der Arbeitnehmer hätten in zehn Jahren ihren Job nicht mehr – was allerdings nicht bedeute, dass sie arbeitslos seien. Nur ärmer. KI nehme die Chancen auf Einkommenssteigerung weg: „Es sei denn, die Leute werden darin großartig, KI für ihre Arbeit zu nutzen.“
Der eine IT-Konzern entlässt wegen KI 3000 Leute. Der andere stellt ein.
Das klingt angesichts des Misstrauens, mit dem Indiens Jugend der KI-Welt von morgen entgegenblickt, fast wie eine Beruhigung. Schon heute ist der Arbeitsmarkt für Akademiker eine Katastrophe. Gerade mal sieben Prozent der Universitätsabsolventen finden im ersten Jahr eine feste Stelle. Laut der Studie „State of Working India“ der Azim Premji University, die diese Zahlen erhoben hat, sind zudem 40 Prozent der Hochschulabgänger von weniger als 25 Jahren arbeitslos.
Nun kommt auch noch die Angst vor KI hinzu. In einer Studie gaben 70 Prozent der Mitglieder der Generation Z an, Angst zu haben, ihren Arbeitsplatz durch KI zu verlieren – während ein noch höherer Anteil, nämlich 80 Prozent der Befragten, zur gleichen Zeit angibt, neugierig auf KI-Tools zu sein. Selbst indische Kommentatoren hat es überrascht, wie technikaffin sich die jungen Inder in den jüngsten Protesten gezeigt haben. Dies spreche dafür, dass sie die Anpassung an die neue KI-Welt schafften und der technologische Widerspruch im Leben der Generation Z in Wahrheit gar keiner sei. Oder doch?
Ein Blick in die Unternehmenswelt bringt keine Klarheit. Der Konzern TCS, der im Frühjahr aus Furcht der Investoren vor KI zwischenzeitlich 22 Milliarden Euro an Börsenwert eingebüßt hatte, hat zum Ende seines Geschäftsjahres im März im Jahresvergleich 24.000 Beschäftigte weniger gehabt, was die Ratingagentur Standard & Poors als Anzeichen dafür wertet, dass KI vor allem im mittleren und oberen Management viele Aufgaben ersetzt. Das Unternehmen selbst bestreitet das -und hat im gerade abgelaufenen ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres eine Steigerung seiner Mitarbeiterzahl verkündet, wenngleich am unteren Qualifikationsrand: 14.000 junge Leute wurden von dem IT-Dienstleister aus Mumbai eingestellt, so viel wie noch nie in so kurzer Zeit. Vorstandschef K Krithivasan hat die „AI worry and anxiety“ (KI-Panik) als übertrieben bezeichnet. Die Technologie werde die Arbeitsplätze verändern, aber die traditionelle IT-Branche nicht zerstören. Dass große Sprachmodelle klassische Unternehmenssoftware ersetzen, sei unrealistisch.
Die Frage ist möglicherweise nicht, ob KI die Massen arbeitslos macht
Das klingt hoffnungsvoll. Wäre da nicht der Fall von HCLTech, dem anderen Konzern, der über den Februar hinweg wegen genau dieser KI-Panik 15 Prozent seines Börsenwerts verloren hat. Das Unternehmen aus der „Zukunftsstadt“ Noida bei Delhi, das auf der Welt 223.000 Menschen beschäftigt, hat im vergangenen Geschäftsquartal unter dem Strich seine Mitarbeiterzahl um mehr als 3000 reduziert. Der Grund: Die Angestellten haben ihre Produktivität durch KI ordentlich gesteigert – in der Folge braucht HCLTech weniger menschliche Arbeitskraft.
Es mangelt nicht an Prophezeiungen indischer IT-Vorstandschefs, die voraussagen, künftig brauche die Branche weniger Leute, weil sie den Umsatz auch mit KI steigern könne. Doch der renommierte Arbeitsmarktexperte Manish Sabharwal hält die Fixierung auf die Frage, ob KI Jobs schaffe oder vernichte, für die falsche. Der Gründer von TeamLease, einem der größten Arbeitsvermittler im Land, saß früher im Vorstand der indischen Zentralbank und berät die Regierung zu Arbeit und Bildung. Wie der Start-up-Gründer Kunal Shah ist auch Sabharwal der Meinung, in Zukunft werde sich das Schicksal des Landes eher an der Verteilung der Produktivitätsgewinne durch KI entscheiden. Werden diese im Land breit verteilt, und machen sie die Arbeitsplätze flächendeckend besser? Oder werden nur ein paar der Riesen wie TCS und HCLTech Milliarden in KI investieren, dadurch ihren Umsatz und Marktanteil erhöhen und gleichzeitig die Löhne senken?
Wo wird KI die Produktivität steigern?
Gewinnen werden wohl vor allem die Konzerne. Dies fürchtet Sabharwal. Die Arbeitslosigkeit in Indien in der Gesamtbevölkerung ist mit offiziell 5,5 Prozent nicht allzu hoch. Doch die Statistik täuscht. Viele Menschen gehen sogenannter informeller Tätigkeit nach, in winzigen, unproduktiven Betrieben wie dem Friseursalon in der Seitenstraße, in dem nur einer die Haare schneidet, und zwar der Chef selbst. Denn es gibt niemand anderen. „Arbeitgeber-Arbeitslosigkeit“ nennt der Unternehmer die Tante-Emma-Läden, Motorrad-Werkstätten und Imbissbuden, in denen die Löhne nie steigen, es keine KI-Weiterbildung gibt und keine Aufstiegschancen.
Dies werde sich auch nicht ändern, wenn der Friseur einen Chatbot auf seinem Smartphone nutze, sagt Sabharwal. Wenn es Indien nicht schaffe, durch KI in der Breite für bessere Jobs zu sorgen, die produktiver seien, dann drohten die Gehälter in den großen Unternehmen zu sinken, während die Jugend an der nun noch höheren Einstiegshürde in den Arbeitsmarkt noch öfter scheitere.
„Wo sind die Jobs?“, stand auf den Plakaten der Demonstranten in Delhi. Als Narendra Modi in der Hauptstadt im Februar zu seinem pompösen „India AI Summit“ geladen hatte, waren Dutzende mit freiem Oberkörper in die Expo-Hallen gestürmt, um gegen das Feiern der Künstlichen Intelligenz zu protestieren, während die Technologie gleichzeitig massenhaft Stellen kostet.

Schon die Grundschule soll KI lehren – doch oft gibt es keine Computer
Tatsächlich klingt der Rat von den Profiteuren der digitalen Revolution wie Whatsapp-Chef Kunal Shah wohlfeil, wenn der Multimillionär seine jungen Landsleute auffordert, sie müssten künftig viel selbständiger lernen, um nicht in der neuen KI-Welt unterzugehen. Gerade hat das Magazin „Outlook“ in einer breit angelegten Recherche Indiens ambitionierte Pläne unter die Lupe genommen, KI schon in der Grundschule zu verankern. Das Ergebnis: Die Spaltung im Land droht durch KI eher größer zu werden statt kleiner.
Zwischen Kindern wie dem Eliteschüler Pranet, der selbst KI-Tools entwickelt, und dem Mädchen Afreen aus dem Slum, das von KI gehört hat, aber KI wegen des Mangels an Computern in ihrer Schule nicht nutzen kann, entstehe eine neue Kluft, warnt Entwicklungsökonom Santosh Mehrotra. An Beispielen von staatlichen Schulen, in denen sich mehr als 1000 Schüler zwölf veraltete Computer teilen, herrscht kein Mangel.
Als die Regierung im vergangenen Jahr durchzählte, hatte ein Drittel der Schulen gar keinen Internetzugang. Und gibt es einen, wird er nicht selten von den Lehrern aus eigener Tasche finanziert. Doch von denen kann in Befragungen jeder Zweite die Frage nicht richtig beantworten, ob KI bewusste Entscheidungen treffen kann wie ein Mensch. Für die indischen Kinder sind dies keine guten Voraussetzungen. Wenn eine ganze Generation ohne KI-Kompetenz ins Erwachsenenleben starte, drohe sich Indiens demographischer Bonus in eine Bürde umzukehren, fürchtet Ökonom Mehrotra.
Dann könnte in Indien die Ungleichheit wieder steigen, die zumindest gemessen am Konsum laut Weltbank in den vergangenen Jahren gesunken ist. Die Einkommen driften demnach schon jetzt auseinander. Die obersten zehn Prozent der Bevölkerung verdienen heute 13-mal so viel wie die untersten zehn Prozent. Geht es um die Vermögen, entfallen auf das reichste Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Reichtums – mehr als etwa in Brasilien.
Doch da ist ja die digitale Gegenmacht, mit der die Jungen bald auch für ein Ende der analogen Bildungsinfrastruktur auf die Straße gehen könnten, um im KI-Zeitalter nicht abgehängt zu werden. Die Protestanten wollten nicht den Kapitalismus abschaffen, kommentiert der „Indian Express“. Sie verlangten Bildung und Arbeit und hätten erkannt, dass nichts besser werde, wenn sie den Mund hielten wie ihre Eltern. Seit fast sechzig Jahren verspricht Indiens Regierung, die Ausgaben für Bildung auf sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Doch der Betrag beträgt weiter vier Prozent wie festgeschraubt, was nur wenig mehr ist als die Ausgaben für Infrastruktur.
Man müsse der Jugend mehr zuhören, hat Modi gerade gesagt, nachdem diese seine Regierung kurzzeitig in die Knie gezwungen hatte. Bisher hat sich der Ministerpräsident vornehmlich auf dem Alte-Leute-Kanal X für neue Brücken und Bahnlinien gefeiert. Seit ein paar Tagen spricht er nun auch auf Instagram direkt zur Generation Z: „Hi, friends“ und vielleicht bald zu einem Chatbot auf nagelneuen Rechnern in Klassenzimmern auf dem Land.
