Vor dem Auge hat man noch die überwältigende Omayyaden-Moschee. Das Marktgeschrei in den überdachten und offenen Gassen ist abgeklungen. Aus einer Richtung ertönt der Muezzin, aus einer anderen eine Kirchenglocke. Zur Siesta will man zurück ins Hotel. Aber nicht in eines dieser gesichtslosen Businesshotels außerhalb der Altstadt. Lieber in ein kleines Hotel mit Charme, das die kultivierte Wohnkultur des Damaszener Bürgertums bewahrt.
Bleiben wir in der Altstadt mit den kleinen Geschäften, die mit lokalem Kunsthandwerk locken, mit Restaurants und Bars. Wo die Gassen schmal und verwinkelt werden und die Mauern hoch und abweisend sind. Keine Fenster, die etwas preisgeben könnten. Nur von Zeit zu Zeit eine Tür.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Eine öffnet sich. Der Korridor dahinter ist dunkel. Um von draußen keine Blicke ins Innere zuzulassen, verläuft er leicht abgewinkelt. Vorbei an einem hohen Wandspiegel und einer Sitzecke im Damaszener Stil, verziert mit Intarsien aus Perlmutt und mit Einlegearbeiten aus exotischen Hölzern. Das Licht blendet, man betritt den großzügigen Innenhof um einen Marmorbrunnen.
Al-Qa’a heißt Salon
Wohltuende Stille, der Straßenlärm ist weit weg. Das Wasser des Brunnens plätschert vor sich hin, der sinnlich warme Duft von Jasminblüten hängt in der Luft. Einst spielte sich das Leben der Damaszener in Innenhöfen wie diesem ab. Von ihm aus begibt man sich in die einzelnen Zimmer, eine Treppe führt in das Obergeschoss mit weiteren Zimmern und Balkonen.
Man genießt die Ruhe, lässt sich von dem Ambiente inspirieren, bestellt einen Mokka, Tee oder ein Glas Wein. Blickt zum Liwan, dem nach außen offenen hohen Raum auf der Südseite. Leicht über dem Niveau des Innenhofs zieht sich entlang der Wände ein Sitzdiwan. Hier hatte sich die Familie ausgetauscht, hatte sie Gäste getroffen. War es kühler oder hatte man Vertrauliches zu besprechen, führte man sie durch eine Tür in den hohen Raum nebenan. Al-Qa’a heißt er auf Arabisch, Salon. Ein weiterer Springbrunnen zeugt vom Wohlstand seiner einstigen Besitzer.

Das 1836 erbaute Beit Zafran war ein solches Damaszener Mehrgenerationenhaus. Der Salon bringt seine Einzigartigkeit auf den Punkt. Es ist in Damaskus nicht das einzige prachtvolle Wohnhaus, das im vergangenen Vierteljahrhundert in ein Boutiquehotel umgewandelt wurde. „Alle anderen haben aus dem Salon aber ein zusätzliches Hotelzimmer gemacht“, sagt Adnan Habbab, der in der Damaszener Altstadt aufgewachsen ist.
2005, der Tourismus hatte Syrien gerade entdeckt, kaufte er mit seiner Schweizer Ehefrau das Beit Zafran. Sie restaurierten es mit hohem denkmalschützerischen Anspruch. Es galt, den ursprünglichen Charakter des Hauses zu bewahren und gleichzeitig die heutigen Ansprüche an Komfort zu erfüllen. „Wir haben nichts verändert“, betont der Pionier. Alle Elemente eines traditionellen Damaszener Hauses sind vorhanden, ob die geometrischen Bodenbeläge aus weißem Marmor und andersfarbigen Steinen oder die Balkone im Obergeschoss oder die Dreiteilung in Bereiche für die Familie, für Gäste und die Dienerschaft.
Elf Familien in einem Haus
Andere haben weniger Wert als die Habbabs auf den Erhalt der alten Bausubstanz gelegt. Sie nutzten jede Nische für die Schaffung zusätzlicher Zimmer, ergänzten beliebig und gestalteten willkürlich um. „Das verändert die Identität eines Hauses“, kritisiert Habbab. Einige Boutiquehotels wurden sogar im traditionellen Stil von Grund auf neu gebaut.
Die Habbabs aber wollten das heruntergekommene Beit Zafran in den Originalzustand zurückversetzen. Nervenaufreibend war bereits der Kauf. Die Erben der Besitzer lebten in Frankreich und Dubai und mussten erst gefunden werden. Denn aus der Altstadt hatte in den 1960er Jahren ein Exodus eingesetzt, der einen langsamen Verfall nach sich zog.
In die leeren Häuser zogen Arbeiter vom Land an. Bald lebten in den zwölf Zimmern des Hauses elf Familien und zahlten so gut wie keine Miete. Die sozialistischen Gesetze der Assad-Ära ließen den Habbabs keine andere Wahl, als jeder Familie eine Wohnung in der Stadt zu kaufen. Das war im Jahr 2005. Danach renovierten sie fünf Jahre lang das Beit Zafran mit großem Sinn für Ästhetik.

Verwitterte Steine wurden durch Steine derselben Art, Qualität und Farbe ersetzt, Holztüren erhielten neue Perlmutteinlagen, Deckenfresken wurden nicht achtlos weggeworfen, sondern im alten Stil erneuert. Kein Zimmer gleicht einem anderen. Jedes ist mit seinen Möbeln und Accessoires ein Abbild der traditionellen Damaszener Wohnkultur, ein Kunstwerk mit unaufdringlichem Luxus. Der Krieg ist an der Altstadt und am Beit Zafran schadlos vorbeigegangen. Und nun ist das Beit Zafran endlich wieder geöffnet.
Anreise Turkish Airlines fliegt seit Mai wieder täglich von Istanbul nach Damaskus, auch die syrische Fly Cham fliegt ab Istanbul Damaskus an, aus Dubai dreimal und aus Abu Dhabi zweimal.
