Ahnte der Bundeskanzler etwas? Zumindest klangen seine Sätze, die er während seines Antrittsbesuchs beim Heer im niedersächsischen Munster schon am Donnerstag formulierte, nach mehr als den üblichen diplomatischen Floskeln. Friedrich Merz (CDU) lobte die tiefe transatlantische Verbundenheit. „Mir persönlich, das wissen Sie, liegt diese transatlantische Partnerschaft besonders am Herzen.“ Er wiederholte das, was er zuvor schon mit Blick auf den Irankrieg zugesagt hatte: „Wenn die entsprechenden Voraussetzungen gegeben sind, dann steht Deutschland bereit, sich auch militärisch zu engagieren, um die Freiheit der Seewege zu gewährleisten.“
Die Sätze in Munster waren Sätze der Beschwichtigung an Donald Trump. Hinter Merz und ihm lag eine rumpelige Woche, um das Mindeste zu sagen. Am Montag hatte der Kanzler während eines Gesprächs mit Schülern gesagt, die USA hätten keine Strategie im Irankrieg, das Land werde durch Iran regelrecht gedemütigt. Trump konterte sofort: Merz wisse nicht, wovon er spreche. Es sei kein Wunder, „dass es Deutschland so schlecht geht, sowohl wirtschaftlich als auch in anderer Hinsicht“, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Abermals drohte Trump damit, amerikanische Truppen aus Deutschland abzuziehen.

Es ist eine Drohung, die man in Berlin schon kennt von Trump, auch aus seiner ersten Amtszeit. Doch am Wochenende machte Trump Ernst: 5000, wenn nicht noch mehr, amerikanische Soldaten sollen Deutschland demnach in den nächsten Monaten verlassen. Als würde das nicht schon genug Schockwellen für die deutsche Politik auslösen, wiegt eine weitere Ankündigung langfristig noch deutlich schwerer: Die USA werden keine Mittelstreckenraketen mit konventionellen Gefechtskörpern in Deutschland stationieren.
Pistorius bemüht sich um Deeskalation
2024 hatten der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der amerikanische Präsident Joe Biden vereinbart, 2026 Typhon-Raketenwerfer in Deutschland zu stationieren. Die können Marschflugkörper vom Typ Tomahawk und ballistische Raketen abfeuern. So sollte die Abschreckung gegenüber Russland verstärkt werden. Denn Moskau hat in Königsberg selbst Mittelstreckenraketen stationiert, die Kerneuropa erreichen können.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) war am Wochenende derjenige, der als erster deutscher Politiker die Entscheidung von Trump umfassender einordnete. Er bemühte sich um Deeskalation. Pistorius sprach allerdings nur über die Pläne zur Truppenreduzierung, was ein Hinweis darauf sein dürfte, dass man auch in der Bundesregierung die Absage an die Mittelstreckenraketen als bedeutender einstuft. „Die Präsenz amerikanischer Soldaten in Europa und besonders in Deutschland ist in unserem Interesse und im Interesse der USA“, sagte Pistorius am Samstag der Deutschen Presse-Agentur.
Die Entscheidung komme aber nicht unerwartet, schließlich hatten die Vereinigten Staaten angekündigt, ihre Truppenstationierungen zu überprüfen. Schon Ende vergangenen Jahres wurde der Abzug einer US-Brigade aus Rumänien angekündigt. Klar sei, dass die NATO europäischer werden müsse, um transatlantisch bleiben zu können. „Wir Europäer müssen mehr Verantwortung für unsere Sicherheit übernehmen.“ Deutschland sei dabei auf einem guten Weg. Das hatte sogar der stellvertretende amerikanische Verteidigungsminister kürzlich hervorgehoben. Trumps Entscheidung fiel trotzdem.
Pistorius versuchte hervorzuheben, was in diesen unruhigen Zeiten bleibt: Die Rede sei nur von 5000 von insgesamt fast 40.000 Soldaten – wobei Trump später noch einmal nachlegte und davon sprach, womöglich auch mehr Soldaten abziehen zu wollen.
Wen könnte es treffen?
In einigen Ortschaften in Deutschland dürften die Bewohner nervös werden. Werden die amerikanischen Freunde, die mit ihrer Präsenz oft die lokale Wirtschaft signifikant unterstützen, sie verlassen? Das kommt ganz darauf an, welche Einheiten betroffen sind. Klarheit darüber, welche Einheit oder Einheiten das Pentagon aus Deutschland abziehen möchte, besteht noch nicht. Die Bundesregierung und die NATO versuchen wohl gerade, das in Washington herauszubekommen.
Einen Hinweis gibt es. In der ersten Ankündigung des amerikanischen Verteidigungsministeriums war die Rede von einem „Brigade Combat Team“, also einer Kampfbrigade. Tatsächlich befindet sich gerade eine solche Einheit auf Rotationsbasis in Deutschland. Das 1. Armored Brigade Combat Team der ersten Infanteriedivision des amerikanischen Heeres ist gerade als Teil der „Operation Atlantic Resolve“ zu Übungen in Bayern.
Die „Operation Atlantic Resolve“ soll die Bereitschaft der Vereinigten Staaten zeigen, die NATO-Partner zu verteidigen, wie es auf der Internetseite des Europa- und Afrika-Kommandos der US Army heißt. Dafür werden regelmäßig amerikanische Einheiten nach Europa geschickt, um mit den Partnern zu üben.
Das amerikanische Verteidigungsministerium könnte nun entscheiden, nach der Rückkehr dieses Verbands keine rotierende Einheit mehr nach Deutschland zu entsenden, so wie es das eben schon im Falle Rumäniens getan hat. Das wäre für Deutschland wohl der weniger harte Schlag. Am stärksten davon betroffen wären die Truppenübungsplätze in Grafenwöhr – der größte amerikanische Truppenübungsplatz außerhalb der Vereinigten Staaten – und in Hohenfels. Beides sind kleine Orte in der Oberpfalz, die wesentlich von der amerikanischen Truppenpräsenz geprägt sind und von dieser profitieren.

Vermutlich würden die Standorte nicht geschlossen, nur die Zahl der Übungen reduziert. Die Tatsache, dass auch Partnernationen dort Manöver durchführen, lässt hoffen, dass gerade der wirtschaftliche Schaden für die Region nicht übermäßig hoch sein wird. Allerdings gibt es auch Spekulationen, es könnte das 2. Cavalry Regiment (2. Kavallerieregiment) betroffen sein. Der Verband ist im bayerischen Vilseck stationiert, unweit von Grafenwöhr.
Die auch als „Second Dragoons“ bekannte Einheit ist ein Kampfverband, der mit Radschützenpanzern vom Typ Stryker ausgerüstet ist, und stellt das einzige dauerhaft in Deutschland stationierte Brigade Combat Team dar. Das Regiment besteht aus rund 4800 Soldaten, die angekündigte Truppenreduzierung in einer Stärke von 5000 Soldaten würde also ungefähr auf das Regiment zutreffen.
Schon am Ende seiner ersten Amtszeit wollte Trump die Truppenpräsenz in Deutschland reduzieren. Damals war die Rede von 12.000 Soldaten, die abgezogen werden sollten. Schon damals war auch das 2. Kavallerieregiment im Gespräch. Der Plan wurde dann von Joe Biden ausgesetzt und letztlich völlig gestrichen.
Sollte es tatsächlich diesen Verband treffen, wäre das ein ungleich härterer Schlag. Zum Beispiel für die amerikanischen Soldaten. Im Gegensatz zu den auf Rotationsbasis hierher Entsandten sind die Angehörigen des 2. Kavallerieregiments dauerhaft hier stationiert. Sie haben zu großen Teilen ihre Familien mit nach Deutschland gebracht, haben hier Freundschaften geschlossen und sich in den örtlichen Gemeinschaften eingebracht. Dieses Regiment abzuziehen, würde große Veränderungen für die Soldaten bedeuten. Auch hätte der Abzug dieser Einheit schwere ökonomische Folgen.
Auch hätte der Abzug dieser Einheit schwere ökonomische Folgen. Die Wirtschaft in der Region wird maßgeblich von der amerikanischen Truppenpräsenz angetrieben. Das Magazin der amerikanischen Armee „Stripes“ zitiert nun eine Zahl aus dem Jahr 2020. Damals habe ein Offizieller aus Vilseck gesagt, der Abzug des Verbands würde einen Verlust von einer Milliarde Dollar für die bayerische Wirtschaft bedeuten.
Allerdings ist der Abzug des 2. Kavallerieregiments aus Deutschland zumindest formal nicht ganz einfach. Der Kongress hat in den Haushalt für das laufende Jahr einige Bestimmungen aufgenommen, die eine signifikante Änderung der in Europa stationierten Truppen verhindern sollen. So soll die Verlegung eines Verbands zurück in die Vereinigten Staaten nur nach diversen Prüfungs- und Berichtsschritten möglich sein.
Republikaner kritisieren Trump
Die lauteste Kritik an der Entscheidung Trumps kam aus dem Kongress – und aus der eigenen Partei. Die republikanischen Kongressmitglieder Roger Wicker und Mike Rogers, Vorsitzende der Streitkräfteausschüsse des Senats und Repräsentantenhauses, taten in einer Mitteilung ihren Unmut kund. Der Schritt sende „falsche Signale“ an Wladimir Putin.
Das könnte ein Seitenhieb auf Trumps Telefonat mit dem russischen Präsidenten vor einigen Tagen gewesen sein. Danach hatte der Präsident abermals behauptet, Putin wolle ein Ende des Ukrainekrieges, konkrete Zeichen gibt es dafür freilich nicht. Moskau dürfte sich über den Truppenabzug freuen.
Damit, so schrieb es die „New York Times“ unter Berufung auf einen ranghohen Beamten, kehre Washington zum Status quo von 2022 zurück, also vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Das ist auch der Fall wegen des angekündigten Abzugs der rotierenden Brigade mit etwa 800 Soldaten aus Rumänien, ohne Nachschub zu entsenden.
Wicker und Rogers verteidigten Deutschland: Es habe seine Verteidigungsausgaben auf Trumps Forderung hin „deutlich erhöht“. Sie plädierten aber nicht dafür, die Truppen unbedingt dort zu halten. Es sei im amerikanischen Interesse, eine starke Abschreckung in Europa aufrechtzuerhalten, schrieben die beiden Männer. Statt eines Abzugs solle man die 5000 Soldaten also lieber „nach Osten verlegen“. Gemeint gewesen sein dürften Polen und die baltischen Staaten, die von Washington immer wieder für ihre Verteidigungsausgaben gelobt werden.
Auf einer Konferenz im Dezember hob Verteidigungsminister Pete Hegseth hervor, die vier Länder seien „vorbildliche Verbündete“, die ihrer Verteidigung Priorität einräumten. Sie könnten dafür „spezielle Gefälligkeiten“ von den Vereinigten Staaten erwarten. Damals sagte Hegseth aber auch noch über Deutschland, es zähle „zunehmend“ zu dieser Riege.
Die beiden Kongressmitglieder schrieben an Trump gerichtet, jede wesentliche Änderung der Streitkräftepräsenz in Europa bedürfe einer „sorgfältigen Überprüfung“ und einer „engen Abstimmung mit dem Kongress und unseren Verbündeten“. Das Pentagon müsse sich mit den Ausschüssen über die Entscheidung austauschen.
