Immer wenn Sepideh Qolian aus der Haft entlassen wird, dauert es nicht lange, bis sie mit einer neuen Protestaktion gegen das iranische Regime von sich reden macht. Seit Juni ist sie wieder frei. Ihr neuestes Projekt: Ledertaschen. Die Menschenrechtsaktivistin lässt die Taschen von Gefangenen in Haftanstalten nähen und verkauft sie über die Plattform Instagram an Unterstützer. Auf den Werbefotos für die Taschen posiert sie im ärmellosen Kleid und mit offenen Haaren. Ein demonstrativer Verstoß gegen die islamistischen Kleiderregeln des Regimes. Als Fotografen hat sie bewusst einen Teilnehmer der Januar-Proteste aus ihrer Heimatprovinz Chuzestan engagiert.
„Das ist unsere Art, der Islamischen Republik zu sagen, dass wir nicht mit ihr kooperieren, dass wir zusammenhalten und versuchen, uns treu zu bleiben“, sagt die 31 Jahre alte Aktivistin in einem Telefonat mit der F.A.Z. Warum Ledertaschen? „Es geht darum, unsere finanzielle Unabhängigkeit zu bewahren, damit wir unsere Positionen noch entschlossener und effektiver vertreten können.“ Mit „wir“ meint sie ein Kollektiv aus 35 Frauen, von denen manche aus dem Gefängnis entlassen wurden und andere noch in Haft sind. Die Arbeit mit den Händen sei auch eine Möglichkeit, mit den harschen Haftbedingungen umzugehen. Sie hat selbst erlebt, wie gemeinsame Handarbeit die psychische Gesundheit ihrer Mitgefangenen so weit verbesserte, dass diese ihren Konsum an Schlafmitteln reduzieren konnten.
Nicht zuletzt ist die Taschen-Aktion ein Protest gegen die Arbeitsbedingungen in den Haftwerkstätten. Qolian spricht von „Ausbeutung“. Denn die Arbeit sei nicht freiwillig. Wer nicht arbeite, verliere „Privilegien“ wie Telefonate, Besuche und Freigang. Sieben Jahre ihres Lebens hat Qolian schon hinter Gittern verbracht. Sie weiß, wovon sie spricht. Insassen, die nicht aus politischen Gründen inhaftiert seien, hätten in der Regel Anrecht auf ein fünfminütiges Telefonat am Tag. Wer länger sprechen oder auch noch seinen Anwalt anrufen wolle, sei gezwungen zu arbeiten.
Manche Häftlinge arbeiten, um sich vor der Hinrichtung zu retten
Die Löhne seien gering, die Arbeitszeiten lang. Bei Arbeitsunfällen seien die Betroffenen nicht versichert. Die Einnahmen kommen der sogenannten Stiftung der Gefangenen-Kooperative zugute, die nach eigenen Angaben 2200 Produktionsstätten in oder im Umfeld von Gefängnissen betreibt und die Produkte unter dem Label Hami (Unterstützer) vertreibt. Einer der früheren Vorsitzenden der Stiftung kam von der Revolutionsgarde.
Manche Gefangenen würden arbeiten, um der Brutalität der Wächter oder der Lethargie zu entkommen, sagt Qolian. Andere, um ein Handwerk zu erlernen. Wieder andere, um das Blutgeld zu finanzieren, das sie vor einer Hinrichtung retten kann. In Iran können die Angehörigen eines Ermordeten dem Täter vergeben und ihn so vor der Todesstrafe bewahren. Häufig fordern sie dafür hohe Geldbeträge.
Ein solcher Fall hat Qolian auf die Idee mit den Taschen gebracht. Die Gefangene hieß Somayeh Shahbazi. Sie hatte einen Mann getötet, der nach ihren Angaben versucht hatte, sie zu vergewaltigen. Um das Blutgeld zusammenzubekommen, arbeitete sie tagsüber in einer Hami-Werkstatt und nachts an eigenen Handarbeiten, die sie mithilfe ihrer Familie verkaufte. Trotzdem wurde die Frau 2019 hingerichtet. Nach ihrem Vorbild lässt Qolian jetzt die Materialien für Handarbeiten von den Angehörigen in die Gefängnisse bringen – und die fertigen Taschen herausbringen.
Einer Mitgefangenen steckt noch ein Geschoss im Unterleib
Unter den Produzentinnen sind auch Frauen, die im Januar wegen ihrer Beteiligung an Massenprotesten festgenommen wurden. Bei deren Niederschlagung wurden Tausende Demonstranten erschossen. Die Überlebenden seien in den Gefängnissen einem beispiellosen Maß an Gewalt ausgesetzt, sagt Qolian. Das habe sie selbst beobachtet und über Berichte aus anderen Gefängnissen erfahren. „Ich habe schon viele Gefängnisse gesehen, aber eine solche Katastrophe habe ich nie zuvor erlebt.“
Qolian saß zur Zeit der Proteste im Vakilabad-Gefängnis in Maschhad ein. Dort traf sie die 20 Jahre alte Hananeh Porzoo, in deren Unterleib noch ein Geschoss steckte, obwohl sie unmittelbar vor der Festnahme operiert worden war. Der jungen Frau sei eine weitere OP zugesagt worden, doch dann sei sie mit Verweis auf Personalmangel nicht ins Krankenhaus gebracht worden, berichtet Qolian. Eine andere Mitgefangene habe einen sexuellen Übergriff anzeigen wollen. Aber der zuständige Staatsanwalt habe ihr mitgeteilt, es handle sich um einen normalen Vorgang. Den jungen Demonstranten sei damit gedroht worden, dass sie hingerichtet würden. Manche seien nur deshalb inhaftiert, weil sie einen Post des amerikanischen Präsidenten Donald Trump geliked hätten.
Qolian verbrachte zuletzt sechs Monate in Haft, weil sie im Dezember bei einer Trauerzeremonie für den verstorbenen Menschenrechtsanwalt Khosrow Alikurdi Protestparolen skandiert hatte. Mit dabei war auch die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi; sie wurden zusammen festgenommen. Beide hatten sich zuvor lange eine Zelle geteilt. Qolian sagt über Mohammadi: „Sie ist für mich eine Quelle der Hoffnung.“ Als die Vereinigten Staaten und Israel im Februar Iran angriffen, erlebte Qolian den Krieg hinter Gittern im Vakilabad-Gefängnis in Maschhad. Immer, wenn führende Regimekräfte für tot erklärt wurden, die für die Niederschlagung der Januar-Proteste verantwortlich gemacht werden, erschallten „Danke, Gott“-Rufe in den Zellen. „Diese Momente gehörten zu den besten unseres Lebens“, sagt Qolian.
Die Aktivistin glaubt, dass es bald neue Proteste gegen das Regime gibt
Seit ihrer Entlassung sieht die Aktivistin in ihrer südiranischen Heimatstadt Dezful die wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Leute, die im Müll wühlen und auf der Straße übernachten. Kinder, die arbeiten. Auch wegen ständiger Strom- und Telefonnetzausfälle liege die Wirtschaft am Boden. Die Regimekräfte würden dagegen von den Sanktionen profitieren. Die Aktivistin glaubt, dass die Wut auf das Regime so groß sei, dass es bald neue Proteste geben werde. „Ein Meer aus Blut trennt uns von der Regierung“, sagt sie mit Blick auf die getöteten Demonstranten.
Qolian kommt aus einer religiös-konservativen Arbeiterfamilie. Als sie 13 war, begehrte sie auf. Mit 24 wurde sie im Zusammenhang mit einem Arbeiterprotest in einer örtlichen Zuckerfabrik erstmals inhaftiert. Jetzt, im Alter von 31 Jahren, sagt sie: „Weder das Leben noch der Tod hat im heutigen Iran noch einen Wert.“ Sie sieht ihre Bestimmung darin, auf das Schicksal derer hinzuweisen, die noch immer im Gefängnis sind.
Mit Interviews wie diesem riskiert Qolian eine weitere Festnahme. Seit dem Zwölftagekrieg im vergangenen Jahr stuft die iranische Justiz Kontakte zu ausländischen Medien immer häufiger als Zusammenarbeit mit dem Feind ein. Die Aktivistin lässt sich davon nicht einschüchtern. „Solange ich denken kann, beschuldigt uns die iranische Regierung für alles, was wir tun, der Spionage“, sagt sie. „Wir werden auf keinen Fall zurückweichen.“
