Am Strand von Canggu hat sich vor einem Tempelgebäude eine kleine Menschentraube gebildet. Nicht, um zu beten. Die Versammelten tragen weiße und gelbe Säcke in den Händen. Die Ausrüstung kommt von der Organisation Trash Hero. Sie hat zur Strandsäuberung im Südwesten Balis eingeladen. Zwei Indonesier, ein französisches Paar und eine Chinesin wollen sich an der Aktion am Batu Bolong Beach beteiligen. Ein Deutscher mit dem Namen Sebastian, der wie die meisten Interviewpartner seinen Nachnamen lieber nicht veröffentlicht sehen will, erklärt die Aufgabe. Die gelben Säcke seien für den recycelbaren Müll bestimmt, die weißen für den Restmüll. „Wir versuchen, jeden Sonntag so viel Müll wie möglich einzusammeln“, sagt er.
Dabei gehe es in erster Linie um Symbolik, sagt Sebastian. Die Strandbesucher sollten sehen, wie die Freiwilligen aus aller Welt beim Aufräumen mithelfen. „Vielleicht denken sie dann darüber nach, ihren Müll nicht einfach liegen zu lassen, oder sie bringen ihn zu einem Mülleimer“, sagt er. Die Müllsammler gehen von dem Hindutempel in Richtung der Urlauber, die dicht an dicht den Strand bevölkern. Die Säcke füllen sich rasch. Zwischen Männern, die Fußball spielen, und jungen Frauen, die Selfies machen, lesen die Freiwilligen Plastikflaschen, Aluminiumdosen und Zigarettenstummel auf.
Kurz vor Sonnenuntergang, wenn die Balinesen an ihren Tempeln kleine Opfergaben ablegen, kehren die Müllsammler zurück. Die Säcke ziehen sie hinter sich her, sodass sie Spuren in den dunklen Lavasand malen. Nachdem der gesamte Müll sortiert ist, wiegt einer der Indonesier ihn ab: 26 Kilogramm. Die Ausbeute ist damit etwas geringer als an den Wochenenden davor. Sebastian sagt, der Strand sei dieses Mal vergleichsweise sauber. An anderen Tagen werde zusätzlicher Müll aus dem Meer angespült. Einmal habe Trash Hero sogar 325 Kilogramm gesammelt. „Man konnte keinen Fleck finden, an dem kein Müll lag“, sagt Sebastian.
Minister aus Südkorea beschwerten sich beim Präsidenten
Ein Teil der Plastikflut wird in der Regenzeit zwar auch aus den Bergdörfern oder gar benachbarten Inseln an den Strand gespült. Balis Gouverneur Wayan Koster zufolge stammen aber 41 Prozent des Mülls von den Hotels, Restaurants und Cafés. Neben der Müllmenge gehören Lücken im Entsorgungssystem, eine mangelhafte Müllabfuhr und überquellende Deponien zum Problem. Plastik wird verbrannt, endet am Straßenrand oder landet in Flüssen. Öffentlich kritisierte Indonesiens Präsident Prabowo Subianto die Provinzregierung wegen der Müllberge. Südkoreanische Minister hätten sich bei ihm beschwert, wie „dreckig“ die Insel sei.

Der Müll gehört neben den endlosen Staus zu den sichtbarsten Folgen eines Massentourismus, der im Jahr 2025 eine Rekordzahl von knapp sieben Millionen internationalen Besuchern nach Bali geführt hat. Der Ansturm strapaziert die Natur, die Infrastruktur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf der „Insel der Götter“. Zuletzt hatten im Juli mehrere umweltpolitische und zivilgesellschaftliche Gruppen für einen Stopp aller neuen Tourismusprojekte protestiert. Sie fürchten, dass der Charme Balis mit seinen Reisterrassen, der vom Hinduismus geprägten Spiritualität und Traumstränden für immer verloren gehen könnte.

Wie der Massentourismus Bali verändert, lässt sich nirgendwo so gut beobachten wie im Dorf Canggu. Zäune blockieren den Blick auf Baustellen, wo sich vor Kurzem noch saftig grüne Reisfelder erstreckten. Touristen und Einheimische drängen sich auf Motorrollern durch die engen Straßen. Auf einem Sonntagsmarkt in der Nähe des Strands schieben sich Backpacker, Surfer und junge Digitalnomaden an Ständen mit ätherischen Ölen, probiotischen Drinks und Proteinsmoothies vorbei.
Jeder darf kommen, sollte aber die Regeln beachten
Unter Palmen, neben Kleidungsständern und Schmuckauslagen posieren die Gäste für Selfies oder filmen kleine Videos für Instagram. Ein Inder namens Peeyush lobt die freundliche Atmosphäre. Ein anderer Mann steht schwitzend vor einem Ventilator und schüttelt den Kopf. „Dieser Ort ist für mich schrecklich, es sind einfach zu viele Leute“, sagt der 57 Jahre alte Bertrand. Orte wie Canggu und das balinesische Kulturzentrum Ubud hätten vor zwei Jahren noch völlig anders ausgesehen. „Das hier ist nichts mehr für mich“, klagt der Franzose.
Die Indonesierin Maria Kasa findet, dass es vielen Orten Balis, der Nachbarinsel Lombok und den kleineren Gili-Inseln mittlerweile sehr laut geworden sei. Die Musik der Clubs schallt kilometerweit und bis in die frühen Morgenstunden durch die Nacht. „Ich habe es lieber etwas ruhiger“, sagt die 35 Jahre alte Investmentbankerin aus der Hauptstadt Jakarta. Einige Besucher wüssten sich außerdem nicht richtig zu benehmen. „Manche Leute haben kein Verständnis für die hiesigen Gepflogenheiten“, sagt Kasa. „Wer kommen will, soll kommen – aber man muss auf die Regeln achten.“
Einzelne Touristen verhalten sich den Balinesen und ihrer Kultur gegenüber respektlos, beklagen viele Einheimische. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Touristen oben ohne auf Motorrollern unterwegs sind, nackt in heiligen Stätten posieren, Graffiti auf Wände schmieren oder Einheimischen gegenüber ausfallend werden. Jüngst wurde ein junger Schweizer zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er sich in einem Video über den Hindu-Feiertag Nyepi lustig gemacht hatte. An diesem „Tag der Stille“ bleiben Geschäfte geschlossen, und die Straßen sind wie leergefegt. Der Schweizer hatte sich über die „verrückten“ Auswirkungen des Feiertags aufgeregt.
Die Balinesen fürchten, in ihrer Heimat zu Außenseitern zu werden
In einem anderen Fall hatte eine Indonesierin festgestellt, dass ihre Anmeldung bei einem Laufklub anders als die ihres ausländischen Ehemanns nicht beantwortet wurde. Der Klub wies die Vorwürfe zurück, er diskriminiere Indonesier. Die beiden niederländischen Gründer dürfen nun nicht mehr auf Bali einreisen. Die Geschichte hatte einen Nerv getroffen. Denn viele Einheimische haben zunehmend das Gefühl, zu Außenseitern in ihrer eigenen Heimat zu werden.
Die Langzeitbesucher, die sich vor allem seit der Covid-Pandemie verstärkt auf Bali niedergelassen haben, drücken Orten wie dem ehemaligen Fischerdorf Canggu ihren Stempel auf. Dort finden sich vegane Restaurants neben Yogastudios und Co-Working-Spaces. Einer dieser Arbeitsräume befindet sich unweit des Marktes in einem mehrstöckigen Neubau mit angeschlossenem Café und Fitnessstudio. Im Obergeschoss sitzen mehrere junge Männer mit Kopfhörern auf den Ohren hinter ihren Laptops.
Einer von ihnen ist der 28 Jahre alte Brodie aus Perth, der von hier aus Immobilienprojekte in Australien, Dubai und auf Bali betreut. In Canggu finde er neben freundlichen Einheimischen auch Gleichgesinnte, „die am Laptop arbeiten und auf ihre Gesundheit achten“. Das Fehlverhalten einiger weniger sollte kein schlechtes Licht auf die anderen werfen, warnt der Australier. Die meisten Digitalnomaden verhielten sich respektvoll gegenüber der balinesischen Kultur. „Ich gehöre zu den Guten“, sagt er.
In diesem Jahr wurden schon 342 Ausländer von der Insel abgeschoben
Für viele Langzeitbesucher stellt sich aber irgendwann die Frage, wie sie ihren Aufenthalt finanzieren. Es werden immer mehr Fälle bekannt, in denen Ausländer Essen ausfahren, Veranstaltungen organisieren und ihre Dienste als Fotograf oder Videograf anbieten – Tätigkeiten, die auch Einheimische erledigen könnten. Die Behörden haben eine Taskforce gegründet, die Missbrauch von Visaauflagen und illegale Geschäftstätigkeit aufdecken soll. Allein von Januar bis Juni 2026 wurden schon 342 Ausländer von der Insel abgeschoben.

Trotz der schärferen Kontrollen ist Bali für viele Digitalnomaden weiter das Traumziel. In Canggu werden immer mehr Flächen freigemacht, Fundamente gelegt und Betonpfeiler hochgezogen. Auf diese Weise verschwindet mehr und mehr von der Natur, durch die Bali ursprünglich so attraktiv für Besucher geworden ist. Von Canggu aus machen sich viele Touristen mit ihrem Mietroller auf den Weg, um einige der schönsten Plätze der Insel zu erkunden. Dazu gehören spektakuläre Reisterrassen, Wasserfälle und Vulkane.
Eines der beliebtesten Ziele befindet sich auf Nusa Penida, einer Nachbarinsel, die zur Provinz Bali gehört. Die Überfahrt von dem südostbalinesischen Ort Sanur dauert etwa 40 Minuten. Vom Fähranleger geht es auf der Insel über eine steile und enge Straße zu einem vollgestellten Parkplatz. Von dort zieht ein Besucherstrom bis an einen Felsabhang, an dem die Touristen so dicht vor einem Geländer stehen, dass die eigentliche Attraktion zunächst gar nicht zu sehen ist. Erst wenn man sich zwischen den fotografierenden Touristen in eine Lücke gedrängelt hat, gelingt es, einen Blick zu erhaschen.

Unterhalb des Abhangs kommt ein grün bewachsener Felsen zum Vorschein, dessen Form an den Kopf eines T-Rex erinnert. Der „Dinosaurierfelsen“ von Nusa Penida gehört seit ein paar Jahren zu den beliebtesten Fotomotiven Balis. Doch etwas ist anders als früher: Oberhalb des Felsens kommt ein rostiges Baugerüst in Sicht, das mit Seitenstreben an der Klippe befestigt wurde. Ein Fremdkörper am Felsen, wie eine Metallschiene, die von außen einen gebrochenen Arm zusammenhält. „Das Gerüst verschandelt die Natur“, entfährt es einer Italienerin mit dem Namen Claudia bei dem Anblick, „es sollte so schnell wie möglich abgerissen werden.“
Der Glasaufzug von Nusa Penida wurde zum Symbol
Das Baugerüst wurde in den vergangenen zwei bis drei Jahren errichtet, weil an dem Felsen ein 182 Meter hoher Glasaufzug für die Touristen entstehen sollte. Mit dem Aufzug sollten die Besucher sicher von dem Abhang auf den darunterliegenden Kelingking-Strand gelangen können. Bisher gibt es zum Strand nur eine steile, schmale Treppe, über die sich die Touristenmassen hinab- und hinaufschieben. Doch der geplante Aufzug hatte im vergangenen Jahr für Empörung gesorgt. Viele Influencer und auch zahlreiche Anwohner wandten sich gegen den Bau.
Die Provinzregierung verwies zudem auf fehlende Genehmigungen für Teile des Bauprojekts. Gouverneur Koster ordnete an, die Konstruktion abzubauen und den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Heute hängt das Gerüst aber immer noch am Felsen. Darüber ragt ein Baukran in die Höhe. Der chinesische Tourist Li Yuchen sagt, er fände den Aufzug eigentlich gar nicht schlecht. Mit einem vom Schweiß völlig durchnässten Hemd ringt er am oberen Ende der Treppe nach Luft. „Ich glaube, das ist ein bisschen gefährlich. So viele Menschen auf den Stufen“, sagt der Mann aus Schanghai. „Wenn es hier einen Aufzug gäbe, wäre das für viele Menschen besser.“ Mitte September war eine Australierin an der Klippe in den Tod gestürzt.
Für viele internationale Besucher ist das Bauvorhaben jedoch ein Symbol dafür, wie in die Natur Balis eingegriffen wird. Auch die Provinzregierung versucht, dem Baurausch etwas Einhalt zu gebieten. Seit Anfang des Jahres gilt formal ein Baustopp für landwirtschaftliche Flächen in sechs Bezirken der Insel. Dort dürfen keine neuen Hotels, Villen und gewerbliche Unterhaltungsangebote auf Ackerland entstehen. Doch in den anderen Gebieten geht der Bauboom unverändert weiter. Insbesondere einige der Touristenzentren im Süden der Insel sind davon ausgenommen.
Von Nusa Penida geht es zurück auf die Hauptinsel, wo in den Hügeln im Südwesten ein neues Urlaubszentrum entsteht. Uluwatu war bisher für seine schroffen Klippen, weißen Strände mit idealen Surfbedingungen und den gleichnamigen Hindutempel bekannt, der majestätisch an einem Abhang thront. Nun entwickelt er sich zu einem neuen Canggu – nur etwas teurer, luxuriöser und exklusiver. An zahlreichen Ecken entstehen neue Hotels, Villen und Restaurants. Wie eine riesige Narbe führt der aufgeschüttete Sockel einer neuen Ringstraße durch die Felslandschaft.
Einige Surfer nennen den Strand nun „Bingin Gaza“
Trotz der regen Geschäftstätigkeit gibt es in Uluwatu einen Strand, an dem es nur eine Surfschule, einige Liegen und einen kleinen Verkaufsstand für Getränke gibt. Der Weg an den Bingin Beach führt über einen verschlungenen Pfad eine steile Klippe hinab. Beim Abstieg sind statt Restaurants und Villen nur noch Steine, Betonreste und Stahlstreben auf dem Boden zu sehen. Kurz oberhalb des Strands liegt tonnenweise Bauschutt. Einige Surfer würden den Strand wegen der Trümmerlandschaft nur noch als „Bingin Gaza“ bezeichnen, berichtet ein Mann, der mit seinem Brett unter dem Arm den Weg hinaufkommt.
Am Hang liegen die Überreste ehemaliger Lokale, Geschäfte und Unterkünfte, die vor einem Jahr der Abrissbirne zum Opfer gefallen sind. Nach Angaben der Behörden wurden die Gebäude ohne ausreichende Genehmigungen betrieben und teilweise auf staatlichem Land errichtet. Sie hatten daraufhin entschieden, die Gebäude abzureißen. „Es ist traurig. Ich bin hier aufgewachsen. Mit fünf Jahren bin ich zum ersten Mal an den Strand gegangen“, sagt der Surflehrer Agus, der im Neoprenanzug am Ufer steht.

Die Regierung plane nun, Restaurants und eine Bühne für Tanzaufführungen aufzubauen, sagt der Surflehrer weiter. Aber wann das passiere, sei unklar. „Eigentlich sollte hier schon längst aufgeräumt sein. Aber es ist immer noch alles da“, sagt Agus. Zusammen mit einigen Ausländern haben die Surfer Teile des Strands aufgeräumt. „Denn wenn eine große Welle kommt, wird alles mitgerissen und gelangt ins Meer“, so der Balinese. „Da sind auch Metallstangen dabei, das ist sehr gefährlich.“ Trotz des trostlosen Anblicks liegen im Wasser die Surfer auf ihren Brettern, die Urlauber bräunen sich in der Mittagssonne.
Unter einem Sonnenschirm sitzt zudem der Anwohner Made, der aus einer Tiefkühltruhe Getränke verkauft. Ihm zufolge waren Mitte der Achtzigerjahre die ersten Touristen aus Kuta und Seminyak mit ihren Motorrollern nach Uluwatu gekommen. Einige Anwohner begannen, für sie kleine Imbisse aufzubauen – darunter er selbst und auch die Eltern des Surflehrers Agus. Made hatte jahrelang oberhalb des Strands in seinem sogenannten Warung gebratenen Reis und gebratene Nudeln verkauft. „Nun habe ich wie viele andere meinen Arbeitsplatz verloren“, so der 61 Jahre alte Indonesier.
Unter den Strandgästen ist der 35 Jahre alte Deutsche René, der knöcheltief im nahezu glasklaren Meerwasser steht. Mit seiner Ehefrau sei er schon zum zweiten Mal hier, berichtet der Deutsche. Für die beiden war der Bingin Beach eigentlich der schönste Strand, den sie auf Bali entdeckt hatten. „Vor zwei Jahren standen hier aber noch die ganzen Gebäude.“ Erst als das Paar am Strand eintraf, habe es bemerkt, dass alles abgerissen worden war. Dem deutschen Paar ist der Rummel auf Bali mittlerweile auch ein bisschen zu viel geworden. Zwar komme der Tourismus natürlich den Einheimischen zugute. Aber es werde eben auch viel zerstört, sagt der Deutsche. „Man müsste eine Balance finden.“
