
Es ist kein ganz normales Büro. Das sieht man auf den ersten Blick. Auch wenn Martina Cooper schon mehrmals umgezogen ist innerhalb der Städelschule: Die zahlreichen, vom Förderverein Städelschule Portikus aufgelegten Editionen bekannter Künstler wie Monika Baer und Christa Näher, Peter Fischli oder Willem de Rooij, die hier an den Wänden hängen, hat sie noch stets mitgenommen. Dabei hatte sie, als sie hier anfing, erst einmal kaum eine Vorstellung davon, auf was sie sich da eingelassen hatte. Woher auch? Immerhin war die Städelschule seinerzeit, also vor genau 35 Jahren, kein offenes Haus wie heute.
Es gab keine alljährlichen, von Kuratoren, Galeristen und Tausenden Neugierigen besuchten Rundgänge durch die studentischen Ateliers; keine Absolventenausstellung und nicht einmal eine Mensa, die erst mit Peter Kubelka und seiner Klasse für Film und Kochen zu einer auch Gästen offenstehenden Institution wurde. Und unter den Professoren gab es mit Christa Näher gerade einmal eine Frau. „Aus heutiger Sicht unvorstellbar“, wie Cooper sagt. Mehr noch, im Grunde war die kleine, schon damals feine Kunsthochschule selbst für Frankfurter noch Terra incognita – und was hier vor sich ging, war in der Stadtgesellschaft kaum präsent. Dennoch war Martina Cooper, als sie zum Vorstellungsgespräch über die Schwelle trat, sofort elektrisiert.
„Ich mochte den Duft von Ölfarbe und den Geruch von Terpentin“, kann sie sich noch gut erinnern. Und die meist fest verschlossenen Ateliertüren waren ihr schon damals ein einziges Versprechen. Dabei hatte die in Kalifornien aufgewachsene Cooper mit Kunst zunächst allenfalls mittelbar etwas am Hut. Sicher, so sagt sie allerdings: „Ich war schon immer an Menschen interessiert, die sich entschieden haben, Kunst zu machen.“ Aber das war es dann auch schon beinahe. Die Berührungsängste hielten sich indes durchaus in Grenzen. Immerhin waren in den Neunzigerjahren, wie sich Cooper erinnert, viele der damaligen Studenten in ihrem eigenen Alter. Als Verwaltungsangestellte aber, als die sich die damals 25 Jahre junge Frau auf eine Zeitungsanzeige an der Städelschule beworben hatte, waren ihre Aufgaben naturgemäß andere.
Eine Vertrauensperson für die Studenten
Cooper fing zunächst in der Architekturklasse an, wechselte später ins Studentensekretariat und ins Büro des Rektors, wo sie von Kasper König über Daniel Birnbaum, Nikolaus Hirsch und Philippe Pirotte bis Yasmil Raymond verschiedene Schulleiter – und sehr unterschiedliche Persönlichkeiten – begleitete. Jetzt leitet sie das Büro für „External Affairs“, wo sie sich um Stipendien, Preise, Förderungen kümmert und dergleichen mehr. Und sie ist nach all den Jahren so etwas wie das lebendige Archiv der Akademie. „Eine Art Zeitkapsel“, wie Cooper selbst formuliert. Eine Vertrauensperson für die Studenten aber auch, wie es zuletzt vielleicht das legendäre Hausmeisterehepaar Hartmut und Helga Rausch gewesen ist, dessen eigene, aus Arbeiten der Studenten gewachsene Kunstsammlung im Portikus ebenso zu sehen war wie im KW Institute for Contemporary Art in Berlin.
Auch Cooper hütet zu Hause den einen oder anderen kleinen Schatz. Und wer weiß, vielleicht bekommt man auch die „Sammlung Cooper“ eines Tages zu Gesicht. Immerhin hat sie in all den Jahren mehrere Generationen von Studenten begleitet. All die jungen Künstler, die hier ihre ersten Schritte zu einer erfolgreichen Karriere taten wie Tobias Rehberger, Michael Riedel oder Kerstin Cmelka, die längst selbst an bekannten Akademien in Frankfurt, Leipzig oder Offenbach lehren; die sich „hier ausprobieren konnten – und auch scheitern durften“, wie Cooper voller Anerkennung sagt. Schließlich gehöre da „schon etwas dazu, sich nackig zu machen“. Dabei kommt es bei Licht besehen genau darauf am Ende an.
Als zwei Studenten ein öffentliches Schwimmbad eröffneten
„Es ist die beste Ausbildung fürs Leben, hat Kasper König immer gesagt. Weil man sich hier mit sich selbst beschäftigen muss.“ Hier auch, in den frühen Neunzigerjahren an der Städelschule, entwickelte sich denn auch kaum zufällig die einst blühende Frankfurter Off-Kultur. Schlicht, weil es sonst kaum etwas gab. Keine Ausstellungsmöglichkeiten jedenfalls, nicht in kommerziellen Galerien noch in Museen und institutionellen Räumen, sodass „die jungen Künstler einfach machten“. Soll heißen, die Dinge selbst in die Hand nahmen und Räume wie den Muttertag, das Gartner’s oder die Galerie Fruchtig, das Phantombüro oder die Freitagsküche eröffneten. Leer stehende Läden, Tankstellen, Lagerschuppen, die manchmal einmal in der Woche, mitunter auch nur zur Vernissage geöffnet hatten – und nach der großen Party zur Eröffnung mitunter auch wieder verschwanden.
Das Konzept, Kunst und Underground und Party zusammenzudenken, ist hier verwurzelt. Im Bedürfnis der Studenten, rauszugehen und zu zeigen, was sie machten. Vor allem aber gab es ein neugieriges Publikum, das wie Martina Cooper wissen wollte, was die jungen Leute hinter den Türen ihrer Ateliers den lieben langen Tag so machten. Cooper mochte man seinerzeit denn auch an allen diesen Orten treffen. Und so ziemlich jeder, der den Sommer 1996 in Frankfurt verbracht hat, dürfte sich noch an das öffentliche Schwimmbad erinnern, das die damaligen Studenten Dirk Paschke und Daniel Milohnić vor den Bildhauerateliers in der Daimlerstraße eröffneten – und das ein paar Jahre später mit dem „Werksschwimmbad“ in der Zeche Zollverein eine spektakuläre Fortsetzung finden sollte.
Cooper erinnert all das bewundernswert genau. Und strahlt dabei. War sie doch immer mittendrin. Weshalb es sich zu Beginn der Nullerjahre ganz selbstverständlich fügte, dass sie mit Dagmar Reinhardt, seinerzeit Assistentin in der Architekturklasse und heute Professorin in Sydney, selbst einen Off-Space gründete. Dabei war der Luftraum im Terminal 1 am Flughafen kaum mehr als ein begehbares Schaufenster. Doch was die damaligen Städelschüler daraus machten, wie heute international bekannte Künstler wie Sandra Kranich, Kerstin Cmelka oder Martin Neumaier, Tue Greenfort, Sunah Choi und Michael Beutler den Raum mit ihren ersten Ausstellungen überhaupt bespielten, begeistert Martina Cooper noch immer, wenn sie nur davon erzählt.
Heute scheint die Off-Kultur Geschichte. Und vielleicht braucht man sie in Zeiten auch nicht mehr, in denen Studenten in kommerziellen Galerien ausstellen und zu Biennalen nach Venedig oder São Paulo eingeladen werden. Nicht nur kommen die jungen Künstler längst aus aller Welt und bleiben mitunter kaum mehr als ein, zwei Jahre an der Städelschule, um danach nach Brüssel, Kopenhagen oder London, nach Stockholm oder Los Angeles zu gehen. Vielmehr haben sich vor allem die Strukturen und Bedingungen radikal verändert. Mag sein, alles hat seine Zeit. Auch die Off-Kultur. Und selbst die Kunst. „Im Grunde“, sagt Martina Cooper, „ist das alles gar nicht lange her. Und doch erscheint mir manches Lichtjahre entfernt.“
