
Drei Wochen im Dienst hat Claus Kaminsky (SPD) noch vor sich, aber am Wochenende ist der Abschied des Hanauer Oberbürgermeisters schon einmal offiziell vorgefeiert worden: Vor großer Kulisse ist im Amphitheater am Schloss Philippsruhe der Wechsel in den Ruhestand Ende September eingeleitet und seine Leistung in 31 Amtsjahren gewürdigt worden. Zudem wurde Hessens dienstältester Oberbürgermeister zum Ehrenbürger seiner Vaterstadt ernannt – die höchste Auszeichnung, die Hanau vergibt.
Den Termin am ersten Septemberwochenende hat der 66 Jahre alte Kaminsky so sorgfältig gewählt, wie er seinen gesamten Übergang in den Ruhestand organisiert hat: Die Abschiedsfeier fand am Rande des Bürgerfests statt, des größten Volksfests in Hanau. Mit ihm wird an den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Stadt erinnert. Das stellt den Bezug zu einem der größten Projekte her, das in Kaminskys Amtszeit bewältigt worden ist: der Umbau der Innenstadt, der in Hanau inzwischen als der zweite Wiederaufbau nach dem Krieg wahrgenommen wird.
Kaminsky als „Stimme der Stadt“
Auch von daher bedeutet Kaminskys Rückzug den „Einschnitt für Hanau und Hessen“, den Innenminister Roman Poseck (CDU) als Vertreter der Landesregierung an den Anfang seines Grußwortes stellte. Er zählte noch weitere Wendepunkte aus Kaminskys 31 Dienstjahren auf: die Kreisfreiheit Hanaus, das seit Anfang des Jahrs wieder selbständig ist und nicht mehr zum Main-Kinzig-Kreis gehört, aber auch das Attentat vom 19. Februar 2020, als ein Deutscher aus rassistischen Motiven erst neun Menschen mit ausländischen Wurzeln tötete, bevor er seine Mutter und sich selbst erschoss. Kaminsky sei zur Stimme der Stadt geworden, habe alles für den Zusammenhalt in Hanau getan, Orientierung, Halt und Zuversicht vermittelt: „Er ist über sich hinausgewachsen“, sagte Poseck.
Mit Martin Bieberle hielt der engste Mitarbeiter – „Kaminskys Schatten“ – die Laudatio auf seinen „Freund und Chef“. Mit Kaminskys Wahl zum Bürgermeister wechselte er ins Hanauer Rathaus, nach zuvor zehn gemeinsamen Jahren in der Kreisverwaltung. Er bescheinigte dem scheidenden Oberbürgermeister außer Mut und Durchsetzungsfähigkeit ein außerordentliches Pflichtbewusstsein. Als Kennzeichen seines Arbeitsstils nannte Bieberle die Überzeugung, dass Ergebnisse wichtiger als der Prozess seien und dass für den „Sozialdemokraten durch und durch“ dennoch erst die Stadt, dann die Partei eine Rolle spielte. So sei es Kaminsky gelungen, in wichtigen Fragen parteiübergreifend Mehrheiten zu finden, sei es zum Innenstadtumbau, zur Konversion der früheren Liegenschaften der amerikanischen Armee oder zur Kreisfreiheit der Stadt.
Attentat von Hanau als „Stunde der maximalen Bewährung“
In der „Stunde der maximalen Bewährung“ nach dem Attentat des 19. Februar sei Kaminsky der gestandene, kluge und zugewandte Oberbürgermeister gewesen, den die Stadt so sehr gebraucht habe. Noch in der Nacht der Morde habe Kaminsky zwei Ansagen gemacht: Das Wichtigste sei es, sich um die Angehörigen zu kümmern. Die zweite Ansage sei der Satz gewesen, dass die Opfer keine Fremden gewesen seien, der Begriff von Fremdenfeindlichkeit also am Geschehen vorbeigehe.
Der künftige Oberbürgermeister Maximilian Bieri (SPD) verwies in seiner Ansprache auf ein weiteres Alleinstellungsmerkmal Kaminskys im Land: Er sei der einzige Oberbürgermeister, der sich in vier Direktwahlen jeweils in der ersten Runde durchgesetzt habe. Auch das sei Zeichen der Anerkennung, wie es auch der einstimmige Beschluss der Stadtverordneten gewesen sei, ihn als Ehrenbürger Hanaus auszuzeichnen.
Kaminsky selbst gab in seiner Abschiedsrede eine Reihe von Versprechen, zuallererst seiner Familie: Er werde nicht am frühen Sonntag mit einer Tüte Brötchen bei den Familien seiner drei Söhne klingeln und sie mit einem munteren „Lasst uns frühstücken und dann in den Spessart fahren“ behelligen. Vorsatz: „Keine Spontanwanderungen, jedenfalls nicht allzu oft.“ Was es auch nicht geben werde, sagte Kaminsky, seien Leserbriefe oder offene Briefe zum politischen Geschehen in der Stadt. Aber gerne stehe er sowohl Bieri als auch der künftigen Bürgermeisterin Isabelle Hemsley und Stadtrat Andreas Jäger mit Ratschlägen zur Verfügung, wenn sie sie denn wollten: „Sie können sich aber gerade am Anfang auch gerne mit erfundenen Problemen an mich wenden, das macht mir die Entwöhnung einfacher.“ Für den Ausklang seiner Rede wählte Kaminsky die Floskel, mit der er auch Telefongespräche beendet – auch wenn er selbst zuerst zum Hörer gegriffen hat: „Danke für den Anruf. Abschied!“
