
Neulich im Supermarkt hat sich wieder die Redensart vom alten Wein in neuen Schläuchen bewahrheitet. Nicht in der Abteilung für Hochprozentiges, sondern mitten im Kühlregal. Auf einer Milchpackung stand: „Jetzt neu. Ohne Verschluss – 40 Prozent weniger Plastik.“ Erfahrene Milchtrinker wissen: So frisch ist die Idee nicht. Schließlich hatte gefühlt noch bis vor Kurzem jeder Milchkarton ein Giebeldach zum Aufklappen und keinen Drehverschluss.
Jemandem etwas als neu oder exklusiv zu verkaufen, ist natürlich Kernaufgabe jeder Werbung, könnten Spitzfindige nun einwenden. Allerdings wird der moderne Mensch so ausdauernd mit Marketingbotschaften beworfen, dass es sich lohnt, an eine Tatsache zu erinnern: Manchmal langen Werbetreibende dermaßen daneben, dass das Resultat unfreiwillig komisch wirkt.
Ein Beleg ist der Werbespruch des Dönerladens in Frankfurt-Dornbusch: „Einmal essen, nie vergessen“ hat nur dann eine positive Werbewirkung, wenn die Mahlzeit dem Imbissbesucher nicht allzu schwer im Magen liegt. Wohl eher unbeabsichtigt mehrdeutig kommt auch der Schützenvereinsslogan „Schießen lernen, Freunde treffen“ daher.
Mehr menschliche Prüfung
Doch nicht nur in privaten Zusammenhängen kann es amüsant werden. Beispiel Dienstreise: Auf ihrem Buchungsportal versucht eine große deutsche Fluggesellschaft dem Kunden gegen Bezahlung einen festen Sitzplatz anzudienen. Die Aufpreise sind gestaffelt nach Beinfreiheit und Position im Flugzeug. So weit, so gut. Das Ganze unter der Oberkategorie „Sitzerlebnis“ zu vermarkten, wirkt aber etwas übertrieben. Gerade wer aus Reiseordnungsgründen oder Sparzwängen auf dem Weg zum Geschäftstermin lediglich das „Sitzerlebnis Classic Seat“ für 15 Euro genießen darf, könnte enttäuscht sein, bevor das Flugzeug überhaupt abgehoben hat.
Auch wegen solcher Fälle braucht es mit Blick auf die Zukunft des Marketings unbedingt mehr Nachdenken, bevor Marketingbotschaften ausgewählt werden. Denn wenn erst mal die Künstliche Intelligenz die Werbetrommel rührt, könnte alles noch viel überzogener daherkommen. Schließlich lernt das System ja aus all dem, was der Mensch bisher so fabriziert hat. Und wer weiß schon, was dann noch alles zum Erlebnis wird?
In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.
