Ein Keller im Süden der Amsterdamer Innenstadt. Eine mächtige Stahltür, mehr als einen halben Meter dick, öffnet den Weg in den dunklen alten Tresorsaal. Hier in der Zentrale der niederländischen Zentralbank lagerten bis zum Jahr 2020 über zwei Etagen verteilt Geldscheine in Milliardenwert und Gold – ein Drittel der nationalen Goldreserve, bewacht von schwer bewaffnetem Personal, eingefasst von meterdicken Betonwänden, mitten in der Hauptstadt. „Das am besten gesicherte Stück Amsterdam“, urteilt De Nederlandsche Bank (DNB).
Die Zentrale am Amsterdamer Frederiksplein, dem Friedrichsplatz, wurde beinahe fünf Jahre lang gründlich renoviert. Seit Anfang vergangenen Jahres können die 2300 Mitarbeiter in dem Bau aus den Sechzigerjahren wieder an ihren Arbeitsplatz. Mehr noch: Die DNB-Zentrale ist nun im Erdgeschoss und Keller frei zugänglich für Besucher, weil während des Umbaus das Gold und Geld umgezogen sind. 200 Tonnen Gold – 14.166 Barren und mehr als 1000 Behälter mit Münzen – reisten zu einem Zwischenlager in Haarlem und schließlich ins „DNB Cashcentrum Zeist“ gut 40 Kilometer südöstlich Amsterdams. Der alte Tresor, nun geld- und goldlos, ist umgetauft in „Die Neue Schatzkammer“. Ein pensionierter Tresorverwalter namens Willem beantwortet per Video Fragen.
„Vertrauensanker und Reserve in Zeiten der Krise“
„Das Gold wird vor allem als Reserve gehalten und ist seit je ein Vertrauensanker“ – diese Rolle schreibt die Notenbank dem Metall zu. Aus aktuellem Anlass kommt die Goldreserve wieder in die Schlagzeilen. Die DNB hat soeben mitgeteilt, sie habe zwischen März und August 86 Tonnen aus Nordamerika abgebaut und damit mehr als ein Viertel des dort gelagerten Bestands. Weitaus der größte Teil betrifft die Vorräte in der Notenbank Fed in den USA, ein kleiner Teil jenen in der kanadischen Zentralbank in Ottawa. Die entsprechende Menge liegt nun bei der Bank of England in London. Der Grund für den Schritt: „zunehmende weltpolitische Unruhe“, wie die DNB mitteilt. International läuft schon seit Längerem eine Diskussion, ob die USA für ausländisches Gold noch der richtige Platz sind unter der Regierung eines unberechenbaren und europaskeptischen Präsidenten Donald Trump.
Dass das niederländische Gold überhaupt international verstreut ist, erklärt die Dauerausstellung am Frederiksplein historisch. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, hält die Zentralbank Vorräte in Amsterdam und Rotterdam: „Der Goldvorrat aus Amsterdam wird gerade noch rechtzeitig nach New York und London abtransportiert. Mit dem Vorrat in Rotterdam läuft es schlechter ab.“ Denn ein Schiff mit einem Teil des dortigen Golds stößt auf eine Mine und sinkt, die Deutschen nehmen als Beute, was sie finden können. „Nach dem Krieg bekommen die Niederlande nur einen kleinen Teil des gestohlenen Golds zurück“, ist zu lesen. Heute gilt die Verteilung des Golds über die Welt als Mittel, um Risiken zu streuen.

Geht es sicherer als auf dem Militärgelände?
Die fünftgrößte Volkswirtschaft der EU bevorratet 612 Tonnen Gold. Zuletzt lag zusammengenommen etwas mehr als die Hälfte in Nordamerika: 31,3 Prozent in New York und 19,7 Prozent in Ottawa. Mit dem Umzug nach London sind beide Anteile auf jeweils 18,5 Prozent gesunken. Je etwa gleich viel lagert nun in London (gut 32 Prozent) und in Zeist (knapp 31 Prozent).
Der Ort Zeist ist sonst eher Sportliebhabern bekannt: als Sitz des Fußballbundes KNVB und Trainingsort, an dem sich die Nationalmannschaft gerne auf Länderspiele und Turniere vorbereitet. Das „Cashcentrum Zeist“ der DNB liegt etwas außerhalb. Der Name vermittelt nicht das ganze Bild. Wer durch waldreiche Gegend dorthin radeln will, stößt auf ein weiträumig abgesperrtes Terrain hinter Zäunen und Schranken: das Militärgelände Camp New Amsterdam, denn auf ihm hat die Zentralbank ihren Bau errichtet. Viel sicherer sind Wertgegenstände nicht aufzubewahren.
Zeist hat auch im Goldumzug der vergangenen Monate eine Rolle gespielt, obwohl sein Vorrat per saldo unangetastet bleibt. Die DNB beschreibt die Aktion so: Den Löwenanteil der 86 Tonnen Gold hat die Bank in New York verkauft, in London eine entsprechende Menge gekauft. Daneben sind aber 27 Tonnen aus den USA und Kanada physisch nach Zeist transportiert worden. Von dort reiste eine ebenso hohe Menge ebenfalls physisch nach London.
Sorgen um Abhängigkeit von den USA
Offiziell begründet die DNB ihre Entscheidung zum einen damit, sie wolle angesichts der geopolitischen Unruhe besser für Krisen gewappnet sein. Dafür sei leicht einsetzbares Gold wichtig, und das bei der Bank of England lagernde Gold gelte als das am leichtesten handelbare der Welt. Zum anderen sei der Vorrat zwischen Nordamerika, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden nun ausgeglichener verteilt. „Wir gehen davon aus, dass wir das Gold nie einsetzen müssen“, ließ sich DNB-Präsident Olaf Sleijpen schriftlich zitieren: „Trotzdem ist es nötig, dass wir unsere Widerstandsfähigkeit und Einsatzbereitschaft verstärken.“
Andererseits hat sich die DNB seit der Rückkehr Trumps ins Präsidentenamt besorgt über die transatlantischen Beziehungen gezeigt. So warnte sie davor, sich dauerhaft abhängig von den beherrschenden amerikanischen Zahlungsdienstleistern abhängig zu machen. Was das Gold in New York angeht, hatte sie aber noch vor Monaten Handlungsbedarf verneint.
Die Niederlande hatten schon 2014 einen beträchtlichen Teil des Golds aus den USA abgezogen – es damals allerdings nicht nach London verbracht, sondern in die Heimat. Der US-Anteil am Goldschatz sank von 51 Prozent auf 31 Prozent, der heimische Anteil verdreifachte sich fast. Ein Motiv war damals, „zu einem positiven Vertrauenseffekt in der Öffentlichkeit“ beizutragen – also die Bürger zu beruhigen.
Frankreich handelt, was macht Deutschland?
Aus Frankreich wurde vor Monaten bekannt, dass das Land sein US-gelagertes Gold verkauft hat. In Deutschland hat der Bund der Steuerzahler gefordert, die in New York gelagerten Goldbestände abzuziehen. Die Bundesbank hielt nach eigenen Angaben zu Ende vergangenen Jahres 3350 Tonnen Gold, davon 51 Prozent bei sich in Frankfurt, 37 Prozent bei der Fed in New York und zwölf Prozent in London.
Zurück im Tresorsaal in Amsterdam mahnt die DNB: Es zählt noch anderes als das Materielle. „Nicht alles im Leben dreht sich um Gold oder Geld“, sagt der Führer in der Multimediapräsentation – und schließt mit einer Frage an den Besucher: „Was ist für Sie von Wert?“
