
„Bekannt aus Funk und Fernsehen“ – das war mal ein Spruch, mit dem mehr oder minder große Berühmtheiten für sich werben durften. Er ist ebenso aus der Mode geraten wie der Begriff „Funkausstellung“ für die Elektronikmesse, die am Freitag in Berlin beginnt. Podcasts und Streaming lösen lineares Radio und TV ab – ein Grund, weswegen die nach eigener Einschätzung größte Konsumelektronikschau der Welt heute nur noch als IFA firmiert. Das Kürzel wird inzwischen mit „Innovation for all“ übersetzt statt mit Internationaler Funkausstellung. Und diese Innovation dreht sich in jeder Hinsicht um den technologischen Megatrend: Künstliche Intelligenz.
KI in Haushaltsgeräten, KI in Autos, KI im Einkaufsprozess: Attraktivität versucht die IFA, die im Jahre 1924 ihre Erstauflage erlebte, daraus zu schöpfen, indem sie das liefert, was die Existenz von Präsenzmessen heute noch rechtfertigt: Nicht nur neue Geräte, sondern Beispiele, sogenannte Showcases, was Technik konkret leistet. Man schaffe Orientierung in einer Zeit, in der sich Technologie schneller verändere als je zuvor, gibt IFA-Chef Leif Lindner die Leitlinie vor.
„Das ist mehr als ein Showeffekt“
Mit einem KI-Thema ist die IFA 2026 besonders präsent. Der Innovationsbereich „Next“ biete in diesem Jahr die bislang größte Bühne für humanoide Roboter, heißt es. Bis Dienstag will die Schau vielfältige Beispiele von Robotern und robotischen Anwendungen präsentieren. „Das ist mehr als ein Showeffekt“, versichert IFA-Mann Lindner. Vielmehr rückten Robotics und KI immer näher an den Alltag heran, sei es im Haushalt, sei im Dienstleistungssektor, im Gesundheitswesen oder in der Industrie.
In der Veranstaltung „Robots on the runway“ werden die Humanoiden auf den Laufsteg geschickt, im „Robocup“ treten sie gegeneinander an, unter anderem als Fußballmannschaft. Zu den Ausstellern gehören Unternehmen wie Primebot Robots, EngineAI, Cozio Robotics, Dobot Robot, Deep Robotics, Agibot, Unitree, ZBy, Ollobot, Astrall Dynamics und Aimoga.
Eine Weltpremiere verspricht die Messe im Bereich KI und Auto. Gemeinsam mit zwei weiteren Partnern zeigen der Facebook-Konzern Meta und die VW-Konzernmarke Cupra am Automodell Raval, wie „Menschen künftig intuitiver mit komplexen Produkten interagieren können“. Apps, Handbücher oder Menüs seien nicht mehr nötig, wird versprochen. Stattdessen genüge ein Blick auf das Produkt und eine natürliche Frage. Über KI-Brillen wird erfasst, was der Nutzer sieht.
Die Technik soll auch Gesten und Fingerzeige interpretieren können und schließlich Antworten und Hilfestellungen „unmittelbar am physischen Produkt“, also im Raval, liefern können. So gebe es Erklärungen zu Fahrzeugfunktionen, eine Schritt-für-Schritt-Unterstützung für die Einstellungen sowie Hilfe in Bedien- und Wartungsfragen.
Das Ende der Hausarbeit?
„Mit diesem Projekt untersuchen wir, wie AI Glasses als mögliche nächste Generation persönlicher Endgeräte das Fahrerlebnis sinnvoll erweitern können“, sagt Cupra- und Seat-Marketingdirektor Giuseppe Fiordispina. Meta erwartet, dass das Anwendungsbeispiel das Potential der KI-Brillen zeigt. Letztlich soll es nicht auf Autos beschränkt bleiben: „Ob Fahrzeug, Waschmaschine, Fernseher oder Industrieanlage ist dabei letztlich zweitrangig.“
Damit könnten smarte Brillen tatsächlich der Tech-Nische entkommen, in der sie seit Jahren stecken. Indizien gibt es: Erstmals hat das Marktforschungsunternehmen Niq „relevante Absatzmengen“ jenseits klassischer Virtual-Reality- und Spielebrillen identifiziert. Noch freilich klingen die Zahlen bescheiden. Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Deutschland zwar gut dreimal mehr Brillen verkauft als im Vorjahreszeitraum. Absolut waren es aber immer noch lediglich rund 12.200 Stück.
KI als Wachstumstreiber – diese Hoffnung soll auch andere Produktkategorien beflügeln. Wie die Hausgeräte. Schon in den vergangenen Jahren versuchte die Branche, ihren Kunden immer stärker vernetzte Geräte schmackhaft zu machen. Heute soll eingesetzte KI gar das „Ende der Hausarbeit“ einläuten. „Wäsche einlegen. Start drücken. Fertig“ verspricht Anbieter Miele. Allerdings handelt es sich beim Modell „Gary“ noch um eine Konzeptstudie mit intelligenter Sensorik und KI, die erkennt, was sich in der Trommel befindet, und Waschprozess und Waschmitteldosierung darauf abstimmt.
Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in der Küche. Ein Backofen von Siemens Hausgeräte identifiziert mehr als 100 Gerichte automatisch und schlägt die passenden Einstellungen vor. Auch Geschirrspüler sind schon so weit: „Einräumen, Tür schließen, fertig“ lautet eine Herstellerdevise. Vielleicht erübrigt sich sogar das Einräumen in Zukunft, wenn gefühlvolle Roboter mehr und mehr in Privathaushalten aktiv werden.
Ob all diese KI-Automatik-Trends dazu führen, dass das Geschäft der Branche einen neuen Schub erhält? Das bleibt im Vorfeld der IFA ungewiss. Die präsentierten Zahlen zeichnen ein zwiespältiges Bild. Im engeren Bereich der Unterhaltungselektronik, also dem Geschäft mit Fernsehern, Audiogeräten und Digitalkameras, sind laut dem Digitalverband Bitkom die Umsätze in Deutschland weiter rückläufig. Corona-Höchststände von 9,3 Milliarden Euro sind Geschichte; für 2026 werden noch 7,6 Milliarden Euro Umsatz erwartet. Das entspricht einem Minus von 2,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Siebträgermaschinen und „Space-Fit“-Kühlschränke
International sieht der Branchenverband GFU den breiter definierten globalen Markt für Technologie- und Gebrauchsgüter trotz geopolitischer Spannungen, anhaltender Inflation und erheblicher Belastung der Lieferketten als „widerstandsfähig“ an. Im ersten Halbjahr 2026 sei der Umsatz (ohne Nordamerika und Russland) um 6 Prozent auf 430,5 Milliarden Dollar gestiegen.
Besonders gut verkauft haben sich demnach freistehende „Space-Fit“- Kühlschränke, außerdem Waschmaschinen mit Dampf-Reinigungsmodus, Espresso-Siebträgermaschinen, Saugroboter, KI-PCs sowie Fernseher mit einer Bildschirmdiagonale von 75 Zoll oder größer. Als zentrale Wachstumspotentiale für 2026 zeichneten sich Produkte mit KI, alltagserleichternde Robotik und Wearables der nächsten Generation ab. GFU-Geschäftsführerin Carine Chardon gibt sich überzeugt: „Der Markt ist stärker, als es die Stimmung vermuten lässt.“ Die vier IFA-Tage bis Dienstag dürften wichtige Hinweise liefern, ob diese Einschätzung gerechtfertigt ist.
