
Wella strebt an die Börse in New York. Das geht aus einem Antrag von „The Wella Company“ bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC hervor. Die Pläne hatten sich schon Anfang des Jahres abgezeichnet. Neben der in Deutschland bekannten Marke für Haarpflege Wella gehören zum Unternehmen auch die Marken Clairol, Sebastian Professional und Nioxin.
Damit erreicht eine turbulente Unternehmensgeschichte mit Eignerwechseln einen vorläufigen Endpunkt: vom börsennotierten Familienunternehmen mit Sitz in Darmstadt zum Konzern an der New Yorker Börse. 2003 veräußerte die Eignerfamilie Ströher die Mehrheit am Kosmetikkonzern für rund 6,5 Milliarden Euro an Procter & Gamble, zur Überraschung und zum Entsetzen vieler in Darmstadt.
Von den Strukturen des Unternehmens blieb wenig übrig. Mit Wella kaufte sich P&G in das Profigeschäft ein, also das Geschäft mit Friseuren. Aber genau dies vernachlässigten die Amerikaner, das galt in der Branche als offenes Geheimnis. Viele Friseure würden nicht mehr so häufig besucht von den alten Wella-Leuten, P&G habe Wella einfach seine Strukturen übergestülpt, die individuelle Kundenbetreuung gehörte nicht zu den Stärken, so Kritiker.
Wella wieder mit Gewinn
So verkaufte P&G nach mehr als einem Jahrzehnt das, was im Wesentlichen die alten Wella-Geschäfte waren, an den Konkurrenten Coty. Der aber reichte sie – als Konsequenz einer weiteren strategischen Kehrtwende – in mehreren Anteilsverkäufen an den US-Finanzinvestor KKR weiter. Zuletzt durfte sich Wella über positive Geschäftszahlen freuen.
Für das am 30. Juni abgelaufene Fiskaljahr konnte das Unternehmen einen Umsatz von 2,9 Milliarden Dollar verbuchen. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen betrug 522 Millionen, die Ebitda-Marge damit 18 Prozent. Nach einem Verlust im Vorjahr lag der Nettogewinn bei 62 Millionen Dollar.
Aus der Sicht von Markenfachmann Klaus-Dieter Koch könnten die Voraussetzungen für einen Börsenstart dennoch kaum schlechter sein. Der Gründer der Unternehmensberatung Brandtrust sieht Wella auf äußerst wackligen Beinen. Die Geschäftszahlen der vergangenen Jahre seien eigentlich nicht stabil genug für einen Börsengang.
Berater Koch: „Es ist Respektlosigkeit, die Marken tötet“
Die Stärke einer Marke resultiert seiner Meinung nach zur Hälfte aus der Vergangenheit und zur Hälfte aus den Zukunftsperspektiven. Die DNA von Wella verortet er im Geschäft mit Friseuren. „Von Profis für Profis, das ist der Kern von Wella“, sagt Koch im Gespräch mit der F.A.Z. Auch heute bezeichnet sich Wella Professionals als die globale Nummer eins der Haarfärbemarken in Friseursalons. Doch er traut dem neuen Chef Calvin McDonald nicht zu, die Wurzeln des Unternehmens zu bewahren und zugleich stärker auf den klassischen Verbrauchermarkt zu setzen. Der Wandel sei überhastet: „Es ist Respektlosigkeit, die Marken tötet.“ Er rät davon ab, die Aktie zu kaufen.
Carsten Kortum, Handelsprofessor an der DHBW Heilbronn, widerspricht Koch. Die Bekanntheit von Wella sei immer noch groß und die Wahrnehmung positiv. Im Gegensatz zu Koch traut er dem Unternehmen zu, den Spagat zwischen Profi- und Endverbrauchergeschäft zu meistern. Mit Blick auf die aktuellen Branchendaten hält Kortum einen stärkeren Fokus auf das Endverbrauchergeschäft durchaus für sinnvoll.
Insgesamt konnten die deutschen Hersteller für Schönheitspflege mit 6,3 Prozent 2025 stärker wachsen als der restliche Einzelhandel. Während der Bereich Haarpflege um 8,1 Prozent zulegen konnte, nahmen zwei Segmente sogar zweistellig zu: Haut- und Gesichtsmittel mit 11,1 Prozent und sonstige Schönheitspflegemittel mit 14,1 Prozent. Auch im ersten Quartal 2026 konnte die Schönheitspflege mit 2,2 Prozent ein Plus verzeichnen, berichtete der Industrieverband Körperpflege und Waschmittel.
Laut Kortum ist das Geschäft stabil und verspricht gut kalkulierbare Margen. Das spreche für Wella und den Börsengang. Das aktuelle Marktumfeld hält er für vielversprechend: „Warum länger mit einem Börsenstart warten? Es wird wohl nicht besser.“ Das größte Risiko für Anleger sei die Frage, wie gut es Wella gelinge, Schulden abzubauen. Sein Börsenglück in New York statt in Frankfurt zu versuchen, ist aus seiner Sicht verständlich: „Die USA versprechen derzeit mehr Erfolg.“
Das ursprünglich deutsche Familienunternehmen landet, wenn alles nach Plan läuft, nun nach vielen Umwegen an der New Yorker Börse. Die Nachricht fällt in einen Sommer, der auch aktuelle Aushängeschilder der deutschen Wirtschaft nach Amerika abwandern sieht. Im vergangenen Monat kündigte der Lüftungstechnikhersteller EBM-Papst an, sich an den US-Konzern Madison Air zu verkaufen, mit einer Bewertung in der Größenordnung von fünf Milliarden Euro.
Diese Woche stellte sich heraus, dass die Gesellschaft Kelvion, die unter anderem Datenzentren mit Kühlsystemen beliefert, einen ähnlichen Weg nimmt. Apollo hatte das Unternehmen Anfang des Jahres erst erworben und wird es jetzt schon wieder weiterreichen, für umgerechnet 3,5 Milliarden Euro Bewertung einschließlich Schulden – an den amerikanischen Technikkonzern SLB, der als vorläufig endgültiger Eigentümer gelten darf.
