
Für die breite Öffentlichkeit hat das Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech den Status als Vorzeigeunternehmen verloren. Der Rückzug der Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci bis zum Jahresende war der erste Einschnitt, der im März für Aufsehen sorgte. Dass nun auch 1860 Mitarbeiter gehen müssen, bringt das Bild des Corona-Stars endgültig ins Wanken. Von der Politik über die Belegschaft bis zum Curevac-Gründer Ingmar Hoerr musste sich das Unternehmen in den vergangenen Tagen heftige Vorwürfe anhören. Die Rede war von „Täuschung“, davon, ein mRNA-Unternehmen erst zu kaufen und dann zu „killen“ und schließlich von Missachtung der Gründer.
In der Hauptversammlung am Freitagnachmittag hat sich Uğur Şahin erstmals selbst zum geplanten Stellenabbau geäußert. Die Entscheidung, die Produktionsstandorte in Idar-Oberstein, Marburg, Tübingen und Singapur bis Ende 2027 zu schließen, hätten sie „schweren Herzens und nach sorgfältiger Analyse“ getroffen. Doch seien die Schließungen Teil einer Übergangsphase, die Veränderungen bedinge, um Biontech zu kommerzialisieren und mehrere Produkte zur Zulassung zu bringen. Auf diese Weise hofft das Unternehmen, bis zum Jahr 2029, wenn alles vollständig abgewickelt ist, jährlich rund 500 Millionen Euro einzusparen.
„Uns ist sehr bewusst, wie tiefgreifend solche Entscheidungen für unsere Mitarbeitenden und ihre Familien sind“, betonte der Gründer und lobte ihre herausragende Arbeit. Es sei ihnen wichtig gewesen, die Entscheidung früh bekannt zu geben, obwohl noch einige Details offen seien. „Unabhängig davon gilt: Allen Betroffenen werden sozialverträgliche Lösungen angeboten,“ versicherte Şahin. Biontech stehe dazu im Austausch mit Politik, Wissenschaft und regionalen Partnern, um gemeinsam für verschiedene Standorte tragfähige Perspektiven zu prüfen.
Aktionäre sorgen sich um Verlust von Knowhow
Die Aktionäre scheint der vorgesehene Stellenabbau derweil wenig umzutreiben. Nachfragen dazu gab es während der virtuell übertragenen Hauptversammlung keine. Eher sorgt der Rücktritt der Gründer für Verunsicherung. Da Şahin und Türeci vorhaben, ein neues Unternehmen mit Fokus auf mRNA-Forschung zu gründen, fragte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), warum es dem Gründerpaar nicht möglich sei, sich innerhalb Biontechs weiterzuentwickeln? Daraufhin wies der Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Jeggle auf verschiedene Zielsetzungen hin. Während sich Biontech auf seine fortgeschrittene Pipeline im Bereich der Onkologie konzentriere und die Markteinführung vorangetrieben werde, ginge es Türeci und Şahin bei ihrer Neugründung darum, innovative Technologien zu entwickeln, die es in dieser Form heute noch nicht gebe.
Nachfragen dazu, wie genau die Beteiligung Biontechs an dem neuen Start-up aussehen wird, gab es auch. Doch fiel die Antwort darauf ebenso aufschlussreich wie in den Wochen zuvor aus. Jeggle wiederholte nur, dass Biontech seine Technologie einbringen würde, wofür es im Gegenzug eine Minderheitsbeteiligung und Meilensteinzahlungen erhalten würde. Dass Mitarbeiter von Biontech in die Neugründung übersiedeln könnten und damit wichtiges Knowhow verloren gehen könnte, verneinte Jeggle aber entschieden.
Auch beschwichtigte er, dass mit dem Weggang der Gründer keine Patente abwandern würden. „Die Rechte am geistigen Eigentum, einschließlich Patente, Marken und Technologieplattformen sind Vermögenswerte der BionTech Gruppe.“ Wenig überraschend fielen in der Versammlung noch keine konkreten Namen zu den potentiellen Nachfolgern, die die CEO-Rolle und den Posten der Forschungschefin übernehmen könnten. Jeggle informierte nur, bei der Suche nach geeigneten Kandidaten „erhebliche Fortschritte“ gemacht zu haben.
Wieder keine Dividende
Am Ende müssen für die Aktionäre vor allem die Zahlen stimmen. Eine Dividende wurde ihnen nach dem Jahr 2022, als der Nettogewinn dank der hohen Impfstoff-Nachfrage noch 9,4 Milliarden betrug, nicht mehr ausgezahlt. Seither gehen die Umsätze aus dem Covid-Geschäft immer weiter zurück. Gleichzeitig ist noch keines der derzeit 17 laufenden klinischen Programme aus der Krebsforschung auf dem Markt. Im vergangenen Jahr schlug daher ein Nettoverlust von über einer Milliarde Euro und Forschungsausgaben in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro zu Buche.
Entsprechend hat die Aktie eine Achterbahnfahrt hinter sich. Aktuell notiert sie bei knapp unter 80 Euro, während sie zur Hochphase der Pandemie Spitzenwerte von mehr als 300 Euro erzielt hatte. Analysten, zum Beispiel von Morgan Stanley, halten dennoch Kursziele oberhalb der 100-Euro-Grenze für realistisch und raten weiterhin zum Kauf.
Doch die Ungeduld der Aktionäre wächst. Bei der Hauptversammlung von Biontech sprach sich die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) klar für eine Dividendenzahlung aus. Diese will Biontech erneut verschieben und bat daher, den Bilanzgewinn von rund sieben Milliarden Euro aus dem Vorjahr auf die neue Rechnung des Jahres 2026 vorzutragen. Stattdessen will das Unternehmen ein Aktienrückkaufprogramm in Höhe von bis zu einer Milliarde US-Dollar über die nächsten zwölf Monate durchführen, um so den Gewinn je Aktie zu steigern.
„Dieses Programm gibt uns die Möglichkeit, Kapital in Zeiten einzusetzen, in denen unser Aktienkurs möglicherweise nicht dem inneren Unternehmenswert entspricht“, erklärt Finanzchef Ramón Zapata. Gleichzeitig stellte er klar, dass die Forschungspipeline der wichtigste Werttreiber bleibe. „Der Rückkauf stützt den Aktienkurs, ist aber nicht ausschlaggebend. Die eigentliche Wertschöpfung bei Biontech liegt weiterhin in der klinischen Umsetzung unserer Onkologie-Pipeline“, so Zapata.
Den Vertretern der SdK fehlte hingegen ein empirischer Nachweis dafür, dass Aktienrückkäufe dauerhaft zu einer Steigerung des Aktienkurses beitragen. „Wäre es nicht fair, wenigstens einen Teil des Geldes für eine erste Dividende zu nutzen?“, fragten sie. Zapata gab darauf zurück, Rückkäufe für das richtige Mittel zu halten, „da sie eine flexible und zugleich disziplinierte Form der Kapitalrückführung ermöglichen“. Erst, wenn sich das Unternehmen aus der Verlustzone rausbewegt, werde der Vorstand andere Optionen prüfen.
Der Aufsichtsrat bekommt zwei neue Mitglieder
Dennoch stimmten die Aktionäre zu, das Genehmigte Kapital für 2026 um die maximal zulässige Höchstgrenze von 50 Prozent des Grundkapitals zu erhöhen. Genau soll es durch die Ausgabe von Aktien auf etwa 129,5 Millionen Euro steigen. Dadurch soll die Unternehmensführung mehr finanziellen Spielraum für die laufenden Forschungsprojekte und potentielle Zukäufe bekommen. Zuletzt verwendete Biontech etwa die Erhöhung des Genehmigten Kapitals für die Übernahme des Rivalen Curevac im vergangenen Jahr. Um Verwässerungen zu verhindern, wollen die Mainzer den Ausschluss des Bezugsrechts auf maximal 10 Prozent begrenzen. Aktionäre können so nicht unbegrenzt neue Aktien vorrangig erwerben.
Nicht nur werden im Zuge des Unternehmensumbaus die Geschäftsführer wechseln. Auch die Aufstellung des Aufsichtsrats ändert sich, was die klinische Forschung von Biontech ebenfalls in Richtung Markteinführung treiben soll. Von aktuell sechs Mitgliedern wird der Kreis auf insgesamt acht Aufsichtsräte erweitert. Zum einen kommt die Chemikerin Susanne Schaffert, die bis 2022 den Onkologie-Bereich bei Novatis leitete, dort im Vorstand saß und heute unter anderem Aufsichtsratsmitglied bei Merck ist, dazu. Als zweite Neubesetzung stößt die Internistin Iris Loew-Friedrich, die mehr als 15 Jahre beim belgischen Pharma- und Biotechnologieunternehmen UCB in verschiedenen Führungspositionen arbeitete, dazu. Die Mandate von Aufsichtsratchef Jeggle, Anja Morawietz, und Rudolf Staudigl wurden zudem verlängert.
Pumitamig als Hoffnungsträger
Die Strategie, zu einem führenden Anbieter für Krebstherapien zu werden – so wie es Şahin und seine Frau Türeci seit der Gründung von Biontech anstreben – bekräftigte der scheidende Biontech-Chef auf der Hauptversammlung erneut. Ziel sei es, die Erlöse aus dem Covid-Geschäft für die Krebsforschung zu nutzen, um bis 2030 mehrere Produkte auf den Markt zu bringen. Gleichzeitig will das Unternehmen seine führende Rolle im Markt für Corona-Impfstoffe beibehalten, auch wenn der Bedarf kleiner geworden ist, so Şahin.
Als Hoffnungsträger gilt besonders der Wirkstoff Pumitamig, ein gemeinsames Projekt mit dem US-Pharmariesen Bristol-Myers Squibb, der gegen verschiedene Krebsarten, darunter Brustkarzinome, Darm- und Magenkrebs und zwei Varianten von Lungentumoren eingesetzt werden soll. Dabei kombiniert Pumitamig zwei Wirkmechanismen in einem Molekül, wodurch Tumorzellen vom Immunsystem besser erkannt und zerstört und ihr Wachstum unterdrückt werden sollen. In Kombination mit anderen Wirkstoffen erhofft sich Biontech zudem eine noch höhere Wirksamkeit und Synergieeffekte, die in verschiedenen Studien derzeit erprobt werden.
Auch dazu stellten die Aktionäre Fragen. Eine geäußerte Sorge war etwa, dass durch mehrere mit Pumitamig laufende Kombinationsstudien herauskommen könne, dass diese gegenüber dem Behandlungsstandard keine deutliche Verbesserung erzielen könnten. „Was ist, wenn Sie keine signifikante Verbesserung gegenüber dem Wettbewerb zeigen können? Sind Kombitherapien dann tot?“, lautete der Einwand. Der Unternehmenschef selbst gab darauf die Antwort. Die bisherigen Studiendaten deuteten darauf hin, dass der Wirkmechanismus von Pumitamig so stark sei, dass es als Monotherapie oder bereits in Kombination mit Chemotherapie wettbewerbsfähig sein könnte.
Am Ende der Versammlung stimmten die Aktionäre jedem Tagesordnungspunkt mit nahezu 99 Prozent der Stimmen zu. Die Welle der Entrüstung, die Biontech gerade nach Bekanntwerden der Entlassungen von fast 2.000 Mitarbeitern ereilte, spiegelte das Zusammentreffen der Aktionäre in keiner Weise wider. Sie scheinen fest hinter den Umbauplänen und der Krebsforschung zu stehen.
